Eine persönliche Hommage an den Berner Chansonnier, Juristen und leisen Philosophen, dessen Werk Generationen überdauerte und die Schweizer Mundartmusik bis heute prägt
Von einem Menschen geprägt, den ich nie erleben konnte
Am 4. August 2026 wäre Mani Matter 90 Jahre alt geworden.
Als er am 24. November 1972 bei einem Autounfall ums Leben kam, war er erst 36. Knapp zwei Jahre nach seinem Tod kam ich zur Welt. Ich konnte ihn also nie auf einer Bühne erleben, nie hören, wie er zwischen zwei Liedern mit seiner zurückhaltenden Art ein paar Worte an das Publikum richtete, und nie miterleben, wie aus einem kleinen berndeutschen Chanson plötzlich eine ganze Welt entstand.
Und doch gehörte Mani Matter zu meiner Kindheit.
Seine Lieder begegneten mir in der Schule, beim gemeinsamen Singen und beim Musizieren. Sie standen in Liederbüchern, wurden von Lehrpersonen auf der Gitarre begleitet und von Kindern gesungen, die zunächst vor allem die eingängigen Melodien und die lustigen Geschichten mochten.
Erst später wurde erkennbar, was in diesen vermeintlich einfachen Liedern alles steckte.
Da ging es nicht nur um ein angezündetes Streichholz, um eine Nase, einen Coiffeurbesuch, eine Kuh am Waldrand oder um Menschen, die sich nicht getrauen, vor anderen zu singen. Hinter den kleinen Geschichten öffneten sich Fragen nach Verantwortung, Freiheit, gesellschaftlicher Anpassung, Gerechtigkeit, menschlicher Eitelkeit und der Zerbrechlichkeit unserer scheinbar so vernünftig geordneten Welt.
Man kann nach einem Menschen geboren sein und trotzdem von ihm geprägt werden. Bei Mani Matter trifft das auf erstaunlich viele Menschen zu.

Hans Peter Matter – der Jurist hinter dem Troubadour
Mani Matter wurde am 4. August 1936 als Hans Peter Matter in Herzogenbuchsee geboren und wuchs in Bern auf. Sein Vater war Jurist, seine Mutter stammte aus den Niederlanden. Schon als Jugendlicher begann er, eigene Chansons zu schreiben. Einen wichtigen künstlerischen Bezugspunkt fand er im französischen Chanson, besonders bei Georges Brassens.
Brassens hatte gezeigt, dass ein einzelner Sänger mit einer Gitarre keine grosse musikalische Inszenierung benötigte, um über Gesellschaft, Moral, Liebe, Politik und menschliche Schwächen zu sprechen. Nicht Lautstärke verlieh dem Lied Gewicht, sondern die Verbindung von Sprache, Melodie, Haltung und genauer Beobachtung.
Matter übernahm dieses Prinzip, machte daraus aber etwas unverwechselbar Eigenes. Er übertrug das Autorenchanson nicht einfach in die Schweiz. Er gab ihm eine berndeutsche Stimme.
Nach der Maturität studierte er Rechtswissenschaften an der Universität Bern. 1963 erwarb er das bernische Fürsprecherpatent, zwei Jahre später promovierte er zum Doktor der Rechtswissenschaften. 1967 und 1968 arbeitete er in Cambridge an seiner Habilitation. Später war er Oberassistent und Lehrbeauftragter an der juristischen Fakultät sowie Rechtskonsulent des Gemeinderats der Stadt Bern.
Auch politisch blieb er nicht abseits. Matter engagierte sich bei der fortschrittlichen Gruppierung «Junges Bern». Er dachte über Demokratie, gesellschaftliche Veränderungen und das Verhältnis des Einzelnen zum Staat nach. Seine unvollendete Habilitationsschrift trug den bezeichnenden Titel «Die pluralistische Staatstheorie oder Der Konsens zur Uneinigkeit».
Dieser Titel könnte beinahe selbst aus einem Matter-Lied stammen: Menschen müssen sich nicht in allem einig sein, um gemeinsam eine Gesellschaft bilden zu können. Vielleicht besteht ein funktionierendes Gemeinwesen gerade darin, die Uneinigkeit auszuhalten und Regeln für den Umgang mit ihr zu finden.
1963 heiratete Mani Matter die Lehrerin Joy Doebeli. Das Paar bekam drei Kinder: Sibyl, Meret und Ueli. Matter führte damit kein romantisiertes Künstlerleben ausserhalb der Gesellschaft. Er war Familienvater, Jurist, politisch interessierter Bürger, Universitätsangehöriger und nebenbei jener Mann, der mit einer Gitarre Lieder schrieb.
Die offizielle Kurzbiografie zeigt, wie eng diese verschiedenen Lebensbereiche miteinander verbunden waren.
Der zunächst zögernde Sänger
1960 hatte Matter seinen ersten Radioauftritt. 1966 erschien beim Berner Zytglogge Verlag seine erste Schallplatte. Drei Jahre später veröffentlichte der Kandelaber Verlag die Chansonsammlung «Us emene lääre Gygechaschte».
Matter gehörte zum Kreis der Berner Troubadours. Mit Künstlern wie Jacob Stickelberger, Fritz Widmer, Ruedi Krebs, Bernhard Stirnemann und Markus Traber entwickelte sich in Bern eine Kleinkunstszene, die dem Dialekt eine neue kulturelle Bedeutung gab.
Das Berndeutsche war bei Matter weder dekorative Heimattümelei noch eine sprachliche Verkleidung für volkstümliche Unterhaltung. Es wurde zu einer vollwertigen Sprache des Denkens.
Das war eine seiner grossen kulturellen Leistungen.
Matter zeigte, dass man im Dialekt nicht nur lustig, gemütlich oder bodenständig klingen konnte. Im Berndeutschen liessen sich philosophische Fragen stellen, politische Mechanismen entlarven und sprachliche Kunstwerke von höchster Präzision schaffen. Er machte die Mundart literaturfähig, ohne sie künstlich zu erhöhen. Sie blieb die Sprache des Alltags – aber der Alltag begann plötzlich, über sich selbst nachzudenken.
Ein Mann, eine Gitarre und kein überflüssiges Wort
Mani Matters Auftritte waren äusserlich unspektakulär. Kein Orchester, keine Lichtshow, kein inszenierter Starkult. Meist sah man einen schmalen Mann mit dunklem Haar und Schnurrbart, sitzend oder stehend, die Gitarre in den Händen.
Mehr brauchte er nicht.
Die musikalische Form wirkte häufig schlicht. Die Melodien waren einprägsam und liessen sich relativ leicht nachsingen. Doch diese Einfachheit war nicht naiv. Sie war das Ergebnis sorgfältiger Arbeit.
Im Schweizerischen Literaturarchiv sind Entwürfe erhalten, die zeigen, wie intensiv Matter an seinen Texten feilt. Die Nationalbibliothek beschreibt die Entstehung von «Hemmige» deshalb treffend als «hohe Schule der Einfachheit». Hinter dem bescheidenen Selbstbild des «Värslischmieds» standen intellektuelle Auseinandersetzung, musikalisches Gespür und sprachliche Präzisionsarbeit.
Bei Matter steht selten ein Wort zufällig an seinem Platz. Ein Reim führt zum nächsten Gedanken, eine scheinbar harmlose Beobachtung löst eine Kettenreaktion aus, und am Ende hat sich die vertraute Wirklichkeit unmerklich verschoben.
Man lacht – und merkt einen Augenblick später, dass man eigentlich über sich selbst gelacht hat.
Das Kleine und die Weltkatastrophe
Das vielleicht bekannteste Beispiel für Matters Erzählkunst ist «I han es Zündhölzli azündt».
Aus einem alltäglichen, beinahe bedeutungslosen Vorgang entwickelt sich in Gedanken eine immer grössere Katastrophe. Eine winzige Handlung könnte eine Kette von Ereignissen auslösen, an deren Ende nichts weniger als der Untergang der Welt steht.
Das Lied ist komisch, weil die Eskalation masslos erscheint. Gleichzeitig berührt es eine ernste Frage: Wie weit reicht die Verantwortung eines Menschen für Folgen, die er nicht beabsichtigt hat?
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Heute könnte man das Lied beinahe als Parabel über komplexe Systeme lesen. Eine unbedachte Handlung kann ökologische, politische oder gesellschaftliche Auswirkungen haben, die niemand vollständig kontrolliert. Ein einzelner Fehler in einem vernetzten System kann eine Kettenreaktion auslösen. Und oft erkennen wir erst im Nachhinein, wie zerbrechlich die vermeintlich stabile Ordnung war.
Matter benötigt dafür weder Fachbegriffe noch eine moralische Belehrung. Ein Streichholz genügt.
Von den «Hemmige» und der Zivilisation
Ähnlich vielschichtig ist «Hemmige». Oberflächlich geht es um Menschen, die sich nicht getrauen, vor anderen zu singen oder aus sich herauszugehen.
Doch Matter bleibt nicht bei der Schüchternheit stehen. Hemmungen erscheinen bei ihm zugleich als Last und als Voraussetzung des menschlichen Zusammenlebens. Sie hindern uns daran, mutig zu handeln oder offen zu sprechen. Gleichzeitig verhindern sie, dass jede Regung sofort ungefiltert in die Welt hinausbricht.
Damit beschreibt das Lied einen zutiefst schweizerischen, aber keineswegs ausschliesslich schweizerischen Konflikt: Wie viel Zurückhaltung braucht eine Gesellschaft – und wann wird Zurückhaltung zur Feigheit?
Wann ist Anpassung vernünftig, wann ist sie bequem? Wann schützt Höflichkeit das Zusammenleben, und wann verhindert sie eine notwendige Auseinandersetzung?
Matter beantwortet diese Fragen nicht abschliessend. Er lässt die Ambivalenz bestehen. Genau darin liegt die Qualität seiner Texte. Er verkündet keine Wahrheit von oben herab, sondern bringt einen Gedanken in Bewegung.
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Gesellschaftskritik ohne erhobenen Zeigefinger
Mani Matter wird häufig als humorvoller Geschichtenerzähler erinnert. Dabei war sein Werk gesellschaftlich und politisch anspruchsvoller, als das Bild des liebenswerten «Värslischmieds» vermuten lässt.
In «Dene wos guet geit» beschäftigt er sich mit sozialer Ungleichheit und mit der Frage, wie Menschen, denen es gut geht, auf das Leid anderer reagieren. Andere Chansons nehmen Bürokratie, politische Untätigkeit, Vereinsdenken und gesellschaftlichen Konformismus ins Visier.
Der Jurist Matter kannte Institutionen von innen. Er wusste, weshalb Regeln notwendig sind, erkannte aber auch, wie leicht sich Verantwortung hinter Verfahren, Ämtern und Zuständigkeiten verstecken lässt. Seine Kritik war deshalb selten pauschal. Sie kam aus genauer Beobachtung.
Er machte sich nicht über den Staat als solchen lustig, sondern über Menschen, die sich in staatlichen oder gesellschaftlichen Strukturen ihrer Verantwortung entziehen. Er verachtete nicht die Gemeinschaft, sondern untersuchte die seltsamen Verhaltensweisen, die entstehen, sobald Menschen sich zu Gruppen, Vereinen, Behörden oder politischen Gremien zusammenschliessen.
Das macht seine Lieder bis heute aktuell. Die Formulare sind digital geworden, die Sitzungen finden teilweise per Videokonferenz statt und die öffentlichen Auseinandersetzungen haben sich in soziale Netzwerke verlagert. Die Mechanismen menschlicher Eitelkeit, Angst und Selbstrechtfertigung sind erstaunlich ähnlich geblieben.
Der Philosoph des Alltags
Matter besass die seltene Fähigkeit, eine philosophische Frage so zu formulieren, dass sie wie eine kleine Geschichte klang.
Er nahm keine abstrakten Begriffe als Ausgangspunkt, sondern einen Coiffeurstuhl, eine Eisenbahnfahrt, einen Verein, einen Wecker oder ein missglücktes Bild. Das Alltägliche war bei ihm keine Begrenzung, sondern ein Vergrösserungsglas.
Wer zwischen zwei Spiegeln sitzt, kann plötzlich über Unendlichkeit und Identität nachdenken. Wer eine Kuh malt, kann an seiner eigenen Vorstellung von Wirklichkeit scheitern. Wer sich über eine Nebensächlichkeit ärgert, entdeckt womöglich die Absurdität seiner Massstäbe.
Matter erklärte die Welt nicht. Er zeigte, wie merkwürdig sie wird, sobald man etwas genauer hinsieht.
Seine Figuren sind dabei keine Fremden, über die sich das Publikum bequem erheben kann. Es sind Varianten unserer selbst: der eitle Mensch, der gehemmte Mensch, der Angepasste, der Besserwisser, der unglücklich Liebende und derjenige, der eine kleine Handlung beginnt, ohne zu wissen, wohin sie führen wird.
Mehr als der freundliche «Värslischmied»
Gegen Ende seines Lebens geriet Matter offenbar in eine künstlerische Krise. Er befürchtete, vom Publikum vor allem als Verfasser netter, lustiger Liedchen wahrgenommen zu werden. Sein eigentlicher Anspruch, Menschen zum Nachdenken zu bringen, drohte hinter dem Applaus zu verschwinden.
In seinen letzten Arbeiten wurden die Töne ernster und die gesellschaftliche Kritik unmittelbarer. Matter beschäftigte sich mit der Selbstzufriedenheit der bürgerlichen Gesellschaft und mit der Frage, ob Widerstand unter bestimmten Umständen notwendig werden kann. Die vertrauten Reime und abgeschlossenen kleinen Geschichten traten teilweise zurück.
Für 1973 war eine Tournee mit neuen, deutlich engagierteren Liedern vorgesehen. Dazu kam es nicht mehr. SRF dokumentierte später diese kaum bekannte letzte Schaffensphase.
Es bleibt eine der grossen offenen Fragen seiner Biografie: Wie hätte sich sein Werk weiterentwickelt? Wäre er politischer geworden? Hätte er die traditionelle Chansonform verlassen? Hätte er weiterhin als Jurist gearbeitet oder sich doch ganz der Kunst zugewandt?
Wir kennen Mani Matter als vollendete Figur. Tatsächlich wurde seine Entwicklung mitten in einer Phase des Umbruchs abgebrochen.
Der 24. November 1972
Am 24. November 1972 war Mani Matter auf dem Weg zu einem Auftritt in Rapperswil. Auf der Autobahn A3 bei Kilchberg kam es zu einem schweren Verkehrsunfall. Matter starb noch am Unfallort.
Er hinterliess seine Frau Joy, drei Kinder und ein Werk, dessen spätere Bedeutung damals kaum abzuschätzen war.
Die Nachricht von seinem Tod traf die Schweiz tief. Doch die eigentliche Verwandlung begann erst danach. Aus dem erfolgreichen Berner Chansonnier wurde eine generationsübergreifende kulturelle Figur.
Die Lieder wurden weitergesungen. In Familien, Schulen, Pfadilagern, Musikstunden, Kleintheatern und Konzerten. Kinder lernten sie, ohne zu wissen, dass ihr Urheber längst nicht mehr lebte. Später sangen dieselben Menschen die Lieder mit ihren eigenen Kindern.
So wurde aus dem Werk eines einzelnen Mannes ein Teil des kollektiven Gedächtnisses.
Wie Matter die Schweizer Musik veränderte
Mani Matter war nicht der einzige Mundartkünstler seiner Zeit. Die Berner Troubadours bildeten gemeinsam eine wichtige Bewegung. Aber Matter wurde zu ihrem bekanntesten und nachhaltigsten Vertreter.
Sein Einfluss zeigt sich weniger in einem bestimmten Gitarrenstil als in einer künstlerischen Erlaubnis: Nach Matter konnte niemand mehr ernsthaft behaupten, Schweizerdeutsch eigne sich nicht für anspruchsvolle Liedtexte.
Diese Erlaubnis wirkte weiter.
Der Mundartrock von Polo Hofer und Rumpelstilz ging musikalisch einen ganz anderen Weg. Züri West verband Dialekt mit der Energie von Rock und New Wave. Patent Ochsner schuf bildreiche, poetische Klangwelten. Stephan Eicher brachte «Hemmige» auf internationale Bühnen, wo selbst französischsprachiges Publikum den berndeutschen Refrain mitsang.
1992 erschien das Album «Matter Rock» mit Neuinterpretationen seiner Lieder. Züri West, Polo Hofer und andere lösten die Chansons aus ihrer vertrauten Gitarrenform und zeigten, wie gut sie in Rockarrangements bestehen konnten.
Später reichte die Wirkung bis in Hip-Hop und Rap. Künstlerinnen und Künstler wie Baze, Greis, Steff la Cheffe oder Lo & Leduc stehen in einer Mundarttradition, deren Ausdrucksformen sich zwar grundlegend verändert haben, deren Selbstverständnis aber ohne die Pionierarbeit Matters kaum dasselbe wäre. Auch jüngere Musikschaffende wie Crimer oder Veronica Fusaro haben seine Lieder neu interpretiert.
Der Kanton Bern führt Mani Matter und die Berner Mundartmusik deshalb in der Liste der lebendigen Traditionen. Sein Werk verbindet Chanson, Mundartrock, Pop und Rap über Generationen hinweg.
Weshalb seine Lieder in der Schule überlebten
Viele von uns begegneten Mani Matter nicht über eine Schallplatte oder ein Konzert, sondern im Schulzimmer.
Dafür gibt es mehrere Gründe. Seine Melodien sind eingängig, die Begleitung mit der Gitarre ist überschaubar und die Geschichten lassen sich gut merken. Vor allem aber nehmen die Lieder Kinder ernst, ohne ausschliesslich für Kinder geschrieben worden zu sein.
Ein Kind kann über die Pointe lachen. Ein Jugendlicher entdeckt den sprachlichen Witz. Ein Erwachsener hört plötzlich die gesellschaftliche oder philosophische Frage dahinter.
Die Lieder wachsen mit den Menschen mit.
Beim ersten Singen interessiert vielleicht nur die Geschichte. Jahre später erkennt man, wie präzise Matter menschliches Verhalten beobachtet hat. Noch später entdeckt man in demselben Lied eine Melancholie, die einem als Kind verborgen geblieben war.
Nur wenige Kunstwerke bestehen diesen Test.
Verehrung bedeutet nicht Gedankenlosigkeit
Eine ehrliche Hommage darf auch feststellen, dass nicht jede Darstellung aus den 1950er- und 1960er-Jahren gleich gut gealtert ist.
Einzelne Matter-Lieder arbeiten mit Bildern über fremde Kulturen oder Geschlechterrollen, die heute kritisch hinterfragt werden. «Dr Eskimo» oder «Dr Sidi Abdel Assar vo El Hama» bedienen Vorstellungen, die stark von der europäischen Perspektive ihrer Entstehungszeit geprägt sind.
Man muss Matter deswegen weder vom Sockel stossen noch jede Zeile unkritisch verteidigen. Gerade ein Künstler, der so genau über Gesellschaft, Verantwortung und menschliche Widersprüche nachdachte, sollte eine offene Auseinandersetzung aushalten.
Lebendige Kultur besteht nicht darin, alte Werke unverändert einzufrieren. Sie besteht darin, sie weiterzugeben, neu zu hören, einzuordnen und dort zu hinterfragen, wo sich unsere Wahrnehmung verändert hat.
Dass über Matter noch immer gestritten, nachgedacht und gesprochen wird, ist kein Zeichen schwindender Bedeutung. Es beweist das Gegenteil.
Ein Nachleben, das immer grösser wurde
2002 erschien Friedrich Kappelers Dokumentarfilm «Mani Matter – Warum syt dir so truurig?». Darin erinnern sich Familie, Freunde und Musiker wie Stephan Eicher, Kuno Lauener, Dodo Hug und Polo Hofer an den Menschen und Künstler. Der Film erreichte mehr als 145’000 Kinoeintritte und war jahrelang der erfolgreichste Schweizer Dokumentarfilm. Swiss Films dokumentiert den aussergewöhnlichen Publikumserfolg.
2007 übergab die Familie Matters Nachlass dem Schweizerischen Literaturarchiv. Er umfasst Manuskripte, Entwürfe, Tonaufnahmen, literarische Arbeiten sowie Dokumente aus seiner juristischen und universitären Tätigkeit. Damit wurde sichtbar, dass Matter weit mehr hinterlassen hatte als die allgemein bekannten Chansons. Der Nachlass umfasst 37 Archivschachteln sowie zahlreiche Sonderformate und Tondokumente.
2022, zum 50. Todestag, gab Swissmint eine 20-Franken-Silbermünze zu seinen Ehren heraus. Und rund um seinen 90. Geburtstag im August 2026 fanden und finden in der ganzen Deutschschweiz Konzerte, Theaterabende und neue musikalische Hommagen statt.
Das Bemerkenswerte daran ist nicht, dass man sich an einen verstorbenen Künstler erinnert. Bemerkenswert ist, wie selbstverständlich Matter noch immer zur Gegenwart gehört.
Was Mani Matter uns hinterlassen hat
Mani Matter hinterliess keine grossen Hymnen und kein monumentales musikalisches Werk. Er benötigte weder Pathos noch Lautstärke. Seine Kunst passte in einen leeren Geigenkasten – und enthielt doch eine ganze Gesellschaft.
Er lehrte die Schweiz, ihrer eigenen Alltagssprache zuzuhören.
Er zeigte, dass Dialekt zugleich leicht und anspruchsvoll, komisch und philosophisch, vertraut und subversiv sein kann. Er machte aus kleinen Begebenheiten grosse Fragen und aus grossen Fragen singbare Geschichten.
Nachfolgende Liedermacherinnen, Rockmusiker, Chansonniers und Rapper mussten nicht wie Mani Matter klingen, um von ihm zu profitieren. Sein wichtigstes Vermächtnis bestand nicht in einem bestimmten Stil. Es bestand in der Freiheit, in der eigenen Sprache ernsthafte Kunst zu schaffen.
Meine persönliche Hommage
Knapp zwei Jahre nach Mani Matters Tod kam ich zur Welt. Biografisch gehörten wir verschiedenen Zeiten an.
Und doch war er da.
Er war im gemeinsamen Singen während der Schulzeit, in den ersten Gitarrengriffen und in jenen Melodien, die man einmal lernt und danach nie mehr ganz vergisst. Er war Teil einer kulturellen Bildung, lange bevor ich diesen Begriff gekannt hätte.
Als Kind sang ich die Geschichten. Später begann ich, die Gedanken darin zu verstehen.
Vielleicht ist das die schönste Form des Weiterlebens, die einem Künstler zuteilwerden kann: nicht nur auf Denkmälern, Sondermünzen oder Gedenkveranstaltungen präsent zu sein, sondern in den Stimmen von Menschen, die nach seinem Tod geboren wurden.
Mani Matter wäre am 4. August 2026 90 Jahre alt geworden.
Seine Stimme verstummte mit 36. Seine Lieder aber wurden älter als er – ohne alt zu werden.
Und solange Kinder, Jugendliche und Erwachsene sie gemeinsam singen, bleibt jener leise Mann mit der Gitarre ein Teil der Schweiz.


