The Cure haben am Paléo Festival gezeigt, dass Schwermut nicht altert. Eine persönliche Liebeserklärung an Robert Smith, zwei Konzerterinnerungen und jene Musik, die mich seit meiner Jugend – ebenso – durch die Dunkelheit trägt – mit einem kleinen Licht am Ende
Robert Smith steht auf der Bühne des Paléo Festivals in Nyon und verliert kaum ein Wort an das Publikum. Keine auswendig gelernte Begrüssung, keine Komplimente an die Schweiz, keine Anekdote über Käse, Berge oder das angeblich beste Publikum der gesamten Tour. Stattdessen dieser Blick, diese unverwechselbare Stimme und eine Band, die ihre Musik sprechen lässt. Mehr als zwei Stunden lang.
Fast ein halbes Jahrhundert nach ihrer Gründung müssen The Cure niemandem mehr erklären, wer sie sind. Sie benötigen weder grosse Gesten noch eine aufwendig inszenierte Nostalgieshow. Sie stehen da und erzeugen noch immer jene eigentümliche Mischung aus Kälte und Wärme, Dunkelheit und Schönheit, Verlorenheit und Trost.
Musikredaktor Dominic Dillier beschreibt den Auftritt in seinem Beitrag bei SRF als leidenschaftlich, konzentriert und von einer Schwermut getragen, die in Schönheit erstrahlt. Treffender lässt sich die Wirkung von The Cure kaum zusammenfassen. Ich las seinen Text und dachte: Genau das ist es. Genau deshalb hat diese Band über all die Jahrzehnte nichts von ihrem Zauber verloren.
The Cure gehören zu meiner Jugend wie Guns N’ Roses, Metallica, Nirvana, Pearl Jam oder Alice in Chains. Ich habe sie zweimal live erlebt, unzählige Male gehört und doch nie das Gefühl bekommen, ihre Musik endgültig verstanden zu haben. Vielleicht, weil sie mit dem eigenen Leben weiterwächst. Was früher geheimnisvoll und dunkel klang, trägt heute Erinnerungen, Verluste und Erfahrungen in sich.
Und dennoch bleibt in dieser Musik immer etwas, das nicht untergeht: ein leiser, aber hartnäckiger Schimmer Hoffnung.

Eine Band für die Räume zwischen den Gefühlen
Guns N’ Roses standen für mich für Gefahr, Übermut und eine ungezähmte Form des Rock ’n’ Roll. Metallica lieferten Wucht, Präzision und jene Riffs, mit denen man vermutlich auch kleinere Gebirgsketten hätte verschieben können. Nirvana brachten das Unbehagen einer ganzen Generation in wenigen Akkorden auf den Punkt. Pearl Jam verbanden Kraft mit Haltung, Alice in Chains liessen den inneren Abgrund beinahe körperlich spürbar werden.
The Cure besetzten einen anderen Raum.
Sie waren nie die Band, die einem sagte, man müsse gegen die Wand schlagen. Sie vermittelten vielmehr das Gefühl, dass es in Ordnung war, eine Weile davorzusitzen und darüber nachzudenken, weshalb diese Wand überhaupt da war.
Ihre Musik gab Zweifeln einen Klang. Sie machte aus Einsamkeit keine Schwäche und aus Melancholie keine Krankheit, die möglichst schnell behandelt werden musste. Sie liess Gefühle zu, die in der lärmenden Rockwelt oft wenig Platz hatten: Unsicherheit, Verletzlichkeit, Sehnsucht, Erinnerung und diese namenlose Traurigkeit, die manchmal auftaucht, obwohl äusserlich eigentlich alles in Ordnung scheint.
The Cure lieferten darauf keine Antworten. Sie stellten sich einfach dazu.
Vielleicht liegt genau darin ihre tröstende Kraft.
Von Easy Cure in die Dunkelheit
Die Geschichte der Band begann Mitte der 1970er-Jahre im englischen Crawley. Robert Smith, Lol Tolhurst und Michael Dempsey spielten zunächst in verschiedenen Schülerbands. Aus Malice wurde Easy Cure, aus Easy Cure schliesslich The Cure.
Das Debütalbum «Three Imaginary Boys» erschien 1979. Robert Smith sah damals noch nicht aus wie die weltbekannte Kunstfigur, die später aus ihm werden sollte. Die Haare waren kürzer, der Lippenstift noch nicht verschmiert, der Kajal vermutlich irgendwo anders in Verwendung. Musikalisch war der Weg in eine eigene Welt jedoch bereits erkennbar.
Die frühen Songs waren kantig, reduziert und vom Post-Punk geprägt. Doch während andere Bands ihre Energie nach aussen schleuderten, richteten The Cure den Blick immer stärker nach innen.
Mit «Seventeen Seconds» begann 1980 jene Phase, in der die Musik zunehmend karger, kälter und atmosphärischer wurde. Der Bass trat in den Vordergrund, die Gitarren schienen durch leere Räume zu hallen, und Robert Smiths Stimme klang wie eine Nachricht aus einem Zimmer, dessen Tür man lieber nicht öffnen wollte.
Auf «Faith» wurde diese Stimmung noch schwerer. Das Album bewegt sich langsam und beinahe feierlich durch Verlust, Zweifel und geistige Erschöpfung. «Pornography» führte die Entwicklung 1982 schliesslich an einen Punkt, an dem die Dunkelheit kaum noch auszuhalten war.
Die Aufnahmen entstanden unter enormer psychischer Belastung und reichlich Drogen. Innerhalb der Band herrschten Konflikte, die Konzerte wurden zunehmend chaotisch, und nach der Tour verliess Bassist Simon Gallup vorerst die Gruppe. The Cure schienen an jener Welt zu zerbrechen, die sie selbst erschaffen hatten.
Es hätte das Ende sein können.
Stattdessen folgte etwas, womit kaum jemand gerechnet hatte.
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Plötzlich Pop – aber natürlich auf Cure-Art
Nach der beklemmenden Schwere von «Pornography» veröffentlichte Robert Smith mit «Let’s Go to Bed» einen beinahe unverschämt eingängigen Popsong. Es folgten «The Walk» und «The Lovecats».
Man kann sich vorstellen, wie einige frühe Fans damals reagierten. Vermutlich ähnlich, wie wenn Metallica plötzlich eine Polka-Platte aufgenommen oder Axl Rose ein Album mit beruhigender Einschlafmusik veröffentlicht hätte.
Doch The Cure hatten nicht die Seiten gewechselt. Sie hatten lediglich bewiesen, dass Dunkelheit und Leichtigkeit keine Gegensätze sein müssen.
Auch ihre fröhlicheren Songs klangen nie vollkommen sorglos. Unter den Melodien blieb eine gewisse Unruhe spürbar. «The Lovecats» hüpft verspielt dahin, wirkt aber gleichzeitig leicht verschoben – als würde die Party in einem Haus stattfinden, in dem irgendwo eine Tür offensteht, hinter der besser niemand nachsieht.
Robert Smith zeigte damit eine Qualität, die ihn bis heute auszeichnet: Er konnte sich jeder eindeutigen Einordnung entziehen. The Cure waren zu melodisch für den reinen Gothic Rock, zu düster für gewöhnlichen Pop, zu verspielt für konsequenten Weltschmerz und zu eigenartig, um jemals vollständig im Mainstream aufzugehen.
Selbst als sie längst grosse Hallen und Stadien füllten, wirkten sie wie Aussenseiter.
Vielleicht waren sie gerade deshalb so erfolgreich.
Robert Smith zwischen zwei Bands
Eine interessante Nebengeschichte jener Jahre ist Robert Smiths Verbindung zu Siouxsie and the Banshees. Bereits 1979 sprang er während einer gemeinsamen Tour kurzfristig als Gitarrist ein, nachdem Siouxsie and the Banshees plötzlich ohne Gitarristen dastanden. Smith spielte an manchen Abenden zuerst mit The Cure als Vorgruppe und anschliessend noch einmal mit der Hauptband.
Von 1982 bis 1984 wurde er sogar festes Mitglied bei Siouxsie and the Banshees, ohne The Cure endgültig aufzugeben. Zeitweise schien er gleichzeitig in mehreren musikalischen Welten zu leben. Diese Erfahrungen beeinflussten seinen Gitarrenstil, seine Bühnenpräsenz und wohl auch sein späteres Erscheinungsbild.
Das zerzauste Haar, das schwarz umrandete Auge und der verschmierte rote Lippenstift wurden irgendwann zu seinem Markenzeichen. Was bei anderen wie eine kalkulierte Bühnenfigur gewirkt hätte, schien bei Smith eher das Ergebnis eines Morgens zu sein, an dem niemand mehr die Zeit oder Lust hatte, sich ordentlich herzurichten.
Und genau das machte ihn glaubwürdig.
Robert Smith sah nie aus wie jemand, der Rockstar werden wollte. Er sah aus wie jemand, der versehentlich auf einer grossen Bühne gelandet war und nun das Beste daraus machte.
«Disintegration» – kurz vor dem Zerbrechen
1989 erschien «Disintegration». Für mich ist es eines jener Alben, die man nicht einfach hört. Man betritt sie.
Schon «Plainsong» öffnet einen Raum, der gleichzeitig gewaltig und intim wirkt. Die Musik schwebt, rauscht und wächst langsam an, bis sie einen vollständig umgibt. Danach folgen Stücke wie «Pictures of You», «Closedown», «Fascination Street», «Prayers for Rain», «The Same Deep Water as You» und der Titelsong.
Robert Smith näherte sich damals seinem 30. Geburtstag und fürchtete, seinen kreativen Höhepunkt bereits überschritten zu haben. Gleichzeitig wurde die Band immer erfolgreicher. Ausgerechnet in dieser Phase des äusseren Aufstiegs entstand ein Werk über Vergänglichkeit, Entfremdung, Erinnerung und die Angst vor dem Verlust.
Die Songs nehmen sich Zeit. Sie folgen nicht dem heutigen Drang, innerhalb der ersten Sekunden einen wiederverwertbaren Höhepunkt für kurze Internetvideos liefern zu müssen. Manche Stücke benötigen Minuten, bevor Robert Smith überhaupt zu singen beginnt.
The Cure vertrauen darauf, dass das Publikum bleibt.
Und wer bleibt, wird belohnt.
Ein Lovesong als Hochzeitsgeschenk
Mitten in der Schwermut von «Disintegration» befindet sich «Lovesong». Ein schlichtes, beinahe vollkommen unverschlüsseltes Liebeslied.
Robert Smith schrieb es für Mary Poole, die er bereits seit der Schulzeit kannte und 1988 heiratete. Er schenkte ihr zunächst eine Aufnahme des Liedes zur Hochzeit. Später erzählte Smith, Mary sei nach dem Anhören aus dem Nebenzimmer zurückgekehrt und habe ihn mit Küssen überschüttet. Die Geschichte geht auf ein Interview mit Smith aus dem Jahr 1991 zurück.
Es ist eine bemerkenswerte Anekdote. Ausgerechnet der Mann, der seit Jahrzehnten aussieht wie der personifizierte Weltschmerz nach einer schlaflosen Nacht, schrieb eines der ehrlichsten Liebeslieder der Rockgeschichte.
«Lovesong» wurde in den USA zum grössten kommerziellen Erfolg der Band. Robert Smith selbst hielt das Stück angeblich für einen der schwächeren Songs des Albums. Auch das passt zu ihm: Millionen Menschen hören ein zeitloses Liebeslied, während der Verfasser vermutlich danebensteht und sich fragt, weshalb ausgerechnet alle dieses Stück so gut finden.
Die Beziehung zwischen Robert und Mary überdauerte den Erfolg, die Tourneen, die Krisen und die zahlreichen personellen Wechsel innerhalb der Band.
Hinter all dem Schwarz befand sich also nie nur Verzweiflung.
Dort war immer auch Liebe.
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Fröhlich sein dürfen – sogar an einem Freitag
The Cure beherrschten nicht nur die grosse Schwermut. Sie konnten auch Popmusik schreiben, die sich sofort im Kopf festsetzte.
«In Between Days», «Close to Me», «Just Like Heaven», «Why Can’t I Be You?», «The Lovecats» oder «Friday I’m in Love» gehören längst zum kollektiven musikalischen Gedächtnis. Viele Menschen kennen diese Songs, ohne je ein vollständiges Cure-Album gehört zu haben.
Doch selbst in den helleren Stücken bleiben kleine Schatten zurück. «Just Like Heaven» klingt euphorisch und schwerelos, trägt aber bereits die Möglichkeit des Verlusts in sich. «Friday I’m in Love» ist ein perfekter Popsong, wirkt innerhalb des Cure-Kosmos aber fast wie ein seltenes sonniges Fenster in einem ansonsten eher regnerischen Gebäude.
Diese Vielseitigkeit bewahrte die Band davor, zu einer Karikatur ihrer selbst zu werden. The Cure mussten nicht vierzig Jahre lang denselben schwarzen Song neu aufnehmen. Sie erlaubten sich Widersprüche.
Man konnte zu ihrer Musik tanzen, weinen oder beides gleichzeitig tun.
Im Zweifelsfall sah ohnehin niemand genau hin. Dafür waren die Bühnen meist zu dunkel und die Haare des Vordermannes zu gross.
Zweimal live – zweimal mehr als nur ein Konzert
Ich hatte das Glück, The Cure zweimal live zu erleben.
Bei manchen älteren Bands besucht man ein Konzert hauptsächlich aus nostalgischen Gründen. Man möchte die grossen Hits noch einmal hören, die eigene Jugend für zwei Stunden zurückholen und überprüfen, ob das offizielle Tour-Shirt tatsächlich noch teurer werden konnte.
Bei The Cure fühlte es sich für mich nie wie ein musikalischer Museumsbesuch an.
Natürlich hängen an ihren Liedern persönliche Erinnerungen. Musik besitzt diese beinahe unheimliche Fähigkeit, vergangene Zeiten innerhalb weniger Sekunden wieder zu öffnen. Ein Gitarrenklang genügt, und plötzlich ist man wieder dort: in der Jugend, in einem bestimmten Zimmer, auf einer Fahrt durch die Nacht oder bei einem Menschen, an den man lange nicht mehr gedacht hatte.
Doch live werden die Songs von The Cure nicht bloss reproduziert. Sie wachsen.
Die langen Intros, Simon Gallups Bass, die übereinandergeschichteten Gitarren und Robert Smiths Stimme entwickeln eine Sogwirkung. Man wartet nicht ungeduldig auf den Refrain. Man lässt sich hineinziehen.
Und dann steht dieser Mann auf der Bühne, der auf Fotos oft scheu oder beinahe verloren wirkt, und besitzt plötzlich den gesamten Raum. Nicht durch Showeffekte oder einstudierte Bewegungen, sondern durch Präsenz.
Ich kann mich bei meinen beiden Konzerterlebnissen nicht an jede Reihenfolge und jedes Detail erinnern. Aber ich erinnere mich an das Gefühl. An diese Mischung aus Ergriffenheit, Wärme und einer Melancholie, die nicht belastete, sondern merkwürdig befreiend wirkte.
Das bleibt.
Weshalb The Cure so lange spielen
Dass Konzerte von The Cure regelmässig mehr als zwei oder sogar drei Stunden dauern, hat eine interessante Vorgeschichte.
Als 19-Jähriger sah Robert Smith 1978 David Bowie im Londoner Earls Court. Bowie spielte offenbar nur 42 Minuten. Smith war enttäuscht und nahm sich vor, es anders zu machen, sollte er selbst jemals eine vergleichbare Position erreichen.
Jahrzehnte später erinnerte er sich noch immer an den frustrierten jungen Konzertbesucher, der er damals gewesen war. Er wolle sich vor diesem 19-Jährigen rechtfertigen können, erklärte Smith in einem Interview. Deshalb geben The Cure ihrem Publikum ausgedehnte Konzerte. In Mexiko-Stadt spielten sie 2013 an Smiths 54. Geburtstag rund vier Stunden und 50 Songs. Smith sprach 2024 ausführlich über den prägenden Bowie-Auftritt.
Andere Künstler benötigen vier Stunden, um sämtliche VIP-Pakete und verschiedenen Ticketkategorien zu erklären.
The Cure spielen in dieser Zeit einfach Musik.
Ein Rockstar, der sich mit Ticketmaster anlegt
Robert Smith bewies auch an anderer Stelle, dass ihm sein Publikum nicht gleichgültig ist. Als für die US-Tour 2023 teilweise Gebühren anfielen, die in keinem vernünftigen Verhältnis zu den bewusst niedrig gehaltenen Ticketpreisen standen, machte er seinem Ärger öffentlich Luft.
Er verhandelte mit Ticketmaster und erreichte, dass ein Teil der Gebühren automatisch zurückerstattet wurde. Die Band hatte ausserdem auf dynamische Preise und besonders teure sogenannte Platin-Tickets verzichtet.
Das klingt zunächst nach einer Randnotiz aus dem Konzertgeschäft. Tatsächlich zeigt es jedoch etwas über Robert Smith und The Cure. Diese Band hat sich einen grossen Teil ihrer Glaubwürdigkeit bewahrt, weil sie nicht jede Möglichkeit zur Gewinnmaximierung nutzt.
Smith hätte sich bequem hinter Management, Veranstaltern und Ticketplattformen verstecken können. Stattdessen mischte er sich ein.
Der Mann mag aussehen, als wolle er seit 1982 nicht angesprochen werden. Aber offenbar hört er sehr genau zu.
Nyon: Das Ende gleich zu Beginn
Beim Paléo Festival eröffneten The Cure ihr einziges Schweizer Konzert des Jahres 2026 mit «Alone». Das Lied beginnt mit dem Gedanken an das Ende aller Songs – und markierte doch den Anfang einer mehr als zweistündigen Reise durch 47 Jahre Bandgeschichte.
Dominic Dillier beschreibt einen Auftritt, der zunächst langsam, hypnotisch und teilweise ausufernd begann. Der Sound blieb glasklar, die Band spielte präzise und konzentriert. Robert Smith sprach während des Konzerts nicht zum Publikum. Er liess die Musik für sich stehen.
The Cure präsentierten Stücke aus elf Alben. Mit zunehmender Dauer reihten sich immer mehr bekannte Songs in das Programm ein: «A Forest», «Pictures of You», «A Night Like This», «Lullaby», «The Lovecats», «Close to Me» und «Friday I’m in Love».
Ganz zum Schluss stand «Boys Don’t Cry».
Eine fast perfekte Dramaturgie: Das Konzert begann mit dem Ende und endete mit einem Lied aus der Anfangszeit der Band.
Und selbstverständlich weinen Jungs doch.
Bei The Cure dürfen sie es sogar.
Eine verlorene Welt, die erstaunlich lebendig klingt
2024 veröffentlichten The Cure «Songs of a Lost World». Es war das erste neue Studioalbum seit 16 Jahren.
Niemand hätte der Band einen Vorwurf machen können, wenn sie sich ausschliesslich auf ihr gewaltiges Repertoire verlassen hätte. The Cure hatten längst alles erreicht. Sie mussten kein neues Album mehr produzieren, um weiterhin grosse Konzerte spielen zu können.
Trotzdem kehrten sie mit einem Werk zurück, das nicht wie eine nachträgliche Ergänzung zur Diskografie klingt. «Songs of a Lost World» ist geschlossen, schwer und dringlich. Ein Album über Vergänglichkeit, Einsamkeit, Tod und die zunehmende Nähe der eigenen Sterblichkeit.
Robert Smith hatte innerhalb weniger Jahre seine Eltern und seinen älteren Bruder Richard verloren, der ihm einst das Gitarrenspielen beigebracht hatte. Die Dunkelheit der neuen Songs ist deshalb eine andere als auf den frühen Alben.
Als junger Mann schrieb Smith über das Ende, obwohl es noch weit entfernt schien. Heute schreibt er darüber mit dem Wissen eines Menschen, der Abschiede erlebt hat.
«Songs of a Lost World» erreichte in Grossbritannien Platz eins – 32 Jahre nach dem letzten britischen Nummer-eins-Album «Wish». Es wurde damit nicht nur zu einem künstlerischen, sondern auch zu einem kommerziellen Triumph. Das Album erschien am 1. November 2024 und beendete eine 32-jährige Pause an der Spitze der britischen Albumcharts.
Bei den Grammy Awards 2026 erhielten The Cure schliesslich die ersten beiden Grammys ihrer Karriere: «Songs of a Lost World» gewann als bestes Alternative-Album, «Alone» als beste Alternative-Performance. Die Recording Academy führt beide Auszeichnungen bei den 68. Grammy Awards.
Fast fünf Jahrzehnte nach ihren Anfängen mussten The Cure niemandem mehr etwas beweisen.
Und taten es trotzdem.
Die Melancholie verändert sich mit uns
Heute höre ich manche Songs anders als in meiner Jugend.
Damals waren sie Begleiter für Gefühle, die ich vielleicht selbst noch gar nicht vollständig verstand. Man spürte die Schwermut, die Sehnsucht und den Schmerz, ohne dafür immer konkrete Erfahrungen zu besitzen.
Mit den Jahren füllen sich diese Lieder.
Plötzlich tragen sie Namen, Orte und Gesichter in sich. Sie erinnern an Menschen, die geblieben sind, und an andere, die gegangen sind. An Beziehungen, an Abschiede, an Entscheidungen und verpasste Möglichkeiten. An Momente, die damals unbedeutend wirkten und heute beinahe kostbar erscheinen.
Die Musik ist dieselbe geblieben.
Ich bin es nicht.
Vielleicht liegt darin die besondere Qualität von Bands, die uns ein Leben lang begleiten. Ihre Songs verändern sich nicht tatsächlich. Aber wir hören sie von immer neuen Punkten unseres Lebens aus.
«Pictures of You» klingt anders, wenn man selbst auf Jahrzehnte voller Bilder zurückblickt. «Lovesong» besitzt ein anderes Gewicht, wenn man weiss, wie zerbrechlich Beziehungen sein können. «A Forest» ist nicht mehr nur eine geheimnisvolle musikalische Landschaft, sondern kann zu einem Bild für das eigene Suchen werden.
Und «Boys Don’t Cry» wirkt heute vielleicht sogar ehrlicher als damals.
Dunkelheit ist nicht Hoffnungslosigkeit
Melancholie wird häufig mit Traurigkeit oder Pessimismus verwechselt. Dabei ist sie etwas anderes.
Sie ist das Bewusstsein, dass alles Schöne vergänglich ist. Dass Menschen gehen, Erinnerungen verblassen und selbst die scheinbar endlosen Jahre der Jugend irgendwann nur noch in einzelnen Bildern zurückkehren.
Gerade deshalb kann Melancholie auch etwas Tröstliches besitzen. Sie erinnert uns daran, dass Momente wertvoll sind, weil sie nicht bleiben.
The Cure haben dieses Gefühl immer verstanden.
Ihre Musik verspricht nicht, dass am Ende alles gut wird. Sie behauptet auch nicht, jeder Schmerz müsse einen höheren Sinn haben. Sie führt in die Dunkelheit, bleibt dort aber an unserer Seite.
Irgendwann beginnt eine Gitarre zu leuchten. Der Bass gibt Halt. Eine Melodie wächst aus dem Nebel. Und Robert Smiths Stimme klingt noch immer erstaunlich jugendlich – wie die Stimme eines Menschen, der gerade entdeckt hat, dass Liebe und Verlust häufig nur zwei Seiten derselben Platte sind.
The Cure beseitigen die Dunkelheit nicht.
Sie machen sie bewohnbar.
Nichts vom Zauber verloren
The Cure gehören zu den grossen Konstanten meines musikalischen Lebens. Neben Guns N’ Roses, Metallica, Nirvana, Pearl Jam, Alice in Chains und all den anderen Bands, die mich geprägt haben, besitzen sie ihren ganz eigenen Platz.
Sie waren nie die Lautesten und nie die Coolsten im herkömmlichen Sinn. Robert Smith benötigte keine klassische Rockpose, keine Pyrotechnik und keine einstudierte Ansprache an die angeblich beste Stadt der gesamten Tour.
Er stand einfach da.
Mit seinen Haaren, seinem Lippenstift, seiner Gitarre und diesen Liedern.
Lieder, die einen Menschen über Jahrzehnte begleiten können. Lieder, die im Alter nicht kleiner, sondern tiefer werden. Lieder, die von Dunkelheit erzählen und trotzdem Hoffnung hinterlassen.
Der Auftritt in Nyon hat erneut gezeigt, dass The Cure nichts von ihrer Intensität, ihrer Eigenart und ihrem Zauber verloren haben. Vielleicht ist dieser Zauber heute sogar stärker, weil inzwischen die Zeit selbst in ihrer Musik mitsingt.
The Cure versprechen keine Heilung von allem.
Aber manchmal sind sie genau das.


