Sieben Jahre, 15 Staffeln und 153 Sendungen lang sezierte ein ehemaliger Kindergärtner und Punkmusiker den helvetischen Wahnsinn – selbstverständlich auf Schweizerdeutsch
Es gibt Fernsehsendungen, die verschwinden irgendwann aus dem Programm, und man merkt es kaum. Vielleicht fällt einem Monate später auf, dass da früher einmal etwas lief. Irgendetwas mit Gästen, einer Band und freundlichem Applaus. Und dann gibt es Sendungen, die nach ihrem Ende eine echte Lücke hinterlassen.
«Deville» gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.

Wenn immer möglich, war die Sendung Pflichtprogramm. «Pflichtprogramm» klingt bei einer Late-Night-Show zunächst etwas streng – beinahe so, als hätte der Bundesrat den Konsum per Notverordnung angeordnet. Aber tatsächlich gab es nur wenige Formate im deutschsprachigen Fernsehen, die Unterhaltung, politischen Widerspruch und gepflegten Blödsinn so elegant miteinander verbanden.
Oder, wie SRF es selbst treffend formulierte: Unterhaltung mit Haltung, Schwachsinn mit Stil. Die Sendung ist weiterhin bei Play SRF abrufbar.
Vom Versuchskaninchen zum sonntäglichen Pflichttermin
Am 27. Mai 2016 ging «Deville» zum ersten Mal auf Sendung. Vorerst handelte es sich um vier Ausgaben, ausgestrahlt jeweils freitags um 23.45 Uhr – also zu einer Zeit, zu der anständige Menschen bereits schliefen und unanständige Menschen genau die richtige Zielgruppe darstellten.
Aufgezeichnet wurde damals im Zürcher Mascotte. Der erste Gast war Mona Vetsch. Das Konzept sah auf den ersten Blick nach einer klassischen amerikanischen Late-Night-Show aus: Moderator, Schreibtisch, Gäste, Einspieler und Musik. Doch ziemlich schnell wurde klar, dass hier kein Schweizer Jimmy Fallon herangezüchtet werden sollte. «Deville» entwickelte eine ganz eigene Handschrift – irgendwo zwischen politischem Wochenrückblick, anarchischem Kleintheater, Punkkonzert im Anzug und einer Bundesratsmedienkonferenz nach zu viel Absinth. SRF beschrieb das Format zum Start ausdrücklich als Devilles persönliche Spielwiese.
Die Sendung setzte sich im Auswahlverfahren um die Nachfolge von «Giacobbo/Müller» durch, wanderte später auf den Sonntagabend und wurde zu einem festen Bestandteil der Schweizer Fernsehlandschaft. Aus vier Testausgaben wurden schliesslich 15 Staffeln mit insgesamt 153 Sendungen.
Für Schweizer Verhältnisse ist das eine beachtliche Entwicklung. Hierzulande benötigt man schliesslich bereits für die Umplatzierung eines Abfalleimers eine Machbarkeitsstudie, eine Vernehmlassung und vermutlich eine Volksabstimmung.
Schweizerdeutsch – wie es sich gehört
Und natürlich wurde «Deville» auf Schweizerdeutsch moderiert.
Nicht auf diesem seltsam geglätteten Fernsehdeutsch, bei dem man das Gefühl bekommt, jemand habe sämtliche Ecken, Kanten und Chuchichäschtli vorsorglich entfernt. Sondern in jener Sprache, in der man in der Schweiz flucht, diskutiert, politisiert, zweifelt und sich gegenseitig erklärt, weshalb die eigene Gemeinde bei der letzten Abstimmung selbstverständlich richtig und alle anderen falsch entschieden haben.
Das Schweizerdeutsche war dabei mehr als eine sprachliche Eigenheit. Es schuf Nähe. Die Pointen wirkten nicht aus einem internationalen Late-Night-Baukasten importiert, sondern entstanden direkt aus dem Land, seinen Debatten und seinen Widersprüchen.
Bei «Deville» klang Bundesbern nicht wie ein abstraktes politisches Gebilde. Es klang wie das, was es manchmal tatsächlich ist: eine etwas zu gross geratene Gemeindeversammlung mit besser gebügelten Hemden.
(Das Video wird von YouTube eingebettet und erst beim Klick auf den Play-Button von dort geladen und abgespielt. Ab dann gelten die Datenschutzerklärungen von Google.)
Die Schweiz unter dem satirischen Mikroskop
Was mich an der Sendung besonders überzeugte, war ihr kritischer Umgang mit innenpolitischen Fragen – und mit der Rolle, welche die Schweiz gerne in der Welt einnimmt.
«Deville» beschäftigte sich mit Neutralität und NATO, Kampfjets und Klimapolitik, Banken und Milliardären, Frauenrechten und Flüchtlingspolitik, der Europäischen Union, dem Verhältnis von Stadt und Land, der Armee, der SBB und natürlich mit dem Bundesrat. Also mit all den Dingen, bei denen die Schweiz gleichzeitig sehr selbstbewusst, sehr empfindlich und erstaunlich kompliziert sein kann.
Dabei war die Sendung nie bloss ein Parteiprogramm mit eingespielten Lachern. Sie verteilte ihre Seitenhiebe grosszügig und traf auch dort, wo es für das eigene Publikum unbequem werden konnte. Gute Satire bestätigt nicht nur die Überzeugungen jener Menschen, die ohnehin zustimmend vor dem Fernseher sitzen. Sie bohrt dort weiter, wo man selbst lieber rasch das Thema wechseln würde.
Genau das konnte «Deville»: den Finger freundlich lächelnd in die Wunde legen – und anschliessend noch ein wenig darin herumstochern.
Die Sendung stellte immer wieder die Frage, wie die Schweiz sich selbst sieht und wie sie von aussen wahrgenommen wird. Neutral, bescheiden, humanitär und vernünftig? Sicher. Aber eben auch reich, widersprüchlich, eigensinnig und gelegentlich bemerkenswert gut darin, moralische Grundsätze möglichst diskret neben wirtschaftlichen Interessen zu parkieren.
Switzerland Second – wenn die kleine Schweiz plötzlich ganz gross wird
Der internationale Höhepunkt der Sendung war zweifellos der Clip «America First, Switzerland Second» aus dem Jahr 2017. Inspiriert durch eine niederländische Satireaktion bewarb sich die Schweiz darin auf unnachahmliche Weise um Donald Trumps Gunst.
Der Film nahm nicht nur Trump aufs Korn, sondern vor allem die Schweiz selbst: ihren Reichtum, ihr Selbstbild, ihren Umgang mit Frauenrechten und ihre Neigung, sich gleichzeitig als Teil Europas und als dessen besonders kluge Zuschauerin zu verstehen.
Das Video erreichte rund 13 Millionen Aufrufe und machte «Deville» weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Plötzlich erklärte eine Schweizer Late-Night-Show der Welt das eigene Land – in englischer Sprache, aber mit unverkennbar helvetischer Selbstironie.
(Das Video wird von YouTube eingebettet und erst beim Klick auf den Play-Button von dort geladen und abgespielt. Ab dann gelten die Datenschutzerklärungen von Google.)
Eine reichlich bizarre Fussnote kam 2026 hinzu: Der Clip tauchte als geteilter Link in den veröffentlichten Epstein-Unterlagen auf. Eine Verbindung zur Sendung bestand selbstverständlich nicht. Dominic Deville reagierte gewohnt trocken: Auf diesen einen Zuschauer könne er verzichten, auf die übrigen knapp 13 Millionen sei das Team weiterhin stolz. Selbst das digitale Nachleben dieser Sendung produziert also noch Pointen, die kein Autorenteam hätte glaubwürdig erfinden können. SRF berichtete im Februar 2026 über den Fund.
Ein Kindergärtner, ein Punk und ein perfekt sitzender Anzug
Dominic Deville war für dieses Format die ideale Besetzung. Vielleicht gerade deshalb, weil sein Lebenslauf nicht unbedingt danach klingt, als wäre er von einer Fernsehdirektion am Reissbrett entworfen worden.
Geboren wurde er 1975 in München. Im Alter von sechs Jahren zog er mit seiner Familie nach Luzern. Ende der 1980er-Jahre entdeckte er die Punkszene, spielte in verschiedenen Bands und absolvierte von 1993 bis 1996 gleichzeitig das Kindergärtnerseminar.
Kindergärtner und Punkmusiker: Eigentlich die perfekte Ausbildung für das politische Fernsehen. In beiden Berufen muss man mit lauten Menschen umgehen können, die einander nicht ausreden lassen, gelegentlich mit Gegenständen werfen und überzeugt sind, dass nur ihre eigene Idee richtig ist.
Später moderierte Deville bei Radio 3fach, lebte mehrere Jahre in Berlin, arbeitete dort unter anderem als Erzieher und Hörspielautor, schrieb Theaterstücke und Kolumnen, gründete eine Eventagentur und rief gemeinsam mit Benji Gross die Punk-Performance-Gruppe «Failed Teachers» ins Leben. Danach folgten Soloprogramme wie «Kinderschreck» und «Bühnenschreck» sowie das Buch «Pogo im Kindergarten». Eine ausführliche biografische Übersicht bietet dieses Interview.
Man könnte sagen: Deville nahm einen eher grosszügigen Umweg ins Fernsehen. Allerdings war genau dieser Umweg wahrscheinlich die Voraussetzung dafür, dass seine Sendung so eigenständig wirkte.
Im Studio trug er zwar Anzug, doch unter dem Stoff blieb der Punk sichtbar. Nicht unbedingt durch Lautstärke, sondern durch Haltung: Autoritäten sind nicht automatisch glaubwürdig, Traditionen nicht automatisch vernünftig und nur weil etwas schon immer so gemacht wurde, muss es noch lange nicht vor Satire geschützt werden.
Mehr als eine Ein-Mann-Show
So prägend Dominic Deville war, funktionierte die Sendung nur durch ihr Ensemble und das Team hinter den Kulissen.
Patti Basler brachte als Aussenreporterin Bundespolitikerinnen und Bundespolitiker mit Fragen aus dem Takt, auf die kein Kommunikationsberater eine rechtzeitig weichgespülte Antwort vorbereitet hatte. Michelle Kalt verband ihre Tätigkeit als Juristin mit satirischer Schärfe und wurde zur TV-Anwältin für jene Fälle, bei denen der gesunde Menschenverstand längst in Berufung gegangen war.
Gabriel Vetter trat als angeblicher Experte in den unterschiedlichsten und mitunter verstörendsten Rollen auf. Kilian Ziegler betrachtete die Welt aus dem Bahnhofbuffet Olten – also aus jenem geopolitischen Zentrum, in dem früher oder später ohnehin alle Schweizer Züge, Gedanken und Lebensentscheidungen umsteigen müssen.
Dazu kamen im Laufe der Jahre unterschiedliche Sidekicks, Autorinnen, Autoren, Schauspielende, Gäste und Musiker. Gerade diese wechselnden Stimmen machten aus «Deville» mehr als einen wöchentlichen Monolog. Die Sendung wurde zu einer Bühne für die Schweizer Comedy- und Kabarettszene – und bewies, dass politische Satire nicht zwingend aus Berlin, Köln oder Hamburg importiert werden muss.
Kein gewöhnliches Ende
Am 29. Mai 2023 lief die 153. und letzte Ausgabe. Wichtig ist dabei: «Deville» wurde nicht einfach von irgendeiner Programmkommission aus dem Sendeplan radiert. Dominic Deville selbst hatte entschieden, die Sendung nach sieben Jahren zu beenden. Er verglich den Abschied mit dem Ende einer Beziehung – allerdings einer polyamourösen Beziehung mit 15 verschiedenen Partnern.
Das Finale brachte noch einmal das gesamte Ensemble zusammen. Es wurde gelacht, Abschied genommen, gebellt, geschreddert und selbstverständlich das Geheimnis der Ananas im Sendungslogo gelüftet. Danach war Schluss. SRF blickte zum Finale auf sieben Jahre und 153 produzierte Sendungen zurück.
Fast zeitgleich erhielt Dominic Deville den Salzburger Stier 2023, einen der bedeutendsten Preise für deutschsprachige Kleinkunst. Die Jury würdigte seine Verbindung aus Qualität und höherem Blödsinn sowie den Punkmusiker, der sich auch im perfekt sitzenden Fernsehanzug nie vollständig verstecken liess. SRF bezeichnete ihn zu diesem Zeitpunkt bereits als unverzichtbare Stimme der Schweizer Politsatire.
Ganz verschwunden ist er glücklicherweise nicht. Mit seinem Bühnenprogramm «OFF!» kehrte er zur Kleinkunst zurück. Und 2026 meldeten sich sogar die «Failed Teachers» mit einem neuen Album zum 25-jährigen Bestehen zurück. Der Punk ist also noch da. Er hat nur keinen festen Sendeplatz mehr.
Ein Hoch auf das digitale Archiv
Die gute Nachricht: Die Sendung ist nicht wirklich weg. Die vollständigen Ausgaben und zahlreiche einzelne Beiträge lassen sich weiterhin bei SRF und auf dem offiziellen YouTube-Kanal von SRF Comedy finden – vom Auftakt mit Mona Vetsch bis zur allerletzten Folge.
Man kann also jederzeit zurückkehren in eine Epoche, in der am Sonntagabend ein ehemaliger Kindergärtner die Schweiz beaufsichtigte. Und im Gegensatz zu vielen politischen Debatten haben die alten Folgen erstaunlich wenig an Aktualität verloren. Manche Themen wirken heute sogar noch absurder als damals – was weniger für die Politik als für die Haltbarkeit guter Satire spricht.
Mir fehlt «Deville». Nicht nur als Unterhaltungssendung, sondern als wöchentlicher Blick auf ein Land, das sich selbst gerne sehr ernst nimmt und deshalb Menschen braucht, die es hin und wieder liebevoll auslacht.
Die Schweiz ist klein, reich, kompliziert, neutral und gelegentlich überzeugt, sie habe für jedes Problem bereits eine Kommission eingesetzt. «Deville» hielt diesem Land sieben Jahre lang den Spiegel vor.
Und manchmal war es eben kein Spiegel.
Manchmal war es eine Ananas.



