Schwindende Gletscher, trockene Sommer und tauender Permafrost: Die Schweiz verliert einen Teil ihrer natürlichen Sicherheit. Ein eindrücklicher SRF-Beitrag hat mich darüber nachdenken lassen, wie viel wir längst wissen – und wie hartnäckig wir trotzdem hoffen, es werde schon nicht so schlimm kommen…

Manchmal beeindruckt mich ein Beitrag gleich auf zwei Ebenen. Weil er ein Thema so verständlich, anschaulich und interessant vermittelt, dass ich mich wirklich darauf einlasse. Und weil mich das, was ich dabei erfahre, anschliessend nicht mehr loslässt. Genau so ging es mir mit dem SRF-Beitrag über die massive Gletscherschmelze im Hitzesommer 2026. Er hat mich berührt, nachdenklich gemacht und zugleich daran erinnert, was guter Inhalt im Web leisten kann. In einer Umgebung, in der so vieles um wenige Sekunden Aufmerksamkeit kämpft, schafft es ein solcher Beitrag, dass man bleibt. Dass man Zusammenhänge verstehen möchte. Dass aus einer Nachricht über schmelzendes Eis eine persönliche Frage wird: Was verlieren wir hier eigentlich gerade – und warum gelingt es uns immer noch so gut, diesen Verlust aus unserem Alltag auszublenden?

Gerade bei einem Thema wie dem Klimawandel ist diese Vermittlung entscheidend. Zahlen allein erreichen uns offenbar nur begrenzt. Wir lesen von steigenden Temperaturen, von neuen Rekorden und vom Rückgang der Gletscher. Irgendwann klingt selbst das Aussergewöhnliche vertraut. Noch ein heisser Sommer, noch eine schlechte Bilanz, noch eine Warnung. Gute journalistische Aufbereitung kann diese Gewöhnung durchbrechen. Sie macht aus abstrakten Grössen etwas Vorstellbares und gibt einem langsamen, gewaltigen Prozess eine Form, die wir erfassen können. Für mich ist dieser Beitrag deshalb auch ein Beispiel dafür, wie wertvoll sorgfältig gestaltete Inhalte sind. Man schliesst die Seite mit mehr Wissen – und mit deutlich weniger Ruhe.

Das Wasserschloss ist kein Versprechen

Wir haben uns in der Schweiz an eine beruhigende Vorstellung gewöhnt: Wasser ist da. Es kommt aus den Bergen, fliesst durch unsere Städte, füllt unsere Seen und steht zuverlässig zur Verfügung, sobald wir einen Hahn öffnen. Der Begriff «Wasserschloss Europas» passt wunderbar zu diesem Selbstbild. Er klingt nach Reichtum und Beständigkeit, fast nach einer geografischen Versicherung gegen Wassermangel. Doch nach diesem Sommer wirkt diese Gewissheit brüchig. Das Bundesamt für Umwelt beschreibt seit dem Frühling 2026 eine ausgeprägte Trockenheit, insbesondere im Mittelland. Im August wurden an rund einem Drittel der Abflussmessstationen auf der Alpennordseite Niedrigwasserwerte registriert, wie sie statistisch nur etwa alle dreissig Jahre oder noch seltener auftreten. Auch zahlreiche Seen führten für die Jahreszeit aussergewöhnlich wenig Wasser. Diese Beobachtungen sind im BAFU-Dossier zur Trockenheit im Sommer 2026nachzulesen. Ein einzelner Sommer erklärt nicht den gesamten Klimawandel. Er zeigt aber sehr konkret, wie verletzlich selbst ein wasserreiches Land werden kann.

Die Schweiz wird durch den Gletscherschwund nicht schlagartig zu einem trockenen Land. Die entscheidende Veränderung ist komplizierter und gerade deshalb leicht zu unterschätzen: Wasser steht zunehmend zu anderen Zeiten und an anderen Orten zur Verfügung, als wir es benötigen. Schnee hält einen Teil des winterlichen Niederschlags bis ins Frühjahr und in den Sommer zurück. Gletscher speichern Wasser über weit längere Zeiträume. Wird es wärmer, fällt mehr Niederschlag als Regen, Schnee schmilzt früher und die Eisreserven schrumpfen. Damit verändert sich der Rhythmus unserer Gewässer. Die hydrologischen Szenarien des Bundes erwarten tendenziell mehr Abfluss im Winter und weniger im Sommer. Eine im Jahresmittel weiterhin grosse Wassermenge löst dieses Problem nicht. Für einen landwirtschaftlichen Betrieb zählt, ob während einer trockenen Wachstumsphase genügend Wasser verfügbar ist. Für einen Bach zählt, ob er auch im August noch einen Lebensraum bietet. Der Wasserüberschuss eines anderen Monats hilft dann nur, soweit er tatsächlich gespeichert und nutzbar gemacht werden kann.

Wir zehren von einer Reserve, die verschwindet

Beim Gletscherwasser steckt darin ein besonders bitterer Zusammenhang: Eine starke Schmelze kann die Folgen einer Trockenperiode zunächst abfedern. Während anderswo die Pegel sinken, gelangt aus vergletscherten Gebieten weiterhin Wasser ins Tal. Was kurzfristig entlastet, bedeutet gleichzeitig einen Verlust für die Zukunft. Der Gletscher gibt Eis ab, das sich über lange Zeit aufgebaut hat. Übersteigt dieser Verlust dauerhaft den Zuwachs, wird die Reserve kleiner. Mit fortschreitendem Rückgang reicht irgendwann auch ein besonders heisser Sommer nicht mehr aus, um dieselben Schmelzwassermengen zu liefern: Es ist schlicht weniger Eis vorhanden. Die Bedeutung dieses Wassers beschränkt sich zudem nicht auf einzelne Bergtäler. Auch grosse europäische Flüsse wie Rhein, Rhone und Po erhalten in trockenen Sommerphasen Wasser aus der Gletscherschmelze. Die ETH Zürich erläutert diese Zusammenhänge in ihrem Interview zur Zukunft der Schweizer Gletscher. Wenn wir auf einen zurückweichenden Gletscher schauen, sehen wir deshalb auch den Rückgang einer Reserve, von der Menschen und Ökosysteme weit unterhalb der Berge profitieren.

(Quelle: SRF.ch)

Was heisst das für unser Trinkwasser? Hier ist Genauigkeit wichtig, gerade wenn die Entwicklung beunruhigt. Rund achtzig Prozent des Schweizer Trinkwassers stammen aus Grundwasser einschliesslich Quellen, der übrige Teil überwiegend aus Seen. Unsere Wasserhähne hängen also nicht unmittelbar an den Gletscherzungen. Trotzdem sind diese Systeme miteinander verbunden: Regen und Schmelzwasser versickern, Flüsse können Grundwasservorkommen speisen, und Grundwasser kann wiederum Wasser an Flüsse abgeben. Wie gut eine Region Trockenheit übersteht, hängt unter anderem von ihrem Untergrund, ihren Speichern und ihrer Versorgung ab. Kleine Vorkommen und Quellen können empfindlicher reagieren als grosse Grundwasserkörper. Das BAFU erklärt diese Unterschiede unter «Trockenheit und Grundwasser». Die Gefahr besteht somit in regionalen und saisonalen Engpässen, die Planung und Zusammenarbeit immer wichtiger machen. Die Vorstellung, überall werde gleichzeitig das Wasser ausgehen, wäre falsch. Ebenso falsch wäre die Schlussfolgerung, unsere grossen Vorräte machten uns unverwundbar.

Wenn in trockenen Wochen weniger Wasser verfügbar ist, treffen mehrere berechtigte Bedürfnisse aufeinander. Landwirtschaftliche Kulturen brauchen Bewässerung, Haushalte und Betriebe eine verlässliche Versorgung, Kraftwerke Wasser für die Stromproduktion und Gewässer genügend Restwasser für ihre Lebensgemeinschaften. Weniger Sommerabfluss verändert die Bedingungen für die Wasserkraft; wie stark eine Anlage betroffen ist, hängt von ihrem Einzugsgebiet und ihren Speichermöglichkeiten ab. Gleichzeitig steigen bei Wärme und Trockenheit die Ansprüche an die verbleibenden Reserven. Die Grundlagen des Bundes zu Gewässern im Klimawandel zeigen, weshalb Wasserbewirtschaftung künftig anspruchsvoller wird. Aus einer Ressource, deren Verfügbarkeit wir kaum hinterfragen mussten, wird häufiger eine Verteilungsfrage. Wer kann wann wie viel entnehmen? Welche Nutzung muss zurückstehen? Solche Fragen lassen sich organisieren, aber sie verschwinden nicht durch die Behauptung, wir hätten doch genügend Seen. Mich beschäftigt daran auch, wie schnell aus einer scheinbar fernen Umweltveränderung ein Konflikt im eigenen Alltag werden kann.

Unter unseren Bergen taut die Sicherheit

Neben dem sichtbaren Eisverlust verändert sich etwas, das wir beim Blick auf ein Bergpanorama kaum erkennen: der Permafrost. Damit ist Untergrund gemeint, der während mindestens zweier aufeinanderfolgender Jahre höchstens null Grad warm bleibt. Das können Fels, Schutt oder Boden sein; Permafrost ist also kein unterirdischer Gletscher. Für die Alpen ist besonders bedeutsam, wie die Erwärmung die Stabilität solcher Bereiche verändert. Eis in Felsspalten kann zur Festigkeit beitragen. Wenn es wärmer wird oder schmilzt, verändern sich die mechanischen Eigenschaften. Eindringendes Wasser und der Druck in Klüften können die Verhältnisse zusätzlich beeinflussen. Das häufig verwendete Bild vom Eis als «Klebstoff der Berge» hilft beim ersten Verständnis, vereinfacht jedoch einen komplexen Vorgang. Das Institut für Schnee- und Lawinenforschung erklärt den Einfluss von Permafrost auf Bergstürze entsprechend differenziert: Erwärmung und Auftauen können Instabilitäten begünstigen; bei einem konkreten Ereignis wirken meist mehrere Faktoren zusammen. Nicht jeder Felssturz ist ein Klimabeweis. Die veränderten Bedingungen im Gebirge sind trotzdem real.

Die Folgen reichen von beweglichem Untergrund unter Bauwerken bis zu gefährdeten Wegen und Felswänden. Für betroffene Orte geht es um Überwachung, Schutzmassnahmen und im Ernstfall um die Frage, welche Bereiche noch sicher genutzt werden können. Mich berührt das besonders, weil Berge für mich etwas Beständiges verkörpern. Sie stehen scheinbar ausserhalb unserer kurzen Zeiträume und wechselnden Aufregungen. Natürlich waren sie geologisch nie unbeweglich. Aber zwischen diesem Wissen und der Erfahrung, dass vertraute Landschaften innerhalb eines Menschenlebens deutlich unsicherer werden können, liegt ein grosser Unterschied. Mit dem Eis verlieren wir auch ein Stück Vertrauen in die Umgebung. Ein Gletscher, den kommende Generationen nur noch von Bildern kennen, hinterlässt mehr als eine kahle Fläche. Er verändert das Verhältnis eines Landes zu seiner Landschaft und zu der Geschichte, die es über sich selbst erzählt.

Wie lange reicht «Das gab es schon immer» noch als Ausrede?

Trotzdem begegnet uns weiterhin dieselbe Beschwichtigung: Heisse Sommer habe es immer gegeben. Gletscher seien früher auch gewachsen und geschrumpft. Das Klima habe sich schon vor dem Menschen verändert. Diese Aussagen ersetzen keine Erklärung für die heutige Erwärmung. Dass natürliche Veränderungen existieren, widerlegt den menschlichen Einfluss nicht. Entscheidend sind die Ursachen, das Tempo und die Folgen der aktuellen Entwicklung. Die wissenschaftlichen Grundlagen dazu sind seit Langem vorhanden. Wer nachlesen möchte, wie natürliche Einflüsse und menschliche Treibhausgasemissionen auseinandergehalten werden, findet beim Bund eine verständliche Einordnung der Ursachen des Klimawandels. Über politische Massnahmen, ihre Wirksamkeit und ihre gerechte Finanzierung müssen wir streiten können. Die physikalischen Zusammenhänge werden durch diesen Streit allerdings nicht verhandelbar.

Mich macht weniger ratlos, dass Menschen Fragen haben, als die Selbstverständlichkeit, mit der manche jede Antwort zurückweisen. Skepsis sollte bedeuten, eine Behauptung an Belegen zu prüfen und die eigene Einschätzung gegebenenfalls zu ändern. Wer dagegen jede Messung für übertrieben und jede Warnung für Panikmache hält, hat seine Schlussfolgerung bereits festgelegt. Zugleich wäre es zu einfach, die Verantwortung allein bei ausgesprochenen Klimaleugnern abzuladen. Auch wer die Wissenschaft anerkennt, kann ihre Konsequenzen im Alltag auf Abstand halten. Ich glaube, genau darin liegt ein grosser Teil unseres Problems. Wir wissen genug, um beunruhigt zu sein, finden aber immer wieder Gründe, warum gerade jetzt etwas anderes dringender ist. Die nächste Krise, die nächste wirtschaftliche Sorge, die nächste politische Auseinandersetzung. So wird aus Zustimmung ein Aufschub, der sich Jahr für Jahr verlängern lässt.

Wir können das Thema nicht auf später verschieben

Natürlich verlieren Kriege, Armut, soziale Ungleichheit oder persönliche Existenzängste dadurch nichts von ihrer Dringlichkeit. Doch die Klimakrise verschärft die Bedingungen, unter denen wir solche Probleme lösen müssen. Eine Gesellschaft braucht verlässliche Lebensgrundlagen, um Handlungsspielraum zu haben. Wenn Hitze die Gesundheit belastet, Wasser fehlt und der Schutz von Siedlungen immer aufwendiger wird, müssen Geld, Zeit und Kraft zusätzlich dafür aufgebracht werden. Für mich ist deshalb klar: Wir müssen immer wieder darüber sprechen, auch wenn das Thema ermüdet und keine einfache gute Nachricht bereithält. Gerade Beiträge wie jener von SRF leisten dabei etwas Wertvolles. Sie holen die Entwicklung zurück in unsere Aufmerksamkeit und machen verständlich, weshalb sie uns betrifft. Aufmerksamkeit allein senkt keine Emissionen. Aber ohne sie lässt sich das Problem bequem an den Rand schieben, bis seine Folgen die Tagesordnung bestimmen.

Am Ende bleibt die Frage, ob wir wenigstens mit einer Besserung rechnen dürfen. Bei unseren Gletschern fällt die Antwort ernüchternd aus. Eine Ende 2025 veröffentlichte Studie unter Leitung der ETH Zürich untersucht, wie viele Gletscher bis zum Jahrhundertende bestehen bleiben könnten. In einem Szenario mit rund 2,7 Grad globaler Erwärmung wären in den mitteleuropäischen Alpen im Jahr 2100 nur noch ungefähr drei Prozent der heutigen Gletscher übrig. Diese Zahl bezieht sich auf ihre Anzahl, nicht auf das verbleibende Eisvolumen. Die ETH erläutert die Ergebnisse und die verschiedenen Erwärmungsszenarien. Das ist keine festgeschriebene Zukunft; weniger Erwärmung kann mehr Eis erhalten. Es ist aber eine Aussicht, die wenig Raum für die Erwartung lässt, die Entwicklung werde sich von selbst beruhigen.

Ich würde diesen Text gerne mit dem Gefühl schliessen, dass wir rechtzeitig verstanden haben. Dieses Gefühl habe ich nicht. Klimaschutz kann weitere Schäden begrenzen, und Anpassung kann Menschen und Versorgung besser schützen. Beides ist notwendig. Einen raschen Weg zurück zu den Gletschern und den vertrauten Verhältnissen früherer Jahrzehnte eröffnet es uns nicht. Wir müssen eher damit rechnen, weitere Verluste zu erleben und mit ihren Folgen zu leben. Vielleicht ist das der bedrückendste Gedanke: Dass wir so gut informiert sind und trotzdem eine Zukunft wahrscheinlicher machen, vor der uns dieses Wissen seit Jahren warnt. Viele unserer heutigen Aufregungen werden rückblickend klein wirken, wenn Wasser, erträgliche Temperaturen und sichere Lebensräume fehlen. Das Wasserschloss Schweiz steht noch. Doch während wir darüber diskutieren, wie ernst die Warnungen zu nehmen sind, schmilzt ein Teil seiner Zukunft bereits davon.

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