Wir stossen mit Alkohol an und erklären andere Rauschmittel zum gesellschaftlichen Abgrund. Der Drogenforscher Carl Hart stellt diese bequeme Ordnung infrage. Sein Besuch in der «Sternstunde Philosophie» ist für mich ein Anlass, genauer hinzusehen: auf unseren Umgang mit Drogen, auf die Ursachen von Abhängigkeit – und auf ein Fernsehformat, das dem Denken noch Zeit lässt.
Es gibt Sendungen, nach denen ich das Gefühl habe, meine Zeit gut investiert zu haben. Weil ich etwas erfahren habe, das mich beschäftigt. Weil jemand eine Frage stellt, die ich mir selbst noch nicht so gestellt habe. Oder weil ein Gespräch an einer Überzeugung rüttelt, die sich längst gemütlich eingerichtet hat. Die «Sternstunde Philosophie» gehört für mich regelmässig dazu. Überhaupt schätze ich das Kultur- und Philosophieangebot von SRF: Gespräche, die über den nächsten Schlagabtausch hinausreichen und einem Gedanken Raum geben, sich zu entwickeln. Die aktuelle Ausgabe mit Carl Hart berührt zudem ein Thema, das mich seit Langem intensiv interessiert. Hart war mir bereits vor dieser Sendung bekannt. Viele seiner Ansätze finde ich ausgesprochen überzeugend – gerade dort, wo er unseren Blick auf Drogen und die Menschen dahinter verändert.
Fernsehen, das einem Gedanken mehr als dreissig Sekunden zutraut
Die «Sternstunden» haben eine Geschichte, die inzwischen über drei Jahrzehnte zurückreicht. Die erste Sendung der Reihe wurde am 28. August 1994 ausgestrahlt; zur Formatfamilie gehören «Sternstunde Religion», «Sternstunde Philosophie» und «Sternstunde Kunst». Ihr Anspruch ist bemerkenswert beständig geblieben: grundlegende Fragen des Lebens, der Gesellschaft und der Kultur einem breiten Publikum zugänglich zu machen. SRF beschreibt das als Brücke zwischen akademischen Debatten und der Öffentlichkeit. Für mich liegt genau darin ihr Wert. Philosophie kann helfen, die eigenen Massstäbe zu prüfen – beim Zusammenleben, bei politischen Entscheidungen und bei der Frage, was wir eigentlich für ein gutes Leben halten. Zur Geschichte der «Sternstunden», zum Anspruch der Reihe.
Dass diese Gespräche auch ausserhalb der Schweiz Bedeutung haben, ist mehr als ein persönlicher Eindruck. Ein bei der SRG veröffentlichter Peer-Review-Bericht hält ausdrücklich fest, dass die «Sternstunde Philosophie» über 3sat und YouTube ein Publikum über die Deutschschweiz hinaus erreicht. Er verweist zudem auf Verbindungen zu Philosophieveranstaltungen in Deutschland und Österreich. Das passt zu meiner Wahrnehmung: Hier entsteht etwas, dessen Wert sich kaum an Landesgrenzen festmachen lässt. Gute Fragen reisen problemlos. Und in einer Medienwelt, die Aufmerksamkeit häufig mit Lautstärke verwechselt, empfinde ich ein ausführliches Gespräch als wohltuenden Luxus – einen, den ich mir gerne regelmässig gönne. SRG-Bericht zur Bedeutung des Formats.
Ein Professor, der unsere Gewissheiten durcheinanderbringt
Am 4. Oktober 2026 war Carl Hart bei Olivia Röllin zu Gast. Der Titel der Sendung, «Besser leben mit Heroin und Kokain?», lässt bereits ahnen, weshalb dieses Gespräch Aufmerksamkeit erzeugt. Hart erforscht Drogen und spricht öffentlich auch über seinen eigenen Konsum, darunter Heroin und Kokain. Im Gespräch beschreibt er diesen als gelegentliche Auszeit, die neben seinen beruflichen und familiären Verpflichtungen stattfindet. Schon damit bringt er ein vertrautes Bild ins Wanken: das eines Menschen, dessen gesamtes Leben zwangsläufig von einer Substanz bestimmt wird. Röllin fragt nach, spricht ihre eigenen Vorannahmen an und konfrontiert ihn mit den Erfahrungen von Menschen, deren Abhängigkeit grosses Leid verursacht. Das Gespräch hat Reibung. Gerade diese Reibung macht sichtbar, wie unterschiedlich die Vorstellungen sind, mit denen wir über Drogen sprechen.
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Carl Hart ist Psychologe und Neurowissenschaftler an der Columbia University in New York. Seine Forschung untersucht die Wirkung psychoaktiver Substanzen auf Menschen, insbesondere ihr Verhalten und die Bedingungen, unter denen sie sich für den Konsum entscheiden. Dazu gehört die Frage, wie sich Erkenntnisse aus dem Labor in wirksame Behandlungen und eine menschlichere Drogenpolitik übersetzen lassen. Mich interessiert an ihm besonders diese Verbindung: Er kennt die wissenschaftliche Untersuchung von Drogen ebenso wie die gesellschaftlichen Bilder, die wir uns von ihnen machen. Und er fordert uns auf, beides sorgfältiger auseinanderzuhalten. Harts Forschungsprofil an der Columbia University.
Er wollte die Drogen bekämpfen. Dann veränderte die Forschung seinen Blick.
Hart wuchs in einem armen Viertel von Miami auf. Zunächst hielt er insbesondere Crack und die damit verbundene Abhängigkeit für wesentliche Ursachen der Probleme seiner Umgebung. Er wollte seiner Community helfen und begann zu erforschen, wie Drogen auf das Gehirn wirken. Im Gespräch beschreibt er, wie sich zwischen seinen ursprünglichen Überzeugungen und den Ergebnissen seiner Arbeit ein immer grösserer Widerspruch auftat. Sein knappes Fazit: «Die Daten haben mich zum Umdenken bewegt.» Sendung, ab 16:42. Mich beeindruckt daran die Bereitschaft, eine vertraute Erklärung aufzugeben. Es verlangt einiges, sich einzugestehen, dass man eine Frage jahrelang aus einem zu engen Blickwinkel betrachtet hat.
Harts veränderte Perspektive richtet sich auf Armut, fehlende Chancen, Gesundheitsversorgung und gesellschaftliche Ausgrenzung. «Die Drogen sind nicht das Problem», sagt er an einer Stelle zugespitzt. Sendung, ab 15:08. Ich verstehe diese Aussage als Angriff auf eine Erklärung, die sich mit der Substanz bereits zufriedengibt. Eine Droge lässt sich benennen, verbieten und beschlagnahmen. Hoffnungslosigkeit ist schwerer zu bearbeiten. Eine politische Debatte über Drogen kann deshalb sehr entschlossen wirken, während sie die Lebensbedingungen der Betroffenen kaum berührt. Wer Abhängigkeit verstehen will, sollte sich auch dafür interessieren, was jemand im Alltag erlebt, welche Unterstützung vorhanden ist und welche Zukunft erreichbar erscheint.
Konsum und Abhängigkeit: Zwei Begriffe, die wir zu schnell zusammenwerfen
Eine zentrale Aussage Harts lautet, dass Drogenkonsum und Abhängigkeit unterschieden werden müssen. Er betont, dass viele Konsumierende keine Abhängigkeit entwickeln und dass die Wirkung einer Substanz von mehreren Faktoren abhängt, darunter Dosis, Einnahmeform und Umgebung. Seine politische Forderung geht entsprechend weit: regulierte, legale Verfügbarkeit für Erwachsene. Das ist seine Position; sie sollte als solche diskutiert werden und nicht allein durch seinen Professorentitel als abschliessend bewiesen gelten. Hart über Konsum, Risiken und Regulierung.
Interessant ist ein konkreter Befund aus seiner Forschung. In einer im Jahr 2000 veröffentlichten Studie konnten sechs erfahrene Kokainkonsumierende zwischen Kokain und einem Gutschein wählen. Geldgutscheine verringerten die Wahl von Kokain stärker als gleichwertige Warengutscheine; zugleich nahm die Wahl der Droge mit steigender Dosis zu. Diese kleine Laborstudie erklärt weder jede Abhängigkeit noch die gesamte Drogenpolitik. Sie zeigt aber, dass Konsumentscheidungen auf verfügbare Alternativen reagieren können. Für mich führt das zu einer wichtigen Frage: Welche Alternativen bieten wir Menschen tatsächlich? Eine erreichbare Möglichkeit verändert eine Entscheidung eher als die abstrakte Aufforderung, endlich vernünftig zu sein. Originalstudie von Hart und Kollegen.
Alkohol: Die Droge, bei der wir plötzlich grosszügig werden
Am deutlichsten wird unsere widersprüchliche Haltung für mich beim Alkohol. Wir verbinden ihn mit Genuss, Geselligkeit, Festen und Tradition. Wein wird beschrieben, verkostet und verschenkt; Bier gehört vielerorts selbstverständlich zum Feierabend. Gleichzeitig tun wir uns erstaunlich leicht damit, bei anderen Substanzen bereits aus dem Konsum ein Urteil über den ganzen Menschen abzuleiten. Hart erinnert im Gespräch an etwas, das bei all dieser Vertrautheit gerne in den Hintergrund rückt: «Alkohol ist eine sehr berauschende Substanz.» Sendung, ab 24:35. Der Satz wirkt fast banal. Dass wir ihn überhaupt brauchen, sagt allerdings einiges über unsere Wahrnehmung aus. Auch Alkohol verändert unser Bewusstsein. Seine gesellschaftliche Anerkennung nimmt ihm seine Risiken keineswegs.
Die Zahlen zeigen, wie erheblich diese Risiken sind. Nach dem 2024 veröffentlichten WHO-Bericht wurden weltweit für das Jahr 2019 rund 2,6 Millionen Todesfälle dem Alkoholkonsum zugerechnet, gegenüber rund 600’000 Todesfällen durch andere psychoaktive Drogen. Das ist ein Vergleich des gesellschaftlichen Gesamtschadens, keine Rangliste des Risikos pro Konsumvorgang. Verbreitung und Konsummuster spielen dabei eine wesentliche Rolle. Trotzdem zeigt die Grössenordnung, wie verzerrt eine Debatte wird, die Alkohol als harmlose Begleiterscheinung unserer Kultur behandelt und die Gefahr fast ausschliesslich bei illegalen Substanzen sucht. WHO-Bericht zu Alkohol und Drogen.
Mich stört daran vor allem die Selbstverständlichkeit unserer Urteile. Auf der einen Seite akzeptieren wir den Rausch, weil wir seine Rituale kennen. Auf der anderen Seite reagieren wir mit Abscheu, weil uns eine Substanz fremd ist oder bestimmte Bilder sofort mitgeliefert werden. Ich wünsche mir hier mehr Konsequenz. Wer über Risiken spricht, sollte dieselben Fragen an alle Substanzen stellen. Wer erwachsenen Menschen Eigenverantwortung zutraut, sollte erklären können, weshalb dieses Vertrauen beim einen Rauschmittel selbstverständlich ist und beim anderen schon als Zumutung gilt.
Hinter jedem Etikett steht ein Mensch
Später im Gespräch verdichtet Hart seine Sicht in drei schlichten Worten: «Menschen haben Probleme.» Sendung, ab 51:30. Er spricht dort darüber, wie wir Schwierigkeiten mit Drogen einordnen und welche Begriffe wir dafür verwenden. Mir bleibt an diesem Satz vor allem seine menschliche Perspektive. Sobald jemand hauptsächlich als «Junkie» wahrgenommen wird, verschwindet vieles aus dem Blick: die Biografie, die Beziehungen, die Fähigkeiten, die Verletzungen und die Möglichkeiten dieses Menschen. Ein Etikett macht ein Urteil schnell. Es hilft uns selten dabei, eine Lebenssituation besser zu verstehen.
Dabei hat das Gespräch auch Stellen, an denen ich genauer hinsehen möchte. Wenn Hart die Aussagen schwer abhängiger Menschen als Grundlage für allgemeine Urteile über Drogen zurückweist, ist die Frage nach der Repräsentativität berechtigt. Ihre Erfahrungen bleiben dennoch wichtig. Sie erzählen von realem Leid und davon, was Unterstützung leisten müsste. Für mich braucht eine gute Debatte beides: Forschung, die Zusammenhänge sorgfältig untersucht, und die Bereitschaft, Betroffenen zuzuhören. Aus einer einzelnen Lebensgeschichte lässt sich keine allgemeine Regel ableiten. Übergehen sollte man sie deshalb ebenso wenig.
Die Probleme verschwinden nicht mit einem Verbot
Harts Forderungen führen für mich zu einer Frage, die in der Drogenpolitik im Mittelpunkt stehen sollte: Welche Regeln verringern tatsächlich das Leid? Die Schweiz hat mit ihrer Vier-Säulen-Politik einen Weg entwickelt, der Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression verbindet. Ein Bericht des Bundesrates beschreibt, wie unter anderem Substitution, heroingestützte Behandlung, Konsumräume und Spritzentausch zu weniger Todesfällen und HIV-Ansteckungen sowie zu einer sozialen Stabilisierung beitrugen. Diese Erfahrungen belegen keine allgemeine Freigabe sämtlicher Drogen. Sie zeigen jedoch, dass konkrete Hilfe und gesundheitlicher Schutz wirksame Antworten auf eine Krise sein können. Bundesratsbericht zur Schweizer Drogenpolitik.
Für mich steckt darin ein Massstab, an dem sich jede politische Position prüfen lassen muss. Wie viele Menschen erreicht sie? Wie viele Leben verbessert sie? Wie gut verhindert sie, dass aus einem Problem mehrere werden? Eine Politik, die sich moralisch richtig anfühlt, hat damit ihre Wirkung noch nicht bewiesen. Ebenso wenig löst das Wort «Legalisierung» allein die praktischen Fragen. Regulierung müsste konkret werden: bei Qualitätskontrollen, Zugang, Jugendschutz und Hilfsangeboten. Gerade deshalb lohnt sich die Diskussion. Sie zwingt uns, über Ergebnisse nachzudenken, statt uns mit vertrauten Parolen zufriedenzugeben.
Zwei Bücher, die diesen anderen Blick vertiefen
Wer verstehen möchte, wie Hart zu seinen Überzeugungen gelangt ist, findet in «High Price» aus dem Jahr 2013 einen naheliegenden Einstieg. Das Buch verbindet seine persönliche Lebensgeschichte mit seiner Forschung und der Auseinandersetzung mit Rassismus, Armut und Drogenpolitik. Hart erzählt darin seinen Weg aus Miami in die Wissenschaft und untersucht, wie Genuss, Motivation, Entscheidungen und gesellschaftliche Bedingungen zusammenhängen. Gerade diese Verbindung macht das Buch für mich als weiterführende Lektüre interessant: Eine wissenschaftliche Frage bekommt eine Biografie, und eine Biografie wird zum Anlass, verbreitete Erklärungen zu überprüfen. «High Price» beim Verlag Penguin.

«Drug Use for Grown-Ups: Chasing Liberty in the Land of Fear» aus dem Jahr 2021 rückt die politische Konsequenz deutlicher in den Vordergrund. Hart argumentiert darin für einen grundlegend anderen Umgang mit Drogen und für die Freiheit verantwortlicher Erwachsener, sie zu konsumieren. Zum Kern seiner Position gehört auch, dass Rausch und Genuss positive Erfahrungen sein können – ein Gedanke, der im Zusammenhang mit illegalen Substanzen häufig schon als Provokation gilt. Wer stärker an der Freiheitsfrage und der Kritik an bestehenden Regeln interessiert ist, dürfte hier den direkteren Zugang finden. Beide Bücher eignen sich als Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung, bei der Zustimmung und Widerspruch Platz haben. «Drug Use for Grown-Ups» bei Penguin Random House.
Gerade weil ich ihm zustimme, will ich genau hinsehen
Bei aller Nähe zu Harts Argumenten bleibt für mich eine Grenze wichtig: Ein erfolgreicher Wissenschaftler, der seinen eigenen Konsum als kontrolliert beschreibt, ist kein Beweis dafür, dass andere Menschen dieselben Erfahrungen machen werden. Bei Opioiden wie Heroin bestehen reale Risiken bis hin zur tödlichen Unterdrückung der Atmung. Die WHO verweist zudem auf die Gefahren unbekannter Beimischungen auf dem illegalen Markt. Beides gehört in eine ehrliche Debatte: die Wirkung der Substanz selbst und die zusätzlichen Gefahren ihrer Beschaffung. WHO zu Opioiden und Überdosierungen.
Gerade deshalb finde ich Harts Perspektive wertvoll. Sie verlangt, genauer zu unterscheiden: zwischen einem Menschen und seinem Konsum, zwischen gesundheitlicher Gefahr und moralischer Missbilligung, zwischen einem wissenschaftlichen Befund und einer politischen Forderung. Ich kann seiner Kritik an Doppelmoral, Stigmatisierung und verkürzten Erklärungen zustimmen und zugleich einzelne Schlussfolgerungen weiter prüfen. Für mich gehört das zusammen. Eine überzeugende Position hält Fragen aus.
Meine Empfehlung: Eine Stunde investieren, die länger nachwirkt
Die «Sternstunde Philosophie» mit Carl Hart ist meine aktuelle Empfehlung für alle, die sich für Drogen, gesellschaftliche Verantwortung und persönliche Freiheit interessieren. Hart war mir schon vorher bekannt; seine Teilnahme ist für mich ein willkommener Anlass, seine Arbeit wieder aufzugreifen und weiterzuempfehlen. Darüber hinaus lohnt es sich, im Archiv der «Sternstunden» zu stöbern. Solche Formate leisten etwas, das ich sehr schätze: Sie nehmen ihr Publikum ernst genug, ihm komplexe Gedanken zuzutrauen. Und beim Thema Drogen könnte uns genau das guttun. Weniger reflexhafte Urteile, mehr Interesse an den tatsächlichen Folgen unserer Entscheidungen. Ich möchte jedenfalls in einer Gesellschaft leben, die Menschen eine Chance gibt – und ihre Regeln danach beurteilt, ob sie ihnen helfen.



