Was die Dixie Chicks verloren, weil sie widersprachen – und warum wir solche Künstlerinnen heute brauchen
Ein Satz auf einer Bühne. Danach verschwinden Songs aus Radioprogrammen, CDs werden öffentlich zerstört, eine Sängerin erhält eine Morddrohung.
Keine erfundene Geschichte über eine ferne Diktatur. Sondern ein Kapitel amerikanischer Musikgeschichte.
2003 widersprachen die Dixie Chicks dem amerikanischen Präsidenten und dem bevorstehenden Irakkrieg. Was folgte, war eine öffentliche Bestrafung, die weit über musikalischen Geschmack hinausging. Ihre Geschichte stellt bis heute eine unbequeme Frage: Wie viel Meinungsfreiheit verträgt ein Publikum, wenn seine Lieblingskünstlerinnen tatsächlich eine eigene Meinung haben?
Ich bin dankbar für Menschen auf Bühnen, die sich diese Freiheit nehmen. Für Bruce Springsteen. Für U2. Für Musikerinnen, die seit Jahrzehnten gegen Rassismus, Krieg und Ausgrenzung ansingen. Und besonders für drei Frauen aus der Countrymusik, deren Karriere eine schmerzhafte Wendung nahm, weil sie sich nicht auf freundliche Unterhaltung reduzieren liessen.
Die Dixie Chicks heissen heute The Chicks. Sie sind noch da.
Und ihre Geschichte ist längst nicht zu Ende.
London, 10. März 2003: Der Satz, der alles veränderte
Die Chicks waren damals keine kleine Protestband am Rand des Musikgeschäfts. Natalie Maines, Martie Maguire und Emily Strayer, damals noch unter dem Namen Emily Robison bekannt, gehörten zu dessen erfolgreichsten Künstlerinnen. Ihre Alben „Wide Open Spaces“ von 1998 und „Fly“ von 1999 erreichten in den USA jeweils Diamantstatus – die Auszeichnung für mindestens zehn Millionen verkaufte beziehungsweise entsprechend zertifizierte Einheiten. Sie waren musikalisch versiert, kommerziell enorm erfolgreich und weit über das traditionelle Countrypublikum hinaus beliebt. Bandbiografie
Dann kam der Auftritt im Londoner Shepherd’s Bush Empire.
Am 10. März 2003, kurz vor Beginn des Irakkriegs, sagte Natalie Maines dem Publikum sinngemäss, die Band schäme sich dafür, dass der amerikanische Präsident aus Texas komme. Gemeint war George W. Bush. Eine Konzertkritik im britischen Guardian machte die Bemerkung öffentlich; von dort verbreitete sie sich in den USA. Historischer Rückblick bei HISTORY
Maines hatte weder einen ausgearbeiteten politischen Vortrag gehalten noch eine Kampagne gestartet. Sie hatte auf einer Bühne eine Haltung ausgesprochen.
Man konnte ihre Formulierung respektlos finden. Man konnte ihr widersprechen. Man konnte den Krieg befürworten.
Doch was darauf folgte, hatte eine andere Dimension.
Als das Radio zur Strafinstanz wurde
Countryradios nahmen die Musik der Band aus dem Programm. Protestierende zerstörten öffentlich ihre CDs. Aus erfolgreichen Musikerinnen wurden für einen Teil ihres bisherigen Publikums Menschen, denen man mangelnden Patriotismus vorwarf. ABC News über die Reaktionen von 2003
Dabei ging es nicht ausschliesslich um die Entscheidungen einzelner Hörerinnen und Hörer. Auch Unternehmen griffen ein. Der Radiokonzern Cumulus veranlasste einen zeitweiligen Boykott. Bei einer Senatsanhörung kritisierte sogar der republikanische Senator John McCain dieses Vorgehen: Obwohl ihn Maines’ Aussage selbst verärgert hatte, sah er in der wirtschaftlichen Bestrafung wegen einer politischen Äusserung ein warnendes Beispiel für die Macht konzentrierter Medienunternehmen. Associated Press zur Senatsanhörung
Diese Unterscheidung ist entscheidend. Niemand muss eine Platte kaufen. Niemand ist verpflichtet, eine Band zu mögen. Wenn aber einflussreiche Unternehmen gemeinsam darüber bestimmen, wessen Musik wegen einer politischen Position nicht mehr gehört werden soll, betrifft das mehr als persönliche Vorlieben.
Es war kein staatliches Musikverbot. Es war wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Druck mit einer unmissverständlichen Botschaft: Euer Erfolg hängt auch davon ab, was ihr besser nicht sagt.
Für Countrykünstlerinnen war das besonders empfindlich. Radio bedeutete Zugang zum Publikum, Sichtbarkeit und Unterstützung für die nächsten Veröffentlichungen.
Wer dort verschwand, verlor einen wichtigen Teil seiner beruflichen Grundlage.
Hinter dem öffentlichen Streit stand wirkliche Angst
Die Auseinandersetzung blieb nicht bei Boykottaufrufen. In einem späteren CNN-Interview berichteten die Chicks über eine konkrete Morddrohung gegen Natalie Maines, die ein Konzert in Dallas zum Ziel hatte. Die Bedrohung wurde auch im Dokumentarfilm „Shut Up & Sing“ festgehalten. CNN-Interview vom 25. Oktober 2006
An diesem Punkt verliert die gern benutzte Floskel vom „rauen Ton“ jede Unschuld.
Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob jemand schreibt, eine Sängerin habe Unsinn geredet, oder ob sie vor einem Auftritt um ihr Leben fürchten muss. Hinter der öffentlichen Figur steht ein Mensch. Mit einer Familie. Mit Ängsten, die sich auch durch Millionen verkaufte Platten nicht abschalten lassen.
Zur ehrlichen Geschichte gehört allerdings auch: Maines entschuldigte sich zunächst für die respektlose Form ihrer Bemerkung. Sie erklärte später, dass sie damit ihre Ablehnung des Kriegs nicht zurückgenommen habe. 2006 distanzierte sie sich auch von dieser Entschuldigung. CNN über ihre damalige und spätere Haltung
Gerade dieses Zögern macht die Geschichte menschlich. Mut bedeutet nicht, vom ersten Augenblick an unangreifbar zu sein. Mut kann auch heissen, unter Druck nachzugeben, darüber nachzudenken und schliesslich eine Grenze zu ziehen.
Drei Frauen, die sich nicht zurechtweisen liessen
Ich sehe in dieser Geschichte auch eine Frage nach dem Umgang mit selbstbewussten Frauen.
Von Sängerinnen wird oft erwartet, dass sie Nähe herstellen: zugänglich sein, Gefühle zeigen, das Publikum mögen und ihm möglichst keinen unangenehmen Abend bereiten. Politische Wut stört dieses Verhältnis. Besonders dann, wenn sie von Frauen kommt, die sich weder entschuldigen noch besänftigen lassen wollen.
Das erklärt nicht jede damalige Reaktion. Aber es gehört für mich zur Bedeutung des Falls.
Die Chicks standen vor einer Erwartung, die vielen Frauen bekannt vorkommen dürfte: Du darfst erfolgreich sein, solange du angenehm bleibst.
Ihr späterer Widerspruch traf genau diesen Punkt.
Denn es ist eine Sache, eine Sängerin für ihre starke Stimme zu feiern. Eine andere ist es, ihr zuzugestehen, diese Stimme auch gegen die eigenen Überzeugungen einzusetzen.
„Not Ready to Make Nice“: Eine Antwort, die geblieben ist
2006 erschien „Taking the Long Way“, produziert von Rick Rubin. Sein bekanntestes Lied wurde „Not Ready to Make Nice“ – eine musikalische Antwort auf die vorausgegangenen Angriffe. Bei den Grammys 2007 gewann das Album die Auszeichnungen für das beste Album des Jahres und das beste Countryalbum. Der Song erhielt unter anderem die Preise für „Record of the Year“ und „Song of the Year“. Insgesamt waren es fünf Grammys für das Projekt. Recording Academy: Grammy-Auszeichnungen 2007
(Das Video wird von YouTube eingebettet und erst beim Klick auf den Play-Button von dort geladen und abgespielt. Ab dann gelten die Datenschutzerklärungen von Google.)
Man könnte daraus eine bequeme Erfolgsgeschichte machen: Erst verfolgt, dann ausgezeichnet, am Ende alles gut.
So einfach war es nicht.
Noch im Oktober 2006 beschrieb Martie Maguire bei CNN einen erheblichen Rückgang der Konzertbesucherzahlen: Statt früher ungefähr 14.000 bis 17.000 seien es nun etwa 7.000 pro Abend gewesen. Das war ihre damalige Schilderung, keine Statistik über sämtliche Konzerte. Sie zeigt dennoch, wie wenig sich künstlerische Anerkennung und wirtschaftliche Erholung gleichsetzen lassen. CNN-Interview
Für mich liegt die Kraft von „Not Ready to Make Nice“ deshalb nicht im späteren Triumph. Sie liegt in der Weigerung, eine erzwungene Versöhnung aufzuführen.
Man muss Menschen, die einen bedroht haben, kein beruhigendes Happy End liefern.
Man darf verletzt sein. Wütend bleiben. Weiterarbeiten.
Und aus dieser Erfahrung ein Lied machen, in dem andere ihre eigene Stimme wiederfinden.
Was wurde aus den Chicks?
Die kurze Antwort lautet: Sie haben weitergemacht. Allerdings nicht im alten Rhythmus.
Zwischen „Taking the Long Way“ und dem nächsten gemeinsamen Studioalbum lagen 14 Jahre. Daraus sollte man keine Geschichte von 14 Jahren vollständigem Berufsverbot machen. Die lange Pause hatte auch mit Familie, persönlichen Veränderungen und dem Wunsch zu tun, wieder gemeinsam Musik machen zu wollen. In einem Interview zur Rückkehr beschrieben sie diese Jahre ausdrücklich auch als Zeit des Elternseins und der Neuorientierung. ELLE: Gespräch über ihre Rückkehr
2020 erschien „Gaslighter“, gemeinsam mit Jack Antonoff produziert. Das Album verknüpft persönliche Verletzungen, Trennungen, Selbstbehauptung und gesellschaftliche Fragen. Maines sprach darüber, wie ihre Scheidung das Schreiben beeinflusst hatte und wie Antonoffs Arbeitsweise neue Möglichkeiten eröffnete. Natalie Maines im Interview mit Howard Stern
Das ist für mich ein wichtiger Teil ihrer Entwicklung: Sie mussten nicht auf Dauer die drei Frauen bleiben, denen 2003 etwas angetan worden war.
Auch wer öffentlich für eine politische Haltung bekannt wird, hat ein Leben jenseits dieses einen Konflikts. Beziehungen scheitern. Kinder werden älter. Verletzungen verändern ihre Form. Daraus darf neue Musik entstehen.
Die wichtigsten Alben zum Wiederhören und Entdecken
| Album | Erscheinungsjahr | Einordnung |
|---|---|---|
| Wide Open Spaces | 1998 | Der grosse Durchbruch der Besetzung mit Natalie Maines |
| Fly | 1999 | Die Fortsetzung ihres enormen Erfolgs |
| Home | 2002 | Das Studioalbum unmittelbar vor dem politischen Bruch |
| Taking the Long Way | 2006 | Das Album mit „Not Ready to Make Nice“ |
| Gaslighter | 2020 | Ihr bislang jüngstes auf der offiziellen Musikseite aufgeführtes Studioalbum |
Daneben dokumentieren Liveveröffentlichungen wie „Top of the World Tour: Live“ und „DCX MMXVI Live“ ihre Bühnenarbeit. Ein nach „Gaslighter“ erschienenes neues Studioalbum lässt sich zum Recherchestand auf ihrer offiziellen Musikseite nicht belegen. Offizielle Diskografie

Warum sie heute The Chicks heissen
Im Juni 2020 strich die Band „Dixie“ aus ihrem Namen. Die Entscheidung fiel in eine Zeit intensiver Debatten über Rassismus und historische Symbole in den USA. Der Begriff ist eng mit den amerikanischen Südstaaten verbunden und trägt auch die Erinnerung an die Konföderation mit sich. Die Musikerinnen erklärten später, sie hätten eine Namensänderung schon seit Jahren erwogen. TIME: Gespräch mit den Chicks
Zeitgleich veröffentlichten sie „March March“, einen ausdrücklich politischen Song. Das dazugehörige Video verbindet Protestbilder mit dem Gedenken an Opfer rassistischer Gewalt. Stereogum zur Veröffentlichung und Namensänderung
Man muss nicht glauben, dass eine Namensänderung gesellschaftliche Probleme löst. Das tut sie selbstverständlich nicht.
Aber sie kann zeigen, dass Künstlerinnen bereit sind, auch die eigene Geschichte zu überprüfen. Ein berühmter Name ist schliesslich ein wirtschaftlicher Wert. Ihn zu verändern, ist eine konkrete Entscheidung.
Und heute? Wieder auf amerikanischen Bühnen
Zum Stand dieses Beitrags gibt es eine ausgesprochen passende Nachricht: Für den 30. September 2026 ist der Auftakt ihrer „Taking the Long Way 20th Anniversary Tour“ im Fox Theatre in Detroit angekündigt.
Laut Veranstalter soll die Band das Album erstmals vollständig aufführen und die Abende mit weiteren bekannten Songs ergänzen. Die im Mai veröffentlichte Tourankündigung nennt unter anderem Chicago, New York, Nashville, San Antonio, Austin, Seattle und San Francisco sowie Abschlusskonzerte am 1. und 2. November in Hollywood. Offizielle Tourankündigung von Live Nation
Sie treten also weiterhin in den USA auf. Auch in Texas.
Das hat eine besondere Symbolik: Das Album, das aus einer Erfahrung der Ausgrenzung entstand, wird zwanzig Jahre später zum Mittelpunkt einer neuen Tour.
Politisch sind sie ebenfalls nicht verstummt. Am 22. August 2024 sangen die Chicks beim Parteitag der Demokraten in Chicago die amerikanische Nationalhymne. Dieser Auftritt ist ein klar dokumentiertes öffentliches Zeichen ihrer damaligen Positionierung. PBS: Aufzeichnung des Auftritts
Drei Frauen, denen einst mangelnde Vaterlandsliebe vorgeworfen wurde, singen die Hymne ihres Landes.
Für mich steckt darin eine überzeugende Antwort: Man kann sein Land lieben und gerade deshalb widersprechen.
Wie es ihnen privat geht, lässt sich aus öffentlichen Auftritten nicht ableiten. Beruflich ist die Lage klarer: Die Band besteht, ihre Musik bleibt präsent, und sie plant weiterhin gemeinsame Konzerte. Aktuelle Termine veröffentlicht sie auf ihrer offiziellen Tourseite.
Warum ich Bruce Springsteen glaube
Wenn Bruce Springsteen auf der Bühne über Amerika spricht, höre ich einem Künstler zu, dessen Beschäftigung mit seinem Land seit Jahrzehnten zu seinem Werk gehört.
Im Mai 2025 kritisierte er beim Tourauftakt in Manchester die Trump-Regierung scharf und rief dazu auf, Demokratie und Freiheit gegen autoritäre Entwicklungen zu verteidigen. Seine vollständigen Ansprachen veröffentlichte er auf seiner eigenen Website. Damit waren die Aussagen überprüfbar und blieben über den Konzertabend hinaus zugänglich. Springsteens Ansprachen vom 14. Mai 2025
Ich glaube ihm seine Sorge. Das ist eine persönliche Einschätzung, kein Beweis für seine Unfehlbarkeit.
Zur Genauigkeit gehört auch: Politischer Gegenwind allein belegt noch nicht, wie viele amerikanische Fans er tatsächlich verloren hat. Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, dass seine Popularität in Europa gerade wegen dieser Kritik gestiegen sei.
Die Vorstellung, er werde nur noch diesseits des Atlantiks gefeiert, wäre jedenfalls falsch. Im Frühjahr 2026 brachte er seine „Land of Hope and Dreams“-Tour in die USA; Associated Press berichtete vom Auftakt in einem voll besetzten Target Center in Minneapolis. AP zum amerikanischen Tourauftakt
Gerade das macht seine Haltung interessant. Er trägt sie auch vor ein amerikanisches Publikum.
Die Frauen, die in dieser Geschichte ebenfalls vorkommen müssen
Wer über politische Glaubwürdigkeit in der Musik spricht, sollte nicht immer nur bei den grossen männlichen Rockstars landen.
Joan Baez verband ihre Karriere über Jahrzehnte mit Bürgerrechten, Gewaltfreiheit und Protest gegen den Vietnamkrieg. Ihre Biografie dokumentiert die Teilnahme am Marsch von Selma nach Montgomery ebenso wie zahlreiche weitere politische Aktionen. Bei ihr war Engagement ein wesentlicher Teil ihres öffentlichen Lebens. Offizielle Biografie von Joan Baez
Mavis Staples steht mit ihrer Musik und der Geschichte der Staple Singers für die Verbindung von Gospel, Soul und der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Der Dokumentarfilm „Mavis!“ widmet sich genau diesem Zusammenhang zwischen künstlerischem Werk und gesellschaftlichem Einsatz. Über den Dokumentarfilm „Mavis!“
Bonnie Raitt engagiert sich seit Langem für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte sowie für die Rechte und Ausbildung von Musikerinnen und Musikern. Ihre Benefizarbeit zeigt, wie politisches Engagement über einen einzelnen öffentlichkeitswirksamen Satz hinausreichen kann. Bonnie Raitts Engagement
Auch jüngere Künstlerinnen setzen diese Arbeit fort. Maren Morris trat 2023 beim Benefizkonzert „Love Rising“ in Nashville für LGBTQ-Rechte auf. Bericht zum Konzert
Diese Frauen haben unterschiedliche Stimmen, Biografien und politische Schwerpunkte. Genau das ist wertvoll. Gesellschaftliches Engagement braucht viele Ausdrucksformen: den Protestsong, die Spendensammlung, den öffentlichen Widerspruch, die jahrelange Unterstützung einer Organisation.
U2 und Eminem: Glaubwürdigkeit verlangt keine Heiligen
Auch bei U2 überzeugt mich die Dauer ihres Engagements. Die Band verweist auf ihre Zusammenarbeit mit Amnesty International, auf die Unterstützung von ONE und (RED) sowie auf den Auftritt von Bono und The Edge 2022 in einer als Schutzraum genutzten Metrostation in Kyjiw. Musik, öffentliche Aufmerksamkeit und konkrete Organisationen werden dabei miteinander verbunden. U2 über ihr gesellschaftliches Engagement
Natürlich dürfen auch wohlhabende Rockstars kritisiert werden. Gute Absichten erledigen keine berechtigten Fragen zu Geld, Macht oder Widersprüchen.
Doch der Anspruch, nur vollkommen widerspruchsfreie Menschen dürften sich politisch äussern, würde den öffentlichen Raum erstaunlich leer machen.
Das gilt auch für Eminem. Seine Texte und Provokationen muss niemand pauschal verteidigen, um eine konkrete politische Äusserung ernst zu nehmen. Im Oktober 2024 unterstützte er Kamala Harris bei einer Veranstaltung in Detroit und sprach sich dafür aus, dass Menschen ihre Meinung ohne Angst vor Vergeltung äussern können. Associated Press zu Eminems Auftritt
Genau diese Freiheit steht im Zentrum der Geschichte der Chicks.
Was könnten all diese Stars tatsächlich bewegen?
Hier beginnt der Wunsch, der mich an diesem Thema besonders beschäftigt.
Was wäre, wenn mehr der grössten Künstlerinnen und Künstler ihre finanzielle Unabhängigkeit konsequent dafür nutzten, demokratische Werte zu verteidigen?
Nicht nur einmal vor einer Wahl. Sondern regelmässig, verständlich und verbunden mit konkreter Unterstützung.
Reichweite lässt sich durchaus in Aufmerksamkeit übersetzen. Nach Taylor Swifts Wahlempfehlung für Kamala Harris im September 2024 führte ihr Link innerhalb von rund 15 Stunden zu etwa 338.000 Besuchen auf der Informationsseite Vote.gov. Das waren Seitenbesuche – keine nachgewiesenen Neuregistrierungen und erst recht keine gesicherten zusätzlichen Stimmen. Trotzdem zeigt der Vorgang, wie schnell eine Künstlerin Menschen zu einem ersten Schritt bewegen kann. Axios über die von der US-Verwaltung gemeldeten Zugriffe
Eine Wahlempfehlung entscheidet keine Wahl. Ein Konzert ersetzt keine politische Organisation.
Aber daraus folgt nicht, dass diese Stimmen bedeutungslos wären.
Ich wünsche mir vor allem vier Dinge:
Erstens: Verlässlichkeit. Wer von Menschenwürde spricht, sollte auch dann daran festhalten, wenn es Sponsoren oder Teilen des Publikums missfällt.
Zweitens: Konkrete Hilfe. Aufmerksamkeit kann zu Spenden, ehrenamtlicher Arbeit oder Unterstützung für lokale Initiativen führen. Dafür müssen die nächsten Schritte sichtbar sein.
Drittens: Solidarität untereinander. Wird eine Künstlerin wegen einer demokratischen Meinungsäusserung bedroht, sollten andere öffentlich an ihrer Seite stehen. Man muss ihre Ansicht nicht vollständig teilen, um ihr Recht darauf zu verteidigen.
Viertens: Platz für andere Stimmen. Ein berühmter Name kann Menschen eine Bühne geben, die von Ungerechtigkeit unmittelbar betroffen sind und selbst weniger Gehör finden.
Das wäre ein sinnvoller Gebrauch von Einfluss.
Wer finanziell frei ist, hat mehr Möglichkeiten
Ich erwarte von einer jungen Musikerin, die um ihren nächsten Auftrag kämpft, nicht dieselbe Risikobereitschaft wie von einem Weltstar mit einem Vermögen, das mehrere Leben absichern könnte.
Auch Reichtum schützt nicht vor Drohungen. Die Geschichte der Chicks zeigt das schmerzhaft. Doch finanzielle Unabhängigkeit schafft Handlungsspielraum.
Deshalb halte ich die Frage für berechtigt: Wofür wird dieser Spielraum genutzt?
Für die nächste möglichst konfliktfreie Werbepartnerschaft? Oder gelegentlich auch dafür, etwas zu sagen, das gesagt werden muss?
Mit „Werten“ meine ich dabei konkrete Dinge: die Würde anderer Menschen achten, Rassismus widersprechen, faire Wahlen verteidigen, Gewalt zurückweisen und politische Gegner nicht entmenschlichen.
Wer dafür eintritt, sollte denselben Massstab auch an die eigene politische Seite anlegen. Sonst wird aus Haltung bloss Loyalität zu einem Lager.
Auch wir im Publikum tragen Verantwortung
Es wäre bequem, den ganzen Mut auf der Bühne zu verlangen.
Wir entscheiden mit, welche Künstlerinnen wir unterstützen. Ob wir weiterhin ein Konzert besuchen, wenn eine politische Bemerkung uns irritiert. Ob wir einen Gedanken prüfen, bevor wir die Person dahinter abschreiben. Ob wir Drohungen klar verurteilen, auch wenn sie jemanden treffen, dessen Meinung wir ablehnen.
Wer Kunst nur dann akzeptiert, wenn sie die eigenen Ansichten bestätigt, macht aus ihr eine Dienstleistung zur Selbstberuhigung.
Ich möchte von Musik mehr.
Sie darf trösten und unterhalten. Sie darf einen Abend leicht machen. Sie darf aber auch an einer Überzeugung rütteln, eine verdrängte Frage stellen oder einem Menschen Mut geben, der sich allein fühlt.
Sie sind geblieben. Das zählt.
Die Chicks haben für ihren Widerspruch einen hohen Preis bezahlt. Ihre Geschichte enthält Angst, wirtschaftliche Einbussen, Enttäuschung und lange Pausen. Sie enthält ebenso Freundschaft, musikalische Arbeit und die Entscheidung, sich nicht dauerhaft zum Schweigen bringen zu lassen.
Zwanzig Jahre nach „Taking the Long Way“ kehren sie mit genau diesem Album auf amerikanische Bühnen zurück.
Das ist ein guter Anlass, wieder hinzuhören.
Und ein guter Anlass, von den Grossen der Musik mehr zu erhoffen als routinierte Zugaben. Wer Millionen erreicht, kann Menschen auf etwas aufmerksam machen, das ihnen sonst entgeht. Wer finanziell unabhängig ist, kann anderen Rückhalt geben. Wer eine Bühne besitzt, kann sie teilen.
Ich bin dankbar für Künstlerinnen und Künstler, die das tun.
Weil ihre Stimme etwas riskiert.
Weil sie uns zutrauen, zuzuhören.
Und weil eine freie Gesellschaft Menschen braucht, die auch vor einem zahlenden Publikum den Mut haben, zu sagen: Nein. Damit bin ich nicht einverstanden.



