Warum mich Christof Franzens Russland-Filme beeindrucken – und weshalb sie meine Sorge verstärken, dass dieser Krieg noch lange nicht zu Ende ist.
Ich bin ein grosser Fan von Christof Franzen. Seine Reportagen haben eine Qualität, die ich besonders schätze: Sie lassen mich mit Menschen und ihren Widersprüchen zurück. Mit Antworten, die mich beschäftigen. Manchmal auch mit dem unangenehmen Gefühl, dass die Wirklichkeit noch ernüchternder ist, als ich sie mir vorgestellt habe.
Auch sein neuer Dreiteiler «Russlands Zukunft – Leben in der Ungewissheit» ist für mich eindrücklich. Franzen reist durch ein Land, dessen Führung Krieg führt, während seine Bevölkerung auf unterschiedliche Weise weiterlebt. Er begegnet Anpassung, Überzeugung, Angst und der erstaunlichen Fähigkeit, sich selbst mit einer düsteren Gegenwart einzurichten.
Dabei möchte ich meine Haltung gleich zu Beginn unmissverständlich festhalten: Russland hat diesen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen. Ich verurteile ihn entschieden und stehe auf der Seite der Ukraine. Unzweifelhaft. Sie hat das Recht, sich zu verteidigen und frei über ihre Zukunft zu entscheiden. Mein Interesse an den Menschen in Russland ändert daran nichts. Wer ihre Lebenswirklichkeit verstehen will, darf die Verantwortung für diesen Krieg nicht verwischen.
Gerade deshalb halte ich Franzens Arbeit für wichtig. Wir müssen möglichst genau hinsehen, wenn wir einschätzen wollen, wie es weitergehen könnte. Auch dann, wenn das, was wir erfahren, unseren Hoffnungen widerspricht.
«Unterwegs auf der anderen Seite» beschreibt für mich diese wachsende Entfernung. Russland ist uns politisch und gesellschaftlich fremder geworden. Umso mehr interessiert mich, was Menschen dort beschäftigt, was sie aussprechen und worüber sie schweigen. Franzen hält diesen Zugang offen, soweit es ihm noch möglich ist.
Seine Verbindung zu Russland reicht weit zurück. Der gebürtige Walliser hat mehr als ein Jahrzehnt dort gearbeitet. Wer seine früheren Filme kennt, kennt auch seine Neugier auf das Land jenseits der politischen Schlagzeilen: In «Mein anderes Russland» führten ihn seine Reisen unter anderem nach Sibirien, an den Baikalsee und in die Welt der Chormusik von Sankt Petersburg. Diese Beschäftigung mit Landschaften, Kultur und Menschen gehört für mich zu seinem journalistischen Fundament. Zur Reihe bei 3sat
Wer ein Land über Jahre begleitet, erkennt Veränderungen vor einem grösseren Hintergrund. Er erinnert sich an frühere Hoffnungen, andere Gesprächsmöglichkeiten und Menschen, deren Leben sich inzwischen verschoben hat. Bei Franzen interessiert mich deshalb immer auch dieser lange Blick: Was ist aus dem Russland geworden, das er einmal kennengelernt hat?
Dass seine Arbeit ausgezeichnet wurde, freut mich entsprechend. 2025 wählte ihn das Branchenmagazin «Schweizer Journalist» zum Journalisten des Jahres. Gewürdigt wurde dabei seine Fähigkeit, Menschen auch unter schwierigen Bedingungen zum Erzählen zu bringen. Franzen selbst betonte die Leistung seiner Kolleginnen und Kollegen in Russland und in der Schweiz. SRF zur Auszeichnung
Bereits 2023 ging der Zürcher Fernsehpreis für die dreiteilige SRF-/3sat-Serie «Grenzerfahrung Russland» an ihn, Roger Brunner, Lisa Röösli, Beat Häner und ihr Team. Die Serie untersuchte, wie sich das Leben im Umfeld des Krieges verändert – auch weit entfernt von der Front. SRF zum Zürcher Fernsehpreis
Diese Anerkennung der Teamarbeit ist mir wichtig. Auf dem Bildschirm begegnen wir vor allem dem Reporter. Hinter einem solchen Film stehen aber auch Menschen, die recherchieren, organisieren, filmen und schneiden. Gerade bei Berichten aus Russland tragen sie eine erhebliche Verantwortung für diejenigen, die sich vor der Kamera äussern.
Für seinen neuen Dreiteiler ist Franzen erneut in verschiedene Regionen gereist. Die von SRF dokumentierten Begegnungen reichen von einem Maschinenbauwerk in Tscherepowez über einen Landwirtschaftsbetrieb in der Region Uljanowsk bis zu einem Holzunternehmer in Chabarowsk. Hinzu kommen politische Akteure und Menschen, die sich eine andere Zukunft für ihr Land wünschen. So entsteht ein Bild aus unterschiedlichen Lebenswelten, das weit über die Hauptstadt hinausreicht. SRF zur Produktion
Der erste Teil berührt eine Hoffnung, die sich mit den westlichen Sanktionen verbindet: Wirtschaftlicher Druck könnte die russische Elite dazu bewegen, Putin von seinem Kriegskurs abzubringen. Franzen begegnet dagegen Menschen, die sich auf die veränderten Bedingungen einstellen und politisch keinen Widerstand leisten. Das ist der ernüchternde Ausgangspunkt dieses Films. Play SRF, Teil 1
Für mich liegt darin eine der unbequemsten Fragen dieser Reise. Weshalb erwarten wir so selbstverständlich, dass wirtschaftliche Einschränkungen politischen Widerspruch erzeugen? Zwischen Unzufriedenheit und Widerstand liegen persönliche Abhängigkeiten, Interessen und die Frage, welchen Preis jemand für eine öffentliche Haltung bezahlen müsste.

Aus einzelnen Begegnungen lässt sich keine abschliessende Bilanz sämtlicher Sanktionen ableiten. Aber sie können Erwartungen erschüttern. Ein Unternehmen kann neue Lieferanten finden, ohne dass sein Besitzer politisch aufbegehrt. Menschen können Einschränkungen erleben und dennoch Wege finden, ihren Alltag fortzusetzen. Anpassung kann ein System stabilisieren, selbst wenn sie aus ganz persönlichen Motiven geschieht.
Genau hier verstärken die Filme meine ohnehin düstere Einschätzung. Ich teile die Zuversicht nicht, Russland sei zunehmend am Ende und ein baldiges Ende des Krieges zeichne sich deshalb ab. So sehr ich mir wünsche, dass die russische Aggression scheitert: Diesen Wunsch halte ich für keine verlässliche Prognose.
Russlands Ressourcen sind nach meinem Verständnis weiterhin gross. Rohstoffe, industrielle Kapazitäten, Handelsbeziehungen und die Fähigkeit, sich auf veränderte Bedingungen einzustellen, verschwinden nicht einfach. Die Begegnungen mit Unternehmern und Betrieben verstärken bei mir den Eindruck, dass wir dieses Durchhaltevermögen nicht unterschätzen sollten. Die Filme ersetzen keine umfassende wirtschaftliche Analyse. Doch sie geben mir auch keinen Anlass, auf einen unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch zu vertrauen.
Franzen selbst äusserte sich im September 2026 ähnlich ernüchtert über die westliche Hoffnung, Russland werde wegen seiner wirtschaftlichen Schwäche bald einknicken. Dafür sehe er keine Anzeichen. Diese Einschätzung eines Reporters, der weiterhin vor Ort unterwegs ist, nehme ich ernst. Franzen im Gespräch mit SRF
Für die Ukraine ist das eine bedrückende Perspektive. Solange Russland diesen Krieg fortsetzen kann und seine Führung daran festhält, gehen Zerstörung, Verlust und Unsicherheit weiter. Gerade weil ich auf der Seite der Ukraine stehe, möchte ich mir die Lage nicht schönreden. Meine Solidarität darf nicht davon abhängen, ob ein schnelles Ende wahrscheinlich erscheint.
Der zweite Teil führt nach Nischni Nowgorod, einst ein Zentrum liberaler Reformen. Dort richtet sich der Blick auf Menschen, die weiterhin an ein europäisches Russland glauben. Wie bewahrt man eine solche Hoffnung, wenn der politische Raum dafür immer kleiner wird? Play SRF, Teil 2
Diese Menschen gehören ebenfalls zu Russland. Ihre Existenz macht die Lage vielschichtiger, aber sie nimmt mir meine Sorge nicht. Eine andere Zukunft denken zu können und die Macht zu besitzen, sie herbeizuführen, sind zwei sehr verschiedene Dinge. Ich würde gerne glauben, dass aus solchen Stimmen bald eine entscheidende Veränderung erwächst. Die Filme lassen mich daran eher zweifeln.
Im dritten Teil reist Franzen in den Fernen Osten. Dort geht es um Chinas wachsenden Einfluss und darum, wie Russland sich angesichts des tieferen Bruchs mit Europa nach Osten orientiert. Play SRF, Teil 3
Auch dieser Perspektivwechsel erscheint mir wesentlich. Von Europa aus betrachten wir Russland häufig hauptsächlich durch seine Beziehung zu uns. Doch der Bruch mit Europa bedeutet nicht, dass sämtliche wirtschaftlichen Beziehungen abbrechen. Andere Partner gewinnen an Bedeutung. Daraus entstehen neue Abhängigkeiten, aber eben auch Möglichkeiten, weiterzumachen. Für mich ist das ein weiterer Grund, mit Vorhersagen eines bald erschöpften Russlands vorsichtig zu sein.
Wie schwierig solche Filme inzwischen entstehen, wird in Franzens Aussagen über seine Arbeit deutlich. Bereits 2024 beschrieb er, dass Menschen gegenüber westlichen Journalisten politisch zurückhaltender geworden seien. Zugleich erzählten manche so offen, dass er sie vor möglichen Folgen warnen müsse. In einzelnen Fällen habe das Team Gesichter im Schnitt unkenntlich gemacht. Die Gesprächspartner würden darüber informiert, dass die Aufnahmen im Fernsehen und online erscheinen. Franzen über seine Arbeitsweise, Februar 2024
Daran denke ich bei solchen Interviews. Ein offen ausgesprochener Gedanke kann für einen Film wertvoll sein und für den Menschen, der ihn äussert, gefährlich werden. Die Verantwortung endet nicht bei einer gelungenen Frage. Sie reicht bis an den Schnittplatz und über den Moment der Veröffentlichung hinaus. Diese Abwägung gehört zur Entstehung der Filme, selbst wenn wir sie im fertigen Beitrag kaum bemerken.
Auch Franzen selbst arbeitet unter Druck. Im Interview von 2024 bezeichnete er den möglichen Verlust seiner Akkreditierung als grösstes Risiko für seine weitere Arbeit in Russland. Eine Festnahme beschrieb er als Extremsituation. Sein Mut besteht für mich darin, diese Unsicherheit ernst zu nehmen und dennoch immer wieder hinzufahren. SRF-Interview zu den Risiken
Zum neuen Dreiteiler erklärte er im September 2026, inzwischen könne auch seine Schweizer Herkunft Abwehr auslösen. Ausserhalb der Kamera werde teilweise offener über Alltagsprobleme gesprochen. Seinen eigenen Spielraum beschrieb er mit dem Satz: «Den Krieg kommentieren kann ich nicht.» Er dokumentiert, wie die Bevölkerung unter den gegenwärtigen Bedingungen lebt. SRF zum aktuellen Dreiteiler
Dieses Wissen gehört für mich zur Betrachtung der Filme. Eine Antwort vor laufender Kamera entsteht unter bestimmten Bedingungen. Schweigen kann Angst bedeuten, aber auch Gleichgültigkeit oder Zustimmung. Man kann es nicht beliebig auslegen. Gerade deshalb braucht es Reporter, die nachfragen und zugleich die Grenzen dessen erkennen, was sie erfahren können.
Meine Bewunderung für Franzen gilt dieser Beharrlichkeit und Sorgfalt. Er ermöglicht Begegnungen in einem Land, das sich immer weiter verschliesst. Er verlangt uns ab, auch unangenehme Antworten auszuhalten.
Was bei mir nach diesen Filmen bleibt, ist ein düsterer Blick auf die nähere Zukunft. Ich sehe wenig Anlass, auf ein schnelles Ende dieses Krieges zu vertrauen. Zu gross erscheint mir Russlands Fähigkeit, sich anzupassen; zu wenig erkenne ich eine Veränderung, die den Kriegskurs tatsächlich brechen könnte.
Ich hoffe sehr, dass ich mich irre. Bis dahin bleibt meine Haltung klar: an der Seite der Ukraine stehen, die russische Aggression verurteilen und die Wirklichkeit so genau wie möglich wahrnehmen. Christof Franzen und sein Team leisten dazu einen wertvollen Beitrag.
Die drei Teile von «Russlands Zukunft – Leben in der Ungewissheit» auf Play SRF:
- Teil 1 ansehen – Sanktionen und Anpassung.
- Teil 2 ansehen – Menschen, die an ein europäisches Russland glauben.
- Teil 3 ansehen – Russlands Ferner Osten und der wachsende Einfluss Chinas.



