Zwei Kinder, vier Namen, eine Modedesignerin, eine griechische Göttin, ein römischer Kaiser – und eine Familien-Demokratie, bei der ausgerechnet die Hauptbetroffenen kein Stimmrecht hatten
Es gibt Entscheidungen im Leben, die trifft man innerhalb weniger Sekunden. Nehme ich noch ein Stück Kuchen? Bestelle ich das Bier oder doch lieber Wasser? Kaufe ich dieses Buch wirklich – obwohl zu Hause bereits ungefähr 37 ungelesene Bücher darauf warten, endlich beachtet zu werden?
Und dann gibt es Entscheidungen, über die man Wochen und Monate diskutiert, Listen anlegt, Namen durchstreicht, wieder aufnimmt, laut ausspricht, leise vor sich hin murmelt und mit dem Nachnamen kombiniert.
Die Namenswahl für ein Kind gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Schließlich sucht man hier nicht einfach irgendeine Bezeichnung aus. Man vergibt einen Namen, den ein Mensch im günstigsten Fall sein ganzes Leben mit sich herumträgt. Auf dem Klingelschild, im Schulzeugnis, im Reisepass, später vielleicht auf einer Visitenkarte – und irgendwann womöglich auf jenem Formular, auf dem man selbst erklären muss, warum die Eltern damals genau diese Idee hatten.
Das Bemerkenswerte daran: Die Person, die den Namen anschließend mehrere Jahrzehnte lang benutzen soll, kann bei dieser Entscheidung nicht mitreden. Sie ist zwar anwesend, liegt aber noch gut verpackt im Bauch und hat weder Rede- noch Stimmrecht.
Demokratie sieht streng genommen anders aus.
Wie aus einer Designerin unsere Jette wurde
Als sich im Jahr 2007 unsere Tochter ankündigte, begann also das große Namenscasting.
Es wurden Vorschläge gesammelt, diskutiert und vermutlich auch wieder verworfen. Manche Namen scheitern bereits beim ersten Aussprechen. Andere gefallen einem zunächst hervorragend, verlieren aber an Glanz, sobald man sie fünfmal hintereinander mit dem Familiennamen kombiniert. Und wieder andere erinnern einen unweigerlich an jemanden aus der eigenen Vergangenheit, mit dem man den Namen nun wirklich nicht auf alle Ewigkeit verbinden möchte.
Namen sind schließlich nie vollkommen neutral. Sie tragen Bilder, Erinnerungen und manchmal auch kleine Vorurteile mit sich herum.
Den entscheidenden Impuls gab schließlich Jette Joop. Die Designerin, ihr Name, ihre Person und alles, was meine damalige Lebenspartnerin darüber gelesen oder erfahren hatte, führten dazu, dass „Jette“ immer weiter nach oben auf unserer Liste wanderte.
Bis es irgendwann nicht mehr nur ein Vorschlag war.
Jette wurde zur Favoritin.
Der Name war kurz, klar und besonders, ohne kompliziert zu wirken. Kein Name, bei dem man bei jeder Vorstellung eine dreiminütige Gebrauchsanweisung mitliefern musste. Er klang selbstbewusst, freundlich und hatte etwas Eigenständiges. Jette – das passte.
Damit war der Vorname geklärt. Aber ein zweiter Name sollte ebenfalls her.
Und an dieser Stelle forderte ich mein demokratisches Mitspracherecht ein.
Wenn schon Jette gewissermaßen aus der Welt der Mode kam, wollte ich zumindest beim Zweitnamen ein eigenes Zeichen setzen. Natürlich nicht in Form eines politischen Gegenantrags oder eines nächtlichen Namensputsches. Es ging friedlich zu. Aber mir war wichtig, dass auch meine Gedanken und meine Begeisterung für Geschichte in diesem Namen ihren Platz fanden.
Meine Wahl fiel auf Nike.
Eine Göttin – lange vor dem Turnschuh
Wer heute „Nike“ hört, denkt vermutlich zuerst an Sportschuhe, Trikots, Werbespots und den weltberühmten geschwungenen Haken. Vielleicht taucht vor dem inneren Auge auch sofort irgendein perfekt trainierter Mensch auf, der bei Sonnenaufgang durch eine menschenleere Großstadt joggt, während wir selbst noch darüber nachdenken, ob der Weg zur Kaffeemaschine bereits als Frühsport zählt.
Aber der Name Nike ist wesentlich älter als jeder Sportartikelkonzern.
In der griechischen Mythologie ist Nike die Göttin des Sieges. Sie steht für Erfolg, Stärke und den Triumph – oft dargestellt mit Flügeln. Das berühmteste Kunstwerk, das mit ihr verbunden ist, ist wohl die Nike von Samothrake, jene eindrucksvolle antike Statue, die heute im Louvre steht.
Der Name besitzt also eine Tiefe, die weit über Turnschuhe hinausgeht.
Und genau das gefiel mir daran.
Nike war kurz und kraftvoll. Der Name ergänzte Jette, ohne mit ihm zu konkurrieren. Er trug eine Bedeutung in sich, aber keine Erwartung, die ein Kind erfüllen müsste. Unsere Tochter musste schließlich weder jede Schlacht gewinnen noch später zwingend Leistungssportlerin werden. Es ging um das Bild dahinter: Stärke, Eigenständigkeit und vielleicht auch darum, mit offenen Flügeln durchs Leben zu gehen.
So entstand schließlich:
Jette Nike.
Eine Verbindung aus moderner Inspiration und antiker Mythologie. Aus Mode und Geschichte. Aus mütterlichem Favoriten und väterlichem Bildungsauftrag.
Oder etwas weniger feierlich formuliert: Jette Joop traf auf eine griechische Göttin – und beide einigten sich erstaunlich friedlich auf denselben Personalausweis.
Sechs Jahre später begann die nächste Namenskonferenz
Im Jahr 2013 kündigte sich unser Sohn an.
Man könnte nun meinen, wir seien nach den Erfahrungen mit der ersten Namensfindung bestens vorbereitet gewesen. Immerhin hatten wir bereits einmal erfolgreich einen Menschen benannt. Wir waren also gewissermaßen keine Anfänger mehr, sondern verfügten über einschlägige Praxiserfahrung.
Doch jedes Kind ist anders – und damit beginnt auch die Namenssuche wieder von vorne.
Diesmal kam von meiner damaligen Partnerin ein Vorschlag, der mich unmittelbar betraf:
„Du nennst dich Nic. Dann nennen wir ihn Nick.“
Mit „ck“.
Was soll ich sagen?
Ich fühlte mich geehrt.
Andere Väter geben ihren Söhnen eine Uhr, eine Leidenschaft für einen Fußballverein oder zweifelhafte handwerkliche Ratschläge mit auf den Weg. Mein Sohn bekam gleich zu Beginn eine Variante meines Namens. Aus Nic wurde Nick. Ein zusätzlicher Buchstabe – und schon war die nächste Generation sprachlich auf den Weg gebracht.
Natürlich hätte ich an dieser Stelle lange überlegen und mich betont bescheiden geben können. Ich hätte sagen können: „Ach, das ist doch nicht nötig.“ Oder: „Wir sollten ihm lieber etwas ganz Eigenes geben.“
Aber manchmal sollte man eine Ehre einfach annehmen, bevor sie sich jemand noch einmal anders überlegt.
Also war ich einverstanden.
Nick stand fest.
Der Name war vertraut, unkompliziert und dennoch eigenständig. Er stellte eine Verbindung zwischen uns her, ohne eine Kopie zu sein. Denn so ähnlich Nic und Nick auch klingen: Unser Sohn sollte natürlich niemals ein kleiner Doppelgänger werden müssen. Kinder sind keine Fortsetzungen ihrer Eltern, keine Neuauflagen und schon gar keine korrigierten Versionen. Sie schreiben ihre eigene Geschichte.
Aber ein kleines sprachliches Band zwischen Vater und Sohn durfte trotzdem sein.
Wenn der Vater gedanklich ins alte Rom reist
Nun fehlte noch der Zweitname.
Und während andere Menschen vielleicht einfach ein Namensbuch aufschlagen und spontan auf Seite 73 zeigen, begann bei mir erneut die historische Spurensuche. Diesmal führte sie nicht ins antike Griechenland, sondern direkt nach Rom.
Dort landete ich bei Marcus Aurelius.
Aurelius – das klang nicht nur eindrucksvoll, sondern verband sich für mich mit einer historischen Persönlichkeit, über die ich viel gelesen hatte. Marcus Aurelius war römischer Kaiser, ist der Nachwelt aber vor allem auch als philosophischer Herrscher und Vertreter der Stoa in Erinnerung geblieben. Seine „Selbstbetrachtungen“ beschäftigen sich mit Verantwortung, Vernunft, Selbstdisziplin und der Frage, wie man in einer oft chaotischen Welt Haltung bewahrt.
Kurz gesagt: Er war offenbar ein Mann, der nicht nur andere regieren, sondern auch über sich selbst nachdenken wollte. Das ist in der Politik bekanntlich keine vollkommen selbstverständliche Kombination.
Natürlich sollte unser Sohn nicht nach einem Kaiser benannt werden, weil ich mir für ihn eine spätere Karriere als Herrscher über weite Teile Europas vorgestellt hätte. Wir hatten weder einen Palast noch Legionen zur Verfügung. Und auch der heimische Esstisch eignete sich nur bedingt als römischer Senat.
Marcus Aurelius erschien mir unter den römischen Kaisern einfach als eine der vergleichsweise sympathischeren und nachdenklicheren Gestalten. Ein Herrscher, der sich mit Pflicht, Moral und dem eigenen Handeln auseinandersetzte. Jemand, dessen Name nicht ausschließlich nach Macht klang, sondern auch nach Haltung.
„Aurelius“ gefiel mir außerdem als Name an sich. Er hatte Würde, Geschichte und einen besonderen Klang. Kein alltäglicher Name, gewiss. Aber gerade als Zweitname durfte er etwas größer ausfallen.
So wurde aus unserem Sohn:
Nick Aurelius.
Der erste Name als Verbindung zum Vater, der zweite als kleiner Gruß aus dem alten Rom.
Man könnte sagen: vorne familiär, hinten kaiserlich.
Vier Namen und eine gewisse historische Fallhöhe

Damit hatten unsere beiden Kinder Namen erhalten, die auf den ersten Blick modern und unkompliziert wirken – und auf den zweiten Blick eine erstaunliche kulturelle Reise unternehmen.
Jette führt über Jette Joop in die Welt der Mode.
Nike führt zurück ins antike Griechenland und zur Göttin des Sieges.
Nick trägt eine kleine Verbindung zu meinem eigenen Namen in sich.
Aurelius landet schließlich bei einem römischen Kaiser und Philosophen.
Andere Familien vererben Schmuck, Uhren oder Grundstücke. Wir haben offenbar zunächst einmal Referenzen verteilt.
Unsere Tochter bekam Mode und Mythologie. Unser Sohn Vater und Weltreich.
Kein Druck, Kinder.
Und was sagen die Hauptbetroffenen heute dazu?
Irgendwann stellt sich natürlich die entscheidende Frage: Wie finden die Kinder ihre Namen eigentlich selbst?
Denn bei aller Liebe, Sorgfalt und historischen Recherche bleibt ein kleiner Schönheitsfehler bestehen: Jette Nike und Nick Aurelius wurden bei ihrer eigenen Namensgebung nicht gefragt.
Sie konnten keinen Gegenvorschlag einreichen, keine Koalition bilden und auch kein Referendum erzwingen. Die Abstimmung fand ohne sie statt – obwohl sie anschließend mit dem Ergebnis leben mussten.
Wir Eltern nennen das Namenswahl.
Aus Sicht der Kinder könnte man es vermutlich auch als lebenslange Zuweisung ohne Widerrufsfrist bezeichnen.
Also habe ich sie gefragt, wie sie heute zu ihren Namen stehen.
Die Antwort lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Sie können damit leben. Mehr noch – glücklicherweise mögen sie ihre Namen beziehungsweise haben sich gut mit ihnen arrangiert.
Das klingt vielleicht nicht ganz so euphorisch wie eine Dankesrede bei der Oscarverleihung, ist aber für Eltern bereits eine beruhigende Nachricht. Immerhin hätten sie uns auch vorwerfen können, ihre Zukunft durch übermäßigen historischen Ehrgeiz belastet zu haben.
Natürlich sind Zweitnamen im Alltag meistens diskrete Begleiter. Sie stehen in offiziellen Dokumenten, tauchen gelegentlich bei Formularen auf und sorgen vielleicht bei der einen oder anderen Gelegenheit für Nachfragen. Sie drängen sich nicht ständig in den Vordergrund. Aber sie sind da – wie eine kleine zusätzliche Geschichte, die man mit sich trägt.
Und vielleicht ist genau das das Schöne daran.
Der Name ist die erste Geschichte, die wir unseren Kindern schenken
Eltern wissen bei der Geburt ihrer Kinder nicht, wohin deren Wege führen werden. Wir wissen nicht, welche Talente sie entwickeln, welche Entscheidungen sie treffen, wen sie lieben, woran sie zweifeln und welche Träume sie später verfolgen werden.
Wir können ihnen keine fertige Biografie mitgeben.
Aber wir geben ihnen einen Namen.
Er ist eine der ersten Geschichten, die wir über sie erzählen – noch bevor sie selbst Worte dafür haben. In ihm stecken unsere Hoffnungen, Erinnerungen, Interessen und manchmal auch die ganz persönlichen Gedanken jener Zeit, in der wir auf ihre Geburt warteten.
Jette Nike und Nick Aurelius sind deshalb für mich nicht einfach vier hübsch klingende Namen. Sie erzählen auch etwas über uns als Eltern. Über unsere damaligen Gespräche, unsere Einflüsse, unsere Begeisterung für bestimmte Menschen und Epochen – und über den Versuch, zwei Kindern etwas Besonderes mit auf den Weg zu geben, ohne bereits festzulegen, wer sie einmal sein sollen.
Ob uns das gelungen ist?
Das müssen am Ende Jette und Nick entscheiden.
Und glücklicherweise haben sie bislang noch keinen offiziellen Antrag auf Umbenennung gestellt. Das werte ich als Zustimmung.
Oder zumindest als stillschweigende Duldung unserer damaligen Familienpolitik.



