Warum der Wechsel an der Apple-Spitze weit mehr als eine Personalie ist – und weshalb das Event vom 9. September tatsächlich wieder Geschichte schreiben könnte.
Es gibt Apple-Events, bei denen man ziemlich genau weiß, was passieren wird. Ein schnellerer Prozessor, eine bessere Kamera, ein helleres Display, eine neue Farbe – und selbstverständlich das beste iPhone, das Apple je gebaut hat. Alles hochwertig, alles professionell, aber selten wirklich überraschend.
Das kommende Event ist anders.
Apple hat die Veranstaltung unter dem Motto „Surprise and shine“ offiziell für den 9. September 2026 angekündigt. Beginn ist um 10 Uhr in Kalifornien, also um 19 Uhr bei uns. Und nur acht Tage zuvor hat eine neue Ära begonnen: Seit dem 1. September ist John Ternus CEO von Apple. Tim Cook hat das Amt nach 15 Jahren abgegeben und ist Executive Chairman des Board of Directors geworden. Der Wechsel ist damit nicht länger ein Gerücht, sondern vollzogen. Apple hat die Nachfolge bereits im April offiziell angekündigt; inzwischen führt Apple Ternus auch auf seiner eigenen Leadership-Seite als CEO.
Und genau deshalb glaube ich, dass wir beim kommenden Event – ausnahmsweise wieder mit gutem Grund – auf ein echtes „One more thing“ hoffen dürfen. Vielleicht sogar darauf hoffen müssen.
Nicht, weil John Ternus innerhalb seiner ersten acht Tage als CEO plötzlich ein neues Produkt erfunden hätte. Apples Geräte entstehen über Jahre, nicht zwischen Amtsantritt und Keynote. Aber Apple kann ihm etwas geben, das für einen neuen CEO fast unbezahlbar ist: das Privileg, seine Amtszeit mit einem Produkt zu eröffnen, das sichtbar für einen neuen Abschnitt steht.
Dieses Produkt dürfte das erste faltbare iPhone sein.
Der neue CEO ist kein Verkäufer – sondern ein Ingenieur
John Ternus ist nicht der Mann, den die breite Öffentlichkeit spontan mit Apple verbindet. Er ist kein Showman wie Steve Jobs, kein politisch und wirtschaftlich derart präsenter Unternehmenslenker wie Tim Cook und auch kein Bühnencharakter wie Craig Federighi.
Ternus ist Maschinenbauingenieur.
Er studierte an der University of Pennsylvania, arbeitete zunächst bei Virtual Research Systems und kam 2001 in Apples Produktdesign-Team. 2013 wurde er Vice President of Hardware Engineering, 2021 stieg er in die oberste Führungsriege auf. Inzwischen hat er fast seine gesamte berufliche Laufbahn bei Apple verbracht.
Unter seiner Verantwortung entstanden beziehungsweise entwickelten sich wesentliche Teile von iPad, AirPods, Mac, Apple Watch und iPhone. Er spielte eine zentrale Rolle beim Übergang des Macs zu Apple Silicon – einer jener Veränderungen, die von außen fast unspektakulär wirkten, technologisch aber zu den bedeutendsten Entscheidungen der Cook-Ära gehören.
Apple beschreibt Ternus als einen der treibenden Köpfe hinter verbesserter Haltbarkeit, neuen Materialien und höherer Reparierbarkeit. Der Konzern schreibt ihm unter anderem Arbeiten an recycelten Aluminiumlegierungen, 3D-gedrucktem Titan und der längeren Lebensdauer verschiedener Geräte zu. Diese Darstellung stammt natürlich von Apple selbst. Dennoch passt sie zum Profil eines Mannes, dessen Karriere nicht im Marketing oder in der Finanzwelt begann, sondern bei Schrauben, Gehäusen, Displays, Materialien und Fertigungsproblemen.
Eine Episode aus seiner Vergangenheit ist dafür bezeichnend. Ternus erzählte später, wie er als junger Apple-Ingenieur in einer Fabrik bis tief in die Nacht über die Anzahl der Rillen in einer Schraube stritt, die sich auf der Rückseite eines Displays befand und von den meisten Menschen niemals bewusst wahrgenommen werden würde. Was sich absurd anhört, beschreibt einen wesentlichen Teil der Apple-Kultur: Details zählen auch dann, wenn sie nicht als Aufzählungspunkt auf einer Produktseite erscheinen.
Ternus ist damit gleichzeitig Kontinuität und Veränderung. Er ist ein Apple-Insider, der noch unter Steve Jobs gearbeitet und Tim Cook als Mentor erlebt hat. Aber er kommt aus einer anderen Disziplin als Cook. Nach dem Logistiker und Betriebsökonomen übernimmt wieder ein Produkt- und Hardwaremensch.
Das ist kein Zufall. Es ist eine Richtungsanzeige.

Tim Cook geht – und bleibt trotzdem an Bord
Tim Cook gibt die operative Führung ab. John Ternus ist CEO, sitzt im Board of Directors und trägt nun die Verantwortung für das Tagesgeschäft und die strategische Umsetzung.
Trotzdem verschwindet Cook nicht.
Als Executive Chairman ist er mehr als ein Ehrenvorsitzender. Apple erklärt ausdrücklich, dass Cook das Unternehmen in ausgewählten Bereichen weiterhin unterstützen werde – insbesondere bei den Beziehungen zu politischen Entscheidungsträgern weltweit. Genau dort besitzt er ein Netzwerk und eine Erfahrung, die Ternus nicht über Nacht übernehmen kann.
Man kann deshalb sagen: Cook hält weiterhin eine Hand am strategischen Ruder. Aber man sollte nicht behaupten, dass er Apple heimlich weiterführt. Dafür gibt es keine belastbaren Belege, und eine solche Doppelherrschaft wäre auf Dauer auch kaum im Interesse des Unternehmens. Ternus muss führen können, sonst wäre der Wechsel nur Theater.
Wahrscheinlicher ist eine bewusst konstruierte Arbeitsteilung. Ternus soll Produkte, Technologie, Design und die nächste Gerätegeneration prägen. Cook bleibt in der Übergangsphase der erfahrene Mentor, Verwaltungsratsvorsitzende und politische Großmeister. Gerade im Umgang mit Washington, China, Indien und der Europäischen Union wird Apple auf seine Kontakte nicht verzichten wollen.
Cooks Bilanz ist ohnehin gewaltig. Als er 2011 übernahm, lag Apples Börsenwert laut Unternehmensangaben bei ungefähr 350 Milliarden US-Dollar. Bis 2026 wurde daraus ein Konzern mit einem Wert von mehreren Billionen US-Dollar. Der Jahresumsatz stieg von 108 Milliarden US-Dollar im Geschäftsjahr 2011 auf mehr als 416 Milliarden US-Dollar im Geschäftsjahr 2025. Apple zählt über 2,5 Milliarden aktive Geräte und erwirtschaftet allein mit seinen Services mehr als 100 Milliarden US-Dollar jährlich.
Cook hat Apple nicht erfunden. Aber er hat aus dem von Jobs erneuerten Unternehmen eine globale Maschine gemacht, die in einer Dimension arbeitet, die selbst Jobs nie führen musste.
Unter Cook kamen Apple Watch, AirPods und Vision Pro. Apple baute iCloud, Apple Pay, Apple Music und Apple TV massiv aus. Vor allem gelang es dem Unternehmen, die Entwicklung eigener Chips zu einer Kernkompetenz zu machen. Diese Apple-Silicon-Strategie verbindet heute praktisch alle Produktkategorien und gibt dem Unternehmen eine Kontrolle über Leistung, Energieverbrauch und Funktionen, die kaum ein Konkurrent in dieser Konsequenz besitzt.
Cook war vielleicht nicht der große Zauberer auf der Bühne. Aber er war der Architekt eines Systems, in dem Apple Jahr für Jahr enorme Mengen hochkomplexer Produkte entwickeln, fertigen und verkaufen kann.
Warum ausgerechnet jetzt ein „One more thing“?
„One more thing“ war bei Steve Jobs nie einfach ein zusätzlicher Programmpunkt. Es war Dramaturgie. Die scheinbar abgeschlossene Präsentation, die kurze Pause, die beiläufige Bemerkung – und dann etwas, das die Veranstaltung im besten Fall neu definierte.
Apple hat die Formel später weiterverwendet. 2020 trug sogar die gesamte Veranstaltung rund um den ersten M1-Chip und die neue Mac-Generation dieses Motto. Trotzdem gehört der Satz emotional bis heute zu Jobs.
Am 9. September kommen nun mehrere Dinge zusammen:
- ein neuer CEO,
- ein Event-Motto, das ausdrücklich eine Überraschung verspricht,
- ein Hardwareingenieur an der Unternehmensspitze,
- das wichtigste Produktgeschäft des Konzerns
- und sehr konkrete Berichte über Apples erstes faltbares iPhone.
Apple hat das faltbare Gerät noch nicht bestätigt. Auch der häufig genannte Name „iPhone Ultra“ ist weiterhin unbestätigt. Trotzdem befinden wir uns nicht mehr im Stadium eines beliebigen Internetgerüchts. Bloomberg berichtet konkret von einer Präsentation am 9. September, und Axios erwartet das faltbare iPhone ebenfalls bei dieser Veranstaltung. Bereits im Frühjahr hatte Bloomberg gemeldet, das Gerät liege trotz möglicher Fertigungsprobleme weiterhin im Zeitplan für September.
Das ist keine offizielle Bestätigung. Aber es ist deutlich mehr als das übliche Rauschen vor einer Keynote.
Für mich ist die Kombination beinahe ein gesichertes Zeichen: Apple hat den CEO-Wechsel so gelegt, dass John Ternus wenige Tage später die Bühne für das ambitionierteste iPhone seit Jahren erhält. Medienberichte deuten zudem darauf hin, dass Ternus selbst eine wichtige Kraft hinter dem faltbaren Gerät war.
Die Inszenierung schreibt sich damit fast von allein.
Warum ein faltbares iPhone zu Ternus passt
Apple kommt spät.
Samsung verkauft seit 2019 faltbare Smartphones. Auch Google, Motorola und chinesische Hersteller haben mehrere Generationen auf den Markt gebracht. Apple wird also nicht behaupten können, das Falten erfunden zu haben.
Aber Apple war historisch selten am stärksten, wenn es eine Technologie als Erster zeigte. Das Unternehmen war am stärksten, wenn es aus bereits vorhandenen Technologien ein Produkt formte, das für wesentlich mehr Menschen verständlich, begehrenswert und praktisch wurde.
Vor dem iPod gab es MP3-Player. Vor dem iPhone gab es Smartphones. Vor dem iPad gab es Tablet-Computer. Vor der Apple Watch gab es Smartwatches. Apple erfand nicht jede einzelne Komponente. Apple veränderte, wie diese Komponenten zusammen gedacht wurden.
Genau darin liegt die Chance des faltbaren iPhones.
Bisherige Foldables kämpfen je nach Modell weiterhin mit Kompromissen: sichtbaren Faltstellen, empfindlichen Displays, komplexen Scharnieren, hohem Gewicht, geringerem Staubschutz, hohen Preisen und einer Software, die den zusätzlichen Bildschirm nicht immer überzeugend nutzt.
Ein faltbares iPhone muss deshalb nicht einfach nur aufklappbar sein. Es muss eine Antwort auf die Frage geben, warum ein iPhone überhaupt faltbar sein soll.
Wird es geöffnet zu einem kleinen iPad? Wie funktionieren Multitasking und Fenster? Was geschieht mit Apps beim Wechsel zwischen Außen- und Innendisplay? Wie werden Kameras, Batterie und Lautsprecher verteilt? Wie dünn kann das Gerät werden, ohne zerbrechlich zu wirken? Und wie verhindert Apple, dass man nach dem ersten Staunen bloß ein sehr teures, dickeres Smartphone besitzt?
Das sind Hardwarefragen, aber nie nur Hardwarefragen. Sie betreffen Mechanik, Materialien, Chips, Betriebssystem, Apps und Bedienung gleichzeitig. Also genau jene Integration, von der Apple lebt – und genau jenes Feld, aus dem John Ternus kommt.
Ein faltbares iPhone wäre deshalb mehr als ein neues Modell. Es wäre seine Bewerbung um das Vertrauen der Öffentlichkeit, obwohl die eigentliche Entwicklungsarbeit lange vor seinem Amtsantritt begann.
Und noch eine weitere Überraschung?
Möglich ist sie. Gesichert ist sie nicht.
Die erwartete Liste für den 9. September ist bereits umfangreich: neue Pro-iPhones, Apple Watches und das faltbare Spitzenmodell. Auch neue Versionen von Apple TV und HomePod mini werden gehandelt.
Die interessantere Möglichkeit wäre jedoch ein neuer Home-Hub – ein intelligentes Display, das Personen und Stimmen erkennt, Inhalte anpasst und als Zentrale für Haushalt, Kommunikation und Siri dient. Bloomberg berichtet seit Längerem über Apples Arbeit an solchen Geräten. Ebenfalls in Entwicklung sollen KI-Brillen, AirPods mit Kameras und weitere tragbare Produkte sein.
Ich würde nicht darauf wetten, dass Apple am 9. September bereits eine fertige Brille oder einen vollkommen neuen KI-Begleiter verkauft. Dafür sind die Hinweise zu unsicher. Aber ein Ausblick, ein Teaser oder eine neue Home-Kategorie wäre eine passende zweite Überraschung.
Denn die eigentliche Zukunftsfrage lautet nicht, ob Apple noch ein besseres iPhone bauen kann. Sie lautet, welches Gerät eines Tages Aufgaben übernimmt, für die wir heute ständig das iPhone hervorholen.
Warum Steve Jobs für mich trotzdem unerreicht bleibt
Bei aller Anerkennung für Cook und aller Neugier auf Ternus: Steve Jobs bleibt für mich das Höchste der Gefühle.
Damit meine ich nicht, dass er der angenehmste Mensch, der beste Vorgesetzte oder ein moralisches Vorbild gewesen sei. Biografien und Aussagen früherer Mitarbeiter zeichnen ein schwieriges Bild. Jobs konnte verletzend, rücksichtslos und ungerecht sein. Er behandelte Menschen teilweise auf eine Weise, die man weder verklären noch als notwendige Bedingung für Kreativität entschuldigen sollte.
Man darf seine Leistung anerkennen, ohne seine Härte nachzuahmen. Und man darf sein Menschsein kritisieren, ohne seine Bedeutung für Technologie, Design und Produktkultur kleinzureden.
Jobs war auch nicht der alleinige Erfinder all jener Produkte, die mit ihm verbunden werden. Hinter Macintosh, iMac, iPod, iPhone und iPad standen außergewöhnliche Teams: Ingenieure, Designer, Softwareentwickler, Produktionsfachleute und Marketingexperten. Ohne Steve Wozniak, Jony Ive und viele andere wäre die Apple-Geschichte anders verlaufen.
Jobs’ einzigartige Stärke bestand für mich in einer anderen Rolle. Er war der kompromisslose Redakteur des Produkts.
Er konnte Technologie, Gestaltung, menschliches Verhalten und eine größere Idee miteinander verbinden. Er entschied, was entfernt werden musste. Er verstand, dass Fokus nicht darin besteht, zu einer guten Idee Ja zu sagen, sondern zu Hunderten anderer guter Ideen Nein.
Und er konnte einem Produkt Bedeutung geben.
Die Vorstellung des ersten iPhones im Jahr 2007 war nicht deshalb so eindrucksvoll, weil Jobs technische Daten herunterbetete. Er erklärte zuerst die Welt, in der dieses Gerät notwendig wurde. Dann zeigte er drei vermeintliche Produkte – iPod, Telefon und Internetgerät –, bevor er enthüllte, dass alle drei dasselbe Gerät waren.
Das war keine gewöhnliche Präsentation. Das war eine meisterhaft gebaute Geschichte.
Heute besitzt Apple bessere Kameras, leistungsfähigere Chips, größere Labore und ungleich mehr Geld. Doch dieses Gefühl, dass ein einzelner Mensch auf der Bühne gerade eine Tür zu einer anderen Zukunft öffnet, ist selten geworden.
Vielleicht idealisiere ich einen Teil davon. Wahrscheinlich tun das viele von uns. Aber gute Produkte bestehen nicht nur aus messbarer Leistung. Sie erzeugen Erinnerung, Erwartung und emotionale Bindung. Jobs verstand das wie kaum jemand.
Warum ich Apple seit Jahren treu bleibe
Ich halte seit vielen Jahren an Apple-Produkten fest. Nicht, weil jedes davon perfekt wäre. Nicht, weil Apple immer recht hätte. Und schon gar nicht, weil andere Hersteller keine hervorragenden Geräte bauen könnten.
Ich bleibe, weil die Summe für mich funktioniert.
Ein Mac, ein iPhone, ein iPad, eine Apple Watch und AirPods verhalten sich nicht wie fünf voneinander getrennte Geräte. Sie bilden ein System. Ich kann auf dem iPhone etwas beginnen und auf dem Mac weiterarbeiten. Text und Bilder lassen sich über die universelle Zwischenablage kopieren. Dateien wandern per AirDrop. Das iPhone wird zur Webcam. Das iPad dient als zweiter Bildschirm. Anrufe und Nachrichten erscheinen dort, wo ich gerade arbeite.
Apple fasst diese Funktionen unter „Continuity“ zusammen. Handoff, AirDrop, Sidecar, Universal Control und die gemeinsame Zwischenablage sind einzeln keine Weltrevolutionen. Ihre Wirkung entsteht durch die Wiederholung. Jeden Tag werden kleine Reibungen vermieden.
Genau das ist der Teil, den Preisvergleiche oft nicht erfassen.
Seit einigen Jahren arbeiten bei uns auch im Büro grundsätzlich alle mit Apple-Geräten. Dadurch wird der Nutzen noch deutlicher. Dateien, Bildschirme, Kopfhörer, Kameras, Präsentationen und mobile Geräte passen zusammen. Mitarbeitende müssen nicht dauernd zwischen vollkommen unterschiedlichen Bedienlogiken wechseln. Die Systeme lassen sich zentral verwalten, verschlüsseln und weitgehend automatisiert einrichten.
Natürlich kann man vieles davon auch mit Windows, Android und verschiedenen Cloud-Diensten abbilden. Aber häufig benötigt man dafür mehr Einzelprodukte, mehr Konfiguration und mehr Aufmerksamkeit. Apple verkauft nicht nur Geräte. Apple verkauft die Verringerung von Übergängen.
Diese Geschlossenheit ist gleichzeitig Stärke und Schwäche. Wer einmal vollständig im Ökosystem steckt, spürt den Komfort – und die steigenden Wechselkosten. Fotos, Nachrichten, Käufe, Passwörter, Zubehör und Gewohnheiten verbinden sich mit der Plattform. Aus Bequemlichkeit kann Abhängigkeit werden.
Das sollte man nicht romantisieren. Aber man muss auch nicht so tun, als sei der praktische Nutzen eingebildet.
Sind Apple-Geräte wirklich zu teuer?
Die ehrliche Antwort lautet: manchmal ja – aber nicht immer.
Apple-Produkte sind fast immer teuer in der Anschaffung. Besonders bei zusätzlichem Arbeitsspeicher, größeren SSDs, Zubehör und Reparaturen verlangt das Unternehmen Preise, die schwer allein mit höheren Kosten zu erklären sind. Dass viele Macs nach dem Kauf weder beim Speicher noch beim Arbeitsspeicher sinnvoll aufgerüstet werden können, zwingt Kunden zu teuren Entscheidungen im Voraus.
Auch beim iPhone bezahlt man für Speicherstufen, die in keinem vernünftigen Verhältnis zum reinen Komponentenpreis stehen. Apple versteht es sehr gut, aus einer Produktmatrix möglichst hohe Margen herauszuholen.
Trotzdem ist der Anschaffungspreis nicht dasselbe wie die Gesamtkosten.
Entscheidend sind Nutzungsdauer, Zuverlässigkeit, Wiederverkaufswert, Energieverbrauch, Supportaufwand und die Zeit, die Mitarbeitende mit Problemen verlieren. Apple verweist zu Recht auf lange Softwareunterstützung. In einem Bericht zur Produktlebensdauer nennt das Unternehmen Funktionsupdates für Geräte, die bis zu sechs Jahre alt sind, und zusätzliche Sicherheitsupdates darüber hinaus. Für das iPhone 6s aus dem Jahr 2015 erschienen noch Jahre nach dem Ende der regulären Funktionsupdates Sicherheitskorrekturen. Apples Angaben zur Langlebigkeit sind Eigenwerbung, aber die lange tatsächliche Updatehistorie lässt sich überprüfen.
Eine von Apple beauftragte Forrester-Studie aus dem Jahr 2026 errechnet für große Unternehmen Einsparungen von rund 760 US-Dollar pro eingesetztem Mac über fünf Jahre. Genannt werden unter anderem geringere Support-, Energie- und Sicherheitskosten sowie ein höherer Restwert. Diese Studie ist mit Vorsicht zu lesen: Apple hat sie finanziert, und Forrester warnt selbst davor, die Ergebnisse ungeprüft auf jedes Unternehmen zu übertragen. Dennoch zeigt sie, warum ein teurerer Computer im Büro über seinen Lebenszyklus günstiger sein kann.
Bei uns kommt hinzu: Wenn alle mit derselben Plattform arbeiten und diese im Alltag wenig Reibung erzeugt, ist der Preis nicht nur eine Hardwarefrage. Arbeitszeit ist teuer. Jede vermiedene Stunde Fehlersuche, Treiberpflege oder Formatkonvertierung besitzt einen Wert.
Mein Urteil lautet deshalb: Apple ist teuer. Gewisse Optionen sind eindeutig überteuert. Doch ein Mac oder iPhone, das fünf oder sechs Jahre produktiv genutzt und anschließend noch verkauft wird, kann wirtschaftlicher sein als ein billigeres Gerät mit kürzerer Lebensdauer.
Apple ist nicht günstig. Aber teuer und zu teuer sind nicht automatisch dasselbe.
Wo Apple kritisiert werden muss
Meine Verbundenheit mit Apple bedeutet nicht, dass ich das Unternehmen unkritisch betrachten will.
Apple nutzt seine Kontrolle über Hardware, Betriebssystem, App-Vertrieb und Zahlungswege teilweise sehr aggressiv. Die Europäische Kommission verhängte 2025 eine Geldbuße von 500 Millionen Euro, weil Apple nach ihrer Einschätzung gegen die Anti-Steering-Regeln des Digital Markets Act verstoßen hatte. Entwickler mussten Nutzer innerhalb ihrer Apps auf alternative Angebote hinweisen können. Die Kommission sah Apples Einschränkungen als rechtswidrig an.
Auch in den USA läuft das große Kartellverfahren des Justizministeriums weiter. Die Regierung wirft Apple vor, durch technische und vertragliche Barrieren den Wettbewerb rund um das iPhone zu behindern. Apple weist die Vorwürfe zurück. Ein Gericht ließ das Verfahren 2025 jedoch weiterlaufen; ein Prozess könnte 2027 beginnen.
Das geschlossene System, das mir als Nutzer Komfort bietet, kann für Entwickler und Konkurrenten zu einer Mauer werden. Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Kritikwürdig sind auch:
- hohe Speicher- und Reparaturpreise,
- verklebte oder verlötete Komponenten,
- die geringe Aufrüstbarkeit vieler Macs,
- ein teilweise überladeneres und weniger zuverlässiges Softwareerlebnis,
- die misslungene erste Phase von Apple Intelligence,
- der enorme Einfluss des App Store
- und der Widerspruch zwischen Nachhaltigkeitskommunikation und einem Marketingapparat, der jedes Jahr neue Kaufanreize erzeugt.
John Ternus übernimmt deshalb kein makelloses Unternehmen. Er übernimmt eines der erfolgreichsten Unternehmen der Geschichte – mit entsprechend großer Verantwortung.
Apple, die USA und die problematische Nähe zu Trump
Besonders schwierig finde ich Apples Verhältnis zu Donald Trump.
Tim Cook hat über Jahre eine persönliche Beziehung zu ihm aufgebaut. Diese Strategie war wirtschaftlich nachvollziehbar: Apple ist ein amerikanischer Konzern, produziert aber große Teile seiner Geräte und Komponenten in Asien. Zölle, Exportkontrollen und politische Auseinandersetzungen können die Kosten und Lieferketten direkt treffen.
Cook gelang es immer wieder, Apple einen direkten Zugang zum Präsidenten zu sichern. Doch zwischen professioneller Interessenvertretung und politischer Anbiederung verläuft eine Grenze, die zunehmend verschwommen wirkt.
Cook spendete persönlich eine Million US-Dollar an das Komitee für Trumps Amtseinführung. Apple selbst erhöhte später sein amerikanisches Investitionsversprechen auf 600 Milliarden US-Dollar über vier Jahre. Ein Teil davon fließt in Halbleiter, Forschung, KI-Infrastruktur, Glasfertigung und amerikanische Zulieferer.
Investitionen in Arbeitsplätze und Fertigung sind grundsätzlich nichts Verwerfliches. Problematisch war die Inszenierung. Bei einem gemeinsamen Auftritt im Oval Office überreichte Cook Trump eine Glasplakette mit einem Sockel aus 24-karätigem Gold. Das Geschenk wurde öffentlich präsentiert – zeitgleich mit Investitionszusagen und während Apple auf Entlastung bei Zöllen hoffte.
Ein illegaler Tausch lässt sich daraus nicht ableiten. Aber die Optik ist verheerend: Ein mächtiger Konzernchef bringt einem Präsidenten ein goldenes Einzelstück, während dieser über wirtschaftliche Belastungen für genau diesen Konzern entscheidet.
Apple präsentiert sich als Unternehmen der Privatsphäre, Inklusion, Nachhaltigkeit und individuellen Freiheit. Umso stärker fällt auf, wenn wirtschaftlicher Pragmatismus diese Werte zu überlagern scheint.
Vielleicht sah Cook seine Aufgabe darin, Apple und seine Mitarbeitenden vor politischen Schäden zu schützen. Vielleicht war es die nüchterne Erkenntnis, dass Trump persönliche Aufmerksamkeit und sichtbare Loyalität belohnt. Aber auch erfolgreicher Pragmatismus hat einen moralischen Preis.
Dass Cook nun ausdrücklich für die Beziehungen zu politischen Entscheidungsträgern zuständig bleibt, zeigt, wie wichtig Apple diese Funktion findet. Es ist vermutlich einer der Hauptgründe für seine Rolle als Executive Chairman.
Ternus kann sich damit zunächst auf Produkte konzentrieren. Dauerhaft wird er der politischen Verantwortung jedoch nicht entkommen. Ein Apple-CEO führt heute nicht nur ein Technologieunternehmen. Er verhandelt indirekt über Handelspolitik, Datenschutz, Plattformmacht, Meinungsfreiheit, Lieferketten und das Verhältnis zwischen demokratischen Staaten und autoritären Märkten.
Was wir von Apple in Zukunft erwarten dürfen
Die Ternus-Ära wird sich an fünf großen Fragen entscheiden.
1. Kann Apple KI in ein wirklich gutes Produkt verwandeln?
Apple hat bei generativer KI zunächst enttäuscht. Funktionen wurden angekündigt, verspätet und teilweise nicht in der versprochenen Form geliefert. 2026 präsentierte das Unternehmen eine neue Generation von Apple Intelligence und Siri. Apple setzt dabei auf eigene Modelle, Verarbeitung auf dem Gerät und stärkeren Datenschutz, arbeitet aber zugleich mit externen Modellanbietern.
Apple muss nicht das größte Sprachmodell besitzen. Es muss KI so in Geräte einbauen, dass daraus ein verlässlicher Alltagsnutzen entsteht. Wenn Ternus Hardware, Sensoren, Chips und Software zu einer glaubwürdigen, privaten Assistenz verbindet, könnte das späte Eintreffen erneut zum Vorteil werden.
2. Welches Gerät folgt auf das Smartphone?
Das faltbare iPhone ist zunächst eine Erweiterung des Smartphones, kein Ersatz. Interessanter sind langfristig Brillen, intelligente Kopfhörer, Kameras und unauffällige Assistenten, die Kontext wahrnehmen können.
Apple besitzt dafür viele Bausteine: eigene Chips, Betriebssysteme, Displays, Sensoren, AirPods, Apple Watch, Vision Pro, Siri und eine riesige installierte Gerätebasis. Noch fehlt jedoch das Produkt, das all diese Teile selbstverständlich zusammenführt.
3. Wird Gesundheit zur wichtigsten Apple-Kategorie?
Die Apple Watch hat sich vom Zubehör zum Gesundheitsgerät entwickelt. Herzrhythmus, Sturzerkennung, Unfallmeldungen, Hörgesundheit und weitere Funktionen zeigen, wohin die Reise geht.
Die nächste große Stufe wären zuverlässige Blutdruckmessungen, bessere Langzeitdiagnostik oder eines Tages eine nichtinvasive Glukosemessung. Solche Funktionen sind medizinisch und regulatorisch erheblich schwieriger als ein neuer Prozessor. Wenn sie gelingen, könnten sie aber wichtiger werden als jede zusätzliche Smartphone-Kamera.
4. Kann Apple seine Plattform öffnen, ohne ihren Vorteil zu zerstören?
Regulierer verlangen mehr Wettbewerb. Entwickler verlangen fairere Bedingungen. Nutzer wollen Sicherheit, Komfort und gleichzeitig mehr Wahlfreiheit.
Apple wird lernen müssen, dass Offenheit nicht automatisch Kontrollverlust bedeutet. Das Unternehmen sollte seine Plattform nicht erst dann verbessern, wenn Gerichte und Behörden es dazu zwingen.
5. Wie unabhängig kann Apple geopolitisch werden?
Apple baut die Fertigung in den USA aus und verlagert Teile der Produktion nach Indien und in andere Länder. China bleibt dennoch zentral – als Produktionsstandort, Zuliefernetzwerk und Absatzmarkt.
Eine vollständige Entkopplung ist weder kurzfristig realistisch noch wirtschaftlich sinnvoll. Aber die politische Welt wird unberechenbarer. Lieferkettenkompetenz, einst Tim Cooks größte Stärke, bleibt deshalb auch unter Ternus eine Überlebensfrage.
Das vielleicht wichtigste „One more thing“
Vielleicht wird John Ternus am 9. September tatsächlich die berühmten Worte sagen.
Vielleicht öffnet sich hinter ihm die Leinwand und Apple zeigt das erste faltbare iPhone. Vielleicht heißt es iPhone Ultra. Vielleicht folgt ein zweites Gerät, mit dem heute kaum jemand rechnet. Vielleicht bleibt „One more thing“ auch unausgesprochen, weil Apple die Vergangenheit nicht allzu offensichtlich beschwören will.
Doch eigentlich besteht das wahre „One more thing“ bereits jetzt.
Es ist nicht nur das faltbare iPhone.
Es ist die Rückkehr eines Ingenieurs an die Spitze eines Unternehmens, das immer dann am stärksten war, wenn das Produkt wichtiger wurde als die Verwaltung des Produkts. Es ist die Frage, ob Apple unter Ternus wieder mehr Mut, mehr Fokus und mehr sichtbare Freude an neuen Geräten entwickelt – ohne die operative Stärke der Cook-Ära zu verlieren.
Steve Jobs bleibt für mich unerreicht. Nicht als Mensch, nicht als unfehlbarer Held, sondern als Produktdenker, Redakteur und Geschichtenerzähler. Tim Cook hat aus seinem Erbe einen globalen Konzern von unglaublicher Stabilität und Reichweite gebaut. John Ternus muss nun beides verbinden: die kompromisslose Produktidee und die Realität eines Unternehmens mit Milliarden Nutzern, politischem Einfluss und gesellschaftlicher Verantwortung.
Am 9. September wird deshalb nicht nur ein neues iPhone präsentiert.
John Ternus präsentiert seine Vorstellung davon, was Apple nach Steve Jobs und nach Tim Cook sein will.
Und genau darauf bin ich so gespannt wie seit Jahren nicht mehr.



