Darf man einem Politiker wie Björn Höcke eine solche Bühne geben? Ein Blick von außen auf Ben Berndts „ungeskriptet“, die Empörung danach und die Verantwortung eines Gastgebers, der kein Journalist sein will

Ich habe keine Sympathie für Björn Höcke. Nicht für seine Politik, nicht für seine Sprache und nicht für sein Gesellschaftsbild. Trotzdem habe ich mir das Gespräch angesehen.

Vielleicht muss man sogar beides können: sich eine eigene Meinung bilden und zugleich fragen, unter welchen Bedingungen diese Meinungsbildung stattfindet. Denn ein Gespräch ist niemals nur ein Gespräch, sobald Kameras laufen, Werbekunden bezahlen, Algorithmen Ausschnitte verteilen und Millionen Menschen zuschauen.

Ben Berndts Podcast-Ausgabe mit Björn Höcke wurde am 29. April 2026 veröffentlicht und trägt den Titel „Ich habe mich getraut, Björn Höcke einzuladen“. Aufgenommen worden war sie bereits am 14. April. Das Gespräch dauert rund viereinhalb Stunden.

Ich verlinke es hier bewusst. Ich bette es nicht ein. Wer es sehen möchte, soll diese Entscheidung selbst treffen.

Die Reichweite war enorm: Innerhalb von 24 Stunden wurde die Millionenmarke überschritten. Anfang Juli berichtete die Deutsche Presse-Agentur von 6,1 Millionen YouTube-Aufrufen und rund 118.000 Kommentaren. Hinzu kamen Abrufe über Spotify und andere Podcast-Plattformen.

Das ist für ein deutsches Gesprächsformat außergewöhnlich. Aber Reichweite ist noch kein Qualitätsmerkmal. Sie ist zunächst einmal Macht.

Wer ist Ben Berndt?

Benjamin „Ben“ Berndt ist kein klassisch ausgebildeter Journalist. Er bezeichnet sich selbst auch nicht als solchen. Der Kölner Unternehmer begann seinen Podcast vor einigen Jahren in der eigenen Küche. Zunächst kamen viele Gäste aus der Kraft- und Kampfsportszene, später Politiker, Unternehmer, Künstler und gezielt auch Personen, die in den etablierten Medien als kontrovers gelten.

Zu seinen Gästen gehörten unter anderem Christian Lindner, Sahra Wagenknecht, Gregor Gysi, Ricarda Lang, Jan van Aken, Paul Ronzheimer, Maximilian Krah, Ken Jebsen und Arafat Abou-Chaker. Sein Vorbild ist nach eigenen Angaben der amerikanische Podcaster Joe Rogan. Finanziert wird das Format unter anderem durch Werbung.

Berndts Versprechen lautet Offenheit: keine abgesprochenen Fragen, möglichst keine Unterbrechungen, lange Gespräche und eine Atmosphäre, in der der Gast sich nicht verteidigen muss. Er möchte seinen Tisch zu einer „Schweiz der Podcasts“ machen und nach einem Gespräch klüger hinausgehen, als er hineingegangen ist.

Das klingt zunächst sympathisch. Zuhören ist schließlich keine Straftat. Neugier ist keine Zustimmung. Und auch ein unsympathischer, radikaler oder gefährlicher Mensch bleibt ein Mensch.

Aber genau hier beginnt das Problem.

Ein Gastgeber, der einem Politiker Zugang zu einem Millionenpublikum verschafft, kann sich nicht vollständig aus der Verantwortung verabschieden, indem er sagt, er sei kein Journalist. Wer politische Aussagen verbreitet, mit ihnen Reichweite erzielt und daran verdient, wird dadurch vielleicht nicht zum Journalisten im beruflichen Sinn. Er wird aber sehr wohl zu einem einflussreichen Akteur der politischen Öffentlichkeit.

Das Framing beginnt schon vor der ersten Frage

Der Podcast präsentiert sich als ungefiltert. Tatsächlich beginnt die Rahmung bereits im Titel: „Ich habe mich getraut“.

Warum braucht es Mut, einen demokratisch gewählten Landtagsabgeordneten einzuladen? Weil dieser Politiker gefährlich ist? Weil man Reaktionen befürchtet? Oder weil sich mit dem inszenierten Tabubruch Aufmerksamkeit erzeugen lässt?

Auch die Beschreibung der Folge ist keineswegs neutral. Berndt kündigt an, den „vierfachen Familienvater“, „ehemaligen Vertrauenslehrer“ und „liebenden Ehemann“ hinter dem öffentlichen Feindbild zeigen zu wollen. Höcke wird damit schon vor Gesprächsbeginn in die Rolle des womöglich zu Unrecht Dämonisierten gesetzt.

Natürlich ist Björn Höcke ein Familienvater. Natürlich kann er freundlich auftreten, lachen, Fahrrad fahren, Holz hacken und von seiner Kindheit erzählen. Aber was soll daraus politisch folgen?

Auch autoritäre Politiker haben Familien. Extremisten können höflich sein. Menschen mit radikalen Vorstellungen erscheinen nicht zwangsläufig mit Schaum vor dem Mund. Die Fähigkeit, in einem Podcast sympathisch zu wirken, widerlegt weder eine Ideologie noch eine politische Absicht.

Vielleicht ist die entscheidende Frage deshalb nicht, ob Höcke als Mensch gezeigt werden durfte. Selbstverständlich durfte er das. Die Frage lautet: Wurde sein menschliches Porträt mit der notwendigen Prüfung seines politischen Handelns verbunden?

Was erzählt Höcke?

Das Gespräch folgt weitgehend seiner Lebensgeschichte. Es geht um Kindheit, Elternhaus, Schule, die Vertreibungsgeschichte seiner Familie, Ostpreußen, den Lehrerberuf, die Gründung der AfD, innerparteiliche Machtkämpfe, Migration, Verfassungsschutz, Justiz und Höckes politische Zukunft.

Diese Länge hat durchaus einen Erkenntniswert. Man erlebt, wie Höcke sich selbst erzählen möchte: als sensiblen, naturverbundenen Lehrer; als widerwillig in die Politik geratenen Idealisten; als von Medien, Justiz und Parteigegnern verfolgten Außenseiter; als Mann, der einer größeren Sache dienen will.

Gleichzeitig entsteht ein bemerkenswert geschlossenes Weltbild.

Deutschland erscheint bei Höcke als ein Land im Zerfall. Die anderen Parteien werden zum „Kartell“. Staatliche Institutionen werden als politisch gesteuert dargestellt. Migration ist nicht einfach eine politische Fehlentwicklung, sondern Teil einer existenziellen Bedrohung des deutschen Volkes. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus erscheint nicht als historische Verantwortung, sondern als „Schuldkult“ beziehungsweise „Vergangenheitsbewirtschaftung“.

Der verstörende blinde Fleck: deutsche Opfer – aber kein Holocaust

Besonders aufschlussreich ist der ausführliche historische Abschnitt zwischen ungefähr Minute 49 und Minute 70.

Höcke erzählt zunächst von dem Leid seiner aus Ostpreußen stammenden Familie. Er spricht von Flucht, Vertreibung, Vergewaltigungen, dem Untergang der „Wilhelm Gustloff“, den Bombenangriffen und den Menschen, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat verloren. Dieses Leid hat es gegeben. Es darf benannt und erinnert werden. Die Verbrechen an deutschen Zivilisten werden nicht dadurch unwahr, dass Deutschland den Krieg begonnen hatte.

Doch es kommt darauf an, wie diese Geschichte erzählt und in welchen Zusammenhang sie gestellt wird.

Höcke erklärt, in seiner Familie habe man auch über die „Kausalitäten“ gesprochen: über die Entstehung des Ersten und Zweiten Weltkriegs und über einen von ihm hervorgehobenen Zusammenhang zwischen dem Versailler Vertrag und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Anschließend beklagt er, im Geschichtsunterricht sei vor allem vermittelt worden, Deutschland habe den Krieg ausgelöst und das Leid deutscher Zivilisten sei lediglich als hinzunehmender Kollateralschaden behandelt worden.

Er beschreibt Flucht und Vertreibung als kulturhistorische Auslöschung. Die Verlusterfahrung seiner Familie verbindet er direkt mit seiner heutigen Warnung, die Deutschen könnten durch Migration zu einer Minderheit im eigenen Land werden. Damit wird ein historisches Trauma in ein gegenwärtiges politisches Bedrohungsbild überführt.

An dieser Stelle muss eine Präzisierung vorgenommen werden: Höckes anschließende Behauptung, andere Mächte hätten möglicherweise ein noch größeres Interesse am Ausbruch eines Krieges gehabt, bezieht sich ausdrücklich auf den Ersten Weltkrieg. Er spricht über Artikel 231 des Versailler Vertrags und bestreitet zu Recht eine deutsche Alleinschuld am Ersten Weltkrieg. Die Forschung betrachtet dessen Ursachen tatsächlich als komplex und auf mehrere Staaten und Konflikte verteilt.

Es wäre deshalb falsch, Höcke an dieser Stelle zu unterstellen, er habe ausdrücklich behauptet, andere Länder hätten den Zweiten Weltkrieg stärker gewollt als Deutschland.

Aber genau durch den Gesprächsverlauf entsteht eine Unschärfe: Die Erzählung beginnt mit dem Zweiten Weltkrieg, deutschen Opfern und deutschem „Schuldverständnis“. Sie führt über Versailles zur Relativierung einer deutschen Alleinschuld am Ersten Weltkrieg und von dort zu einer grundsätzlichen Kritik an westlicher Kriegspropaganda, moralischer Überlegenheit und amerikanischer Machtpolitik.

Was in diesem langen historischen Monolog praktisch vollständig fehlt, ist die nationalsozialistische Vernichtungspolitik.

Kein Holocaust. Kein Auschwitz. Keine systematische Ermordung der europäischen Juden. Keine Konzentrations- und Vernichtungslager. Keine Einsatzgruppen. Kein Genozid an den europäischen Roma. Keine Millionen sowjetischer Kriegsgefangener und polnischer Zivilisten, die durch das NS-Regime ermordet wurden.

Das vor der späteren Bearbeitung angefertigte Volltranskript der Podcastfolge enthält keinen Treffer für „Holocaust“, „Shoah“, „Auschwitz“, „Genozid“, „Konzentrationslager“ oder „sechs Millionen“. Juden erwähnt Höcke an anderer Stelle lediglich in Form einer persönlichen Entlastungsanekdote: Er behauptet, jüdische Besucher seiner Veranstaltungen hätten ihm gesagt, sie würden für ihn beten.

Historisch steht fest: Das nationalsozialistische Deutschland und seine Verbündeten und Kollaborateure ermordeten etwa sechs Millionen jüdische Männer, Frauen und Kinder. Hinzu kamen Millionen weitere Opfer nationalsozialistischer Verfolgung und Massenverbrechen, darunter Roma, Menschen mit Behinderungen, sowjetische Kriegsgefangene, nichtjüdische Polen, politische Gegner und andere verfolgte Gruppen. Die Zahlen und Täterdokumente sind umfassend aufgearbeitet, unter anderem in der Holocaust-Enzyklopädie des United States Holocaust Memorial Museum.

Auch die historische Verantwortung für den Beginn des Zweiten Weltkriegs ist eindeutig: Am 1. September 1939 überfiel das nationalsozialistische Deutschland Polen ohne Kriegserklärung. Damit entfachte das Deutsche Reich den Zweiten Weltkrieg. Der sowjetische Einmarsch in Ostpolen, der Hitler-Stalin-Pakt, das Versagen der Appeasement-Politik oder andere internationale Entwicklungen gehören zur historischen Gesamterklärung. Sie ändern nichts an der deutschen Verantwortung für den europäischen Angriffs- und Vernichtungskrieg.

Niemand muss in jedem historischen Gespräch sämtliche Opfergruppen aufzählen. Aber wenn ein ehemaliger Geschichtslehrer fast eine halbe Stunde über deutschen Schuldunterricht, den Zweiten Weltkrieg, deutsche Opfer, Vertreibung und eine angeblich problematische Fixierung auf die negativen Seiten deutscher Geschichte spricht, dann ist das vollständige Ausblenden des Holocaust keine beiläufige Lücke mehr. Es ist selbst Teil der Erzählung.

Spätestens hier hätte Berndt nachfragen müssen:

Wie kann man so ausführlich über die deutsche Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg sprechen, ohne die sechs Millionen ermordeten Juden zu erwähnen? Was meint Höcke konkret, wenn er die Konzentration auf die „negativen Auswüchse“ deutscher Geschichte kritisiert? Wo liegt für ihn das angemessene Verhältnis zwischen der Erinnerung an deutsche Opfer und der Verantwortung für den von Deutschland begonnenen Vernichtungskrieg?

Diese Fragen kommen nicht.

Dasselbe Muster wiederholt sich gegen Ende des Podcasts beim Thema Dresden. Höcke beklagt, man könne der deutschen Bombenopfer nie gedenken, ohne das Geschehen in die deutsche Schuld einzubetten. Er spricht über das Leiden der Zivilbevölkerung und über die angebliche Tendenz etablierter Medien, deutsche Opferzahlen zu minimieren.

Wieder wird über die Erinnerung an deutsche Opfer gesprochen, als sei die historische Kontextualisierung vor allem eine Einschränkung des Trauerns. Wieder wird nicht erklärt, warum der Kontext des nationalsozialistischen Angriffs- und Vernichtungskrieges unverzichtbar ist. Und wieder fällt kein Wort über den Holocaust.

Deutsches Leid darf erinnert werden. Aber wenn die Erinnerung an dieses Leid regelmäßig von der Vorgeschichte, den deutschen Verbrechen und den Opfern der deutschen Herrschaft getrennt wird, entsteht keine ausgewogenere Geschichte. Es entsteht eine Verschiebung der moralischen Perspektive.

Gerade bei einem Politiker, der bereits 2017 eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert hat, müsste das alarmieren.

Migration als existenzielle Bedrohung

Auch beim Thema Migration wird deutlich, wie Höcke seine politischen Vorstellungen sprachlich auflädt.

Er spricht von der „ethnokulturellen Kontinuität des deutschen Volkes“ und fordert eine Rückkehr zu einem stärker vom Abstammungsprinzip geprägten Staatsangehörigkeitsrecht. Menschen, die sich nach seiner Auffassung nicht integrieren oder assimilieren, müsse man das Leben in Deutschland „ungemütlich machen“, um Remigrationsdruck zu erzeugen.

Die aktuelle Einwanderungspolitik bezeichnet er sogar als „Mordkomplott“.

Was geschieht unmittelbar danach? Keine Nachfrage nach den angeblichen Tätern dieses Komplotts. Keine Bitte um Belege. Keine Frage, ob diese Formulierung demokratisch gewählte Regierungen zu Mördern erklärt. Stattdessen geht es kurz um die Wärme im Studio, das Ablegen des Sakkos und künstliche Blumen.

Genau an solchen Stellen zeigt sich das Grundproblem des Formats. Es fehlt nicht an Lautstärke. Es fehlt an Reibung.

Berndt stellt durchaus gelegentlich weiterführende und auch kritische Fragen. Er fragt beispielsweise, was Deutschsein bedeute und ob ein eingebürgerter Staatsbürger für Höcke weniger deutsch sei als jemand, dessen Familie seit Generationen in Deutschland lebt. Er entwickelt das Beispiel eines deutschen Dönerbudenbesitzers, der aus Höckes Aussagen schließen könnte, in dessen Deutschland nicht wirklich erwünscht zu sein.

Das ist relevant und unterscheidet das Gespräch durchaus von einem reinen Monolog.

Doch sobald Höckes Antworten in grundsätzliche Behauptungen, Opfererzählungen und ideologische Begriffe ausweichen, bleibt das Gespräch meist bei seiner eigenen Deutung stehen. Berndt hakt an einzelnen Stellen nach, überprüft aber weder die Voraussetzungen noch die tatsächlichen Folgen der Antworten konsequent.

Offenheit ohne Beharrlichkeit begünstigt den besser vorbereiteten Selbstdarsteller.

Das Beispiel „Alles für Deutschland“

Besonders deutlich wird das gegen Ende der Folge. Höcke bezeichnet seine Verurteilungen wegen der Verwendung der SA-Losung „Alles für Deutschland“ als „Meinungsdelikt“ und spricht von einer „politischen Justiz“. Er behauptet zudem, die Sturmabteilung der NSDAP habe gar kein Motto gehabt und deshalb habe niemand wissen können, dass die Formulierung mit ihr verbunden gewesen sei.

Das ist keine bloße Meinung, sondern eine überprüfbare Tatsachenbehauptung.

Björn Höcke wurde 2024 vom Landgericht Halle in zwei Verfahren wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen verurteilt: zunächst zu 100 Tagessätzen à 130 Euro, später zu 130 Tagessätzen à 130 Euro. Der Bundesgerichtshof verwarf seine Revisionen 2025. Die Verurteilungen sind damit rechtskräftig. Das Landgericht Halle dokumentiert beide Entscheidungen und ihre Rechtskraft.

Im Podcast wird Höckes Darstellung nicht korrigiert. Genau deshalb wandte sich später die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen an Berndts Unternehmen. Nach Angaben der Behörde handelte es sich zunächst nicht um ein förmliches Verfahren, sondern um einen Hinweis und die Gelegenheit zur Stellungnahme. Beanstandet wurde die fehlende Richtigstellung der überprüfbaren Aussage über die SA-Parole. Berndt sprach von Zensur und kündigte an, notfalls juristisch bis zum Bundesgerichtshof zu gehen.

Interessant ist allerdings: Vollständig ungeschnitten ist die Folge längst nicht mehr. Nach einer Beanstandung durch die frühere AfD-Vorsitzende Frauke Petry wurden zwei Passagen entfernt. Das Podcast-Team machte die Schnitte bei 2:06:25 und 2:14:10 später in der Episodenbeschreibung transparent.

Auch ein „ungeskriptetes“ Format kommt also ohne redaktionelle Entscheidungen nicht aus. Spätestens wenn Persönlichkeitsrechte, falsche Tatsachenbehauptungen oder juristische Risiken auftauchen, muss jemand entscheiden, schneiden, erklären oder korrigieren.

Wer ist Björn Höcke? Die überprüfbaren Fakten

Björn Höcke wurde am 1. April 1972 in Lünen geboren und wuchs im Westerwald auf. Nach Abitur und Wehrdienst studierte er in Bonn, Gießen und Marburg. Er legte das Erste und Zweite Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien ab und arbeitete von 1999 bis 2014 an verschiedenen hessischen Schulen, zuletzt als Oberstudienrat. Seine Fächer waren Geschichte und Sport. Höcke ist verheiratet und hat vier Kinder. Diese Angaben finden sich auch in seiner offiziellen Biografie beim Thüringer Landtag.

2013 war er am Aufbau der AfD in Thüringen beteiligt und wurde Landessprecher. Seit 2014 gehört er dem Thüringer Landtag an und führt dort die AfD-Fraktion.

2015 gehörte Höcke zu den Initiatoren der „Erfurter Resolution“, dem Gründungsdokument des parteiinternen „Flügels“. Das Bundesamt für Verfassungsschutz stufte diesen Zusammenschluss 2020 als erwiesen extremistische Bestrebung ein. Obwohl sich der „Flügel“ anschließend formal auflöste, blieben seine personellen Netzwerke bestehen.

Der Thüringer AfD-Landesverband wird vom dortigen Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. In seinem Verfassungsschutzbericht bezeichnete das Landesamt Höcke als einen besonders herausgehobenen Akteur mit Nähe zu Extremisten in Wort und Tat.

Bei der Thüringer Landtagswahl 2024 erreichte die AfD unter Höcke 32,8 Prozent und wurde stärkste Partei. Höcke selbst verlor das Direktmandat im Wahlkreis Greiz II, zog aber über die Landesliste erneut in den Landtag ein.

Und noch eine wichtige Präzisierung: Das Verwaltungsgericht Meiningen hat Höcke 2019 nicht rechtsverbindlich „zum Faschisten erklärt“. Es entschied in einem Eilverfahren, dass Demonstranten ihn auf nachvollziehbarer Tatsachengrundlage als Faschisten bezeichnen durften und diese Bezeichnung vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt war. Das Landgericht Hamburg stellte später ausdrücklich klar, dass damit keine gerichtliche Tatsachenfeststellung über Höcke als Faschisten getroffen worden war.

Wer Höcke kritisiert, braucht keine ungenauen Legenden. Seine belegten Reden, politischen Forderungen, institutionellen Rollen und rechtskräftigen Verurteilungen reichen für eine sehr kritische Beurteilung vollkommen aus.

Die Reaktionen: Empörung, Zustimmung und ein Werbeboykott

Die deutschen Reaktionen fielen erwartbar gegensätzlich aus.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Helge Lindh nannte das Gespräch einen „Gipfelpunkt der Entpolitisierung von glasklarem Rechtsextremismus“. Sein Parteikollege Lars Castellucci sprach von einer „PR-Show für Björn Höcke“. Der CDU-Abgeordnete Johannes Kölbl warnte, ohne Einordnung könne aus einem Podcast eine „Propaganda-Sendung“ werden. Der Deutschlandfunk dokumentierte diese Reaktionen.

Die Süddeutsche Zeitung fragte sinngemäß, ob Berndt zwar den Mut zur Einladung, aber nicht zu kritischen Fragen gehabt habe. Die Zeit stellte dagegen zumindest offen zur Diskussion, ob das lange Redenlassen auch Erkenntnisse über Höckes Denken ermöglichen könne.

Saskia Esken ging weiter. Die frühere SPD-Vorsitzende forderte Werbekunden auf, den Podcast auf eine schwarze Liste zu setzen. „Blacklisting hilft“, sagte sie. Damit löste sie ihrerseits erhebliche Kritik aus. FDP-Politiker Wolfgang Kubicki erinnerte daran, dass in einer liberalen Demokratie nicht Politiker entscheiden sollten, was Medien senden. Die Debatte über Eskens Boykottaufruf zeigt, wie schnell Medienkritik selbst in politischen Druck umschlagen kann.

Der frühere Bild-Chefredakteur Kai Diekmann verteidigte dagegen den Erkenntniswert des langen Gesprächs. Es sei zwar teilweise „unerträglich seicht“, biete aber einen unverstellten Blick auf Höckes Denken. Das Versäumnis sah er eher bei den etablierten Medien: Sie müssten die entscheidenden Passagen herausarbeiten und öffentlich diskutieren.

Auch das ist ein berechtigter Einwand. Wer nur „Nicht ansehen!“ ruft, überlässt die Interpretation den Anhängern des Gastes. Und wer Menschen für unmündig erklärt, weil sie sich selbst ein Bild machen wollen, verstärkt genau das Misstrauen, von dem alternative Medienformate leben.

Später stellte sich Berndt einem langen Gespräch mit der Journalistin Melanie Amann. Sie hielt ihm vor, er gebe Höcke das Mikrofon, ohne bei Begriffen wie Mordkomplott nachzufragen. Berndt antwortete, er fühle sich als Gastgeber; sichtbare Kritik bringe einen Gast in Rechtfertigungshaltung und zerstöre den Gesprächsfluss.

Amann entgegnete, Einordnung bedeute nicht, den Menschen vorzuschreiben, was sie denken sollen, sondern sie nicht mit dem Deutungsrahmen des Gastes allein zu lassen. Eine Zusammenfassung dieses bemerkenswerten Austauschs ist lesenswert.

Hat die Kritik den Podcast erst groß gemacht?

Teilweise wahrscheinlich. Aber die einfache Erzählung, erst die etablierten Medien hätten Höcke zu Millionen Klicks verholfen, greift zu kurz. Die Folge hatte bereits nach 24 Stunden eine Million Aufrufe. Titel, Gast, bestehende Reichweite und die Empfehlungsmechanismen der Plattformen hatten den Erfolg also schon in Gang gesetzt.

Die Empörung dürfte ihn anschließend verstärkt haben. Jeder Skandalbericht wurde zur kostenlosen Werbung. Jeder Boykottaufruf bestätigte Berndts Erzählung vom mutigen Außenseiter. Und jeder pauschale Angriff lieferte Höckes Anhängern einen weiteren Beleg für die angebliche Angst des „Systems“ vor der freien Rede.

(mit KI generiert)

Unter späteren Videos Berndts richtete sich ein erheblicher Teil der Kommentare gegen den Begriff der journalistischen Einordnung. Zuschauer erklärten, sie seien mündige Bürger und wollten selbst entscheiden. Der Merkur hat diese Reaktionen in einer Analyse der Sehnsucht nach vermeintlich ungefilterter Unmittelbarkeit zusammengetragen.

Aber ist ein Podcast tatsächlich ungefiltert, nur weil der Moderator wenig widerspricht?

Schon die Auswahl des Gastes ist ein Filter. Der Titel ist ein Filter. Die Beschreibung ist ein Filter. Kameraführung, Vorschaubild, Werbeausschnitte und die Auswahl kurzer Clips sind Filter. Und auch ein freundliches Lächeln an der richtigen Stelle kann eine Aussage rahmen.

Es gibt keine Kommunikation ohne Kontext. Es gibt nur sichtbare und unsichtbare Kontexte.

Sollte man Höcke eine solche Plattform geben?

Meine Antwort lautet: Man kann mit Höcke sprechen. Vielleicht sollte man es sogar. Aber nicht auf diese Weise.

Das Problem ist nicht, dass Höcke ausreden durfte. Das Problem ist, dass Behauptungen, Unterstellungen und radikale Begriffe über weite Strecken folgenlos im Raum blieben. Ein gutes Interview muss nicht feindselig sein. Es muss auch kein Kreuzverhör werden. Aber Freundlichkeit und Nachfragen schließen sich nicht aus.

Gerade ein langes Format hätte genügend Zeit geboten:

  • Wer soll bei der sogenannten Remigration Deutschland verlassen – und nach welchen Kriterien?
  • Was bedeutet es praktisch, Menschen das Leben „ungemütlich“ zu machen?
  • Wer sind die Beteiligten des behaupteten Mordkomplotts?
  • Welche demokratisch legitimierten Institutionen erkennt Höcke an, wenn sie gegen ihn entscheiden?
  • Warum bezeichnet er rechtskräftige Urteile als politische Justiz?
  • Was versteht er unter der Abschaffung von „Schuldkult“ und „Vergangenheitsbewirtschaftung“?
  • Weshalb spricht er ausführlich über deutsche Opfer des Zweiten Weltkriegs, ohne die sechs Millionen ermordeten Juden und die nationalsozialistische Vernichtungspolitik zu erwähnen?
  • Welche konkreten Konsequenzen hätte seine Vorstellung einer ethnokulturellen Kontinuität für eingebürgerte Deutsche?
  • Wo endet in seinem politischen Denken das Staatsvolk und wo beginnt eine nach Abstammung definierte Gemeinschaft?

Das wären keine Verbotsfragen. Es wären Erkenntnisfragen.

Und was ist mit den nächsten „dunklen Gestalten“?

Berndt nennt inzwischen Elon Musk, Benjamin Netanjahu und Wladimir Putin als mögliche Wunschgäste. Diese Personen sind politisch und moralisch nicht gleichzusetzen. Doch gerade Putin macht deutlich, dass die Debatte nicht bei Höcke endet.

Sollte auch ein autoritärer Staatschef stundenlang ohne belastbare Gegenfragen seine Lebensgeschichte und Weltsicht erzählen dürfen? Ein Extremist? Ein Sektenführer? Ein verurteilter Gewalttäter? Ein Kriegsverbrecher?

Ein allgemeines Redeverbot wäre die falsche Antwort. Öffentlichkeit darf nicht nur aus moralisch zertifizierten Personen bestehen. Auch abscheuliche Positionen müssen dokumentiert, untersucht und verstanden werden können.

Doch mit der Gefährlichkeit und Macht eines Gastes muss die redaktionelle Verantwortung wachsen.

Vor einem solchen Gespräch braucht es Recherche. Währenddessen braucht es ruhige, präzise Nachfragen. Überprüfbare Falschaussagen müssen kenntlich gemacht werden – notfalls nachträglich in einem Faktenanhang. Betroffene und Gegenpositionen sollten nicht unsichtbar bleiben. Und aus vier Stunden Rohmaterial sollten nicht nur jene kurzen Clips verbreitet werden, die den Gast besonders sympathisch, schlagfertig oder harmlos erscheinen lassen.

Ein Gespräch kann Aufklärung sein. Es kann Dokumentation sein. Es kann aber auch Imagepflege und politische Werbung sein – selbst wenn der Gastgeber subjektiv nur neugierig sein möchte.

Mein Fazit

Ich bereue nicht, das Gespräch gesehen zu haben. Es zeigt etwas über Björn Höcke. Vor allem zeigt es, wie er gesehen werden möchte.

Es zeigt den Familienvater, den Lehrer, den verletzten Außenseiter und den geduldigen Erzähler. Es zeigt aber auch einen Politiker, der von ethnokultureller Kontinuität spricht, Einwanderung als existenzielle Zerstörung beschreibt, demokratische Konkurrenten pauschal zu Kartellparteien erklärt, rechtskräftige Urteile als politische Verfolgung deutet und einen radikalen Umbau der deutschen Erinnerungspolitik verlangt.

Und es zeigt einen ehemaligen Geschichtslehrer, der lange über deutsche Opfer, Kriegsschuld, Vertreibung und historische Erinnerung spricht, ohne die sechs Millionen ermordeten Juden auch nur zu erwähnen.

Das ist kein nebensächliches Detail. Es ist vielleicht einer der aufschlussreichsten Momente des gesamten Gesprächs.

Was der Podcast kaum zeigt, sind die Grenzen und Konsequenzen dieses Denkens. Dazu hätte es einen Gastgeber gebraucht, der nicht nur zuhört, sondern an den entscheidenden Stellen bleibt.

Vielleicht lautet die wichtigste Lehre deshalb nicht: Mit Höcke darf man nicht sprechen.

Sie lautet: Wer Höcke ein Millionenpublikum gibt, sollte den Mut haben, nicht nur die Tür zu öffnen, sondern auch nachzufragen.

Das wäre kein Angriff auf die Meinungsfreiheit.

Es wäre ihr ernsthafter Gebrauch.

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