Warum Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ und die Serie „The Handmaid’s Tale“ heute erschreckender wirken als je zuvor

Vor ein paar Wochen habe ich wieder damit begonnen, The Handmaid’s Tale zu schauen. Nicht zum ersten Mal. Ich kenne diese Welt, ihre Figuren, ihre Rituale, ihre Grausamkeit. Ich weiß, was hinter den roten Kleidern und den weißen Hauben steckt. Und trotzdem fühlt sich die Serie heute anders an als damals.

Näher. Unmittelbarer. Beunruhigender.

Vielleicht liegt es daran, dass man eine Dystopie nie nur mit den Augen betrachtet, mit denen sie geschaffen wurde. Man sieht sie immer auch durch die Gegenwart hindurch. Als die Serie 2017 startete, wirkte sie bereits wie ein erschreckend aktueller Kommentar auf die politische Entwicklung in den USA. Heute, einige Jahre später, ist dieses Gefühl noch stärker geworden.

Natürlich sind die Vereinigten Staaten nicht Gilead. Noch immer gibt es Wahlen, Gerichte, unabhängige Medien, Proteste und eine starke Zivilgesellschaft. Wer eine Romanwelt einfach eins zu eins über die Realität legt, macht es sich zu leicht.

Doch vielleicht ist gerade das die falsche Frage. Vielleicht geht es nicht darum, ob Amerika bereits Gilead ist. Vielleicht geht es darum, ob Entwicklungen sichtbar werden, die zeigen, wie schnell vermeintlich selbstverständliche Rechte wieder infrage gestellt werden können.

Genau deshalb sollte man Margaret Atwoods Roman lesen. Und genau deshalb sollte man diese Serie sehen.

Eine Zukunft, die aus der Vergangenheit gebaut wurde

Margaret Atwoods Roman erschien 1985 unter dem Originaltitel The Handmaid’s Tale. Auf Deutsch ist er als Der Report der Magd bekannt.

Atwood begann mit der Arbeit am Buch im Frühjahr 1984, als sie in West-Berlin lebte. Die Berliner Mauer stand noch, der Kalte Krieg war allgegenwärtig, und nur wenige Kilometer entfernt begann eine Welt, in der Überwachung, staatliche Kontrolle und politisch erzwungene Anpassung zum Alltag gehörten. Reisen durch die damalige DDR, die Tschechoslowakei und Polen verstärkten ihre Auseinandersetzung mit totalitären Systemen. Atwood selbst hat später ausführlich über die Entstehung des Romans geschrieben.

Das Entscheidende an ihrer Arbeit war jedoch eine selbst auferlegte Regel: Sie wollte nichts erfinden, für das es nicht bereits irgendwo in der Geschichte ein reales Vorbild gegeben hatte.

Die systematische Entrechtung von Frauen? Hat es gegeben.

Das Verbot, zu lesen oder Eigentum zu besitzen? Hat es gegeben.

Religiös begründete Herrschaftssysteme? Hat es gegeben.

Staatlich kontrollierte Fortpflanzung, erzwungene Schwangerschaften und die politische Verfolgung jener, die sich nicht in vorgegebene Rollen fügen? Auch das ist keine literarische Erfindung.

Atwood schrieb keine fantastische Zukunft aus dem Nichts. Sie nahm Elemente aus der Vergangenheit und setzte sie neu zusammen. Genau das macht den Roman so bedrückend. Gilead ist nicht glaubwürdig, weil Atwood besonders wild fantasiert hätte. Gilead ist glaubwürdig, weil die Einzelteile dieser Gesellschaft längst existiert haben.

Die Republik Gilead

Die Vereinigten Staaten, wie wir sie kennen, existieren in Atwoods Roman nicht mehr. Nach politischen Unruhen und einem gewaltsamen Umsturz übernimmt eine religiös-fundamentalistische Bewegung die Macht. Die Verfassung wird außer Kraft gesetzt, demokratische Institutionen werden beseitigt und an ihre Stelle tritt die Republik Gilead.

Eine ökologische und gesellschaftliche Krise hat dazu geführt, dass nur noch wenige Frauen Kinder bekommen können. Anstatt jedoch die Ursachen dieser Krise zu bekämpfen, macht das Regime die Fortpflanzung zur Staatsaufgabe. Fruchtbare Frauen werden gefangen genommen, ihrer bisherigen Identität beraubt und als sogenannte Mägde den Haushalten mächtiger Männer zugeteilt.

Die Erzählerin des Romans trägt den Namen Offred, in der deutschen Übersetzung Desfred. Es ist kein wirklicher Name, sondern eine Besitzbezeichnung: Sie gehört Fred, ihrem Kommandanten. Ihr früheres Leben, ihre Familie, ihr eigener Name und ihre Geschichte sollen ausgelöscht werden.

In der Serie wird aus ihr June Osborne. Im Roman hingegen bleibt ihr ursprünglicher Name bewusst ungesichert. Dort besitzt sie nur noch das, was der Staat ihr nicht vollständig nehmen kann: ihre Erinnerungen und ihre innere Stimme.

Gilead unterteilt Frauen nach Funktionen. Die Ehefrauen der Kommandanten tragen Blau, die Mägde Rot, die sogenannten Marthas kümmern sich um Haushalt und Versorgung. Frauen dürfen nicht lesen, nicht schreiben, nicht frei arbeiten und nicht über ihr eigenes Leben entscheiden. Sexualität existiert nur noch als staatlich geregeltes Mittel zur Fortpflanzung.

Die monatliche „Zeremonie“, bei der die Mägde von den Kommandanten vergewaltigt werden, wird mit einer alttestamentlichen Geschichte aus dem Buch Genesis legitimiert. Religion dient hier nicht dem Glauben, dem Trost oder der Menschlichkeit. Sie wird zur Sprache der Macht. Einzelne Bibelstellen werden herausgelöst, um ein bereits beschlossenes Herrschaftssystem nachträglich als göttlichen Willen auszugeben.

Gerade darin liegt eine der größten Stärken des Romans: Atwood beschreibt nicht einfach eine Diktatur, in der rohe Gewalt herrscht. Gilead erschafft ein vollständiges System aus Sprache, Ritualen, Kleidung, Regeln und gegenseitiger Kontrolle. Die Menschen sollen sich nicht nur fügen. Sie sollen irgendwann vergessen, dass ein anderes Leben möglich war.

Wie Freiheit verschwindet

Das Erschreckende ist nicht allein das Leben in Gilead. Noch beklemmender sind die Rückblicke auf die Zeit davor.

Das neue System entsteht nicht innerhalb einer einzigen Nacht. Zunächst wird ein Notstand erklärt. Dann werden Rechte vorübergehend eingeschränkt. Frauen verlieren den Zugriff auf ihre Bankkonten. Sie dürfen nicht mehr arbeiten. Zuständigkeiten werden neu geregelt, vermeintlich nur für eine gewisse Zeit. Viele Menschen hoffen, dass sich alles wieder beruhigen werde.

Andere schauen weg, weil sie selbst noch nicht betroffen sind.

Wieder andere unterstützen die Veränderungen, weil ihnen Ordnung, Sicherheit oder eine Rückkehr zu „traditionellen Werten“ versprochen wird. Und manche Frauen helfen sogar aktiv dabei mit, jene Ordnung aufzubauen, die später auch ihre eigenen Freiheiten beschneidet.

Diktaturen leben nicht nur von brutalen Tätern. Sie leben auch von Mitläufern, Profiteuren, Opportunisten und jenen, die zu lange glauben, es werde schon nicht so schlimm kommen.

Atwood zeigt, wie sich das Unvorstellbare langsam in Normalität verwandelt. Erst erscheint eine Maßnahme extrem. Dann wird sie erklärt. Danach wiederholt. Irgendwann verteidigt. Und am Ende gilt bereits derjenige als verdächtig, der sich noch daran erinnert, dass es einmal anders war.

Eine Geschichte aus Erinnerungsstücken

Literarisch ist Der Report der Magd weit mehr als ein politisches Gedankenexperiment. Atwood erzählt die Geschichte fragmentarisch, tastend und aus einer stark begrenzten Perspektive.

Desfred kennt die Pläne des Regimes nicht. Sie besitzt keinen vollständigen Überblick. Sie weiß nur, was sie selbst erlebt, was sie heimlich hört und woran sie sich erinnert. Vergangenheit und Gegenwart schieben sich ineinander. Erinnerungen an ihre Tochter, ihren Mann Luke, ihre Freundin Moira und das frühere Amerika werden zu kleinen Fluchtwegen in ihrem Kopf.

Diese Form macht den Roman besonders intensiv. Wir beobachten Gilead nicht von außen. Wir sind in einem Zimmer eingeschlossen, gehen unter Bewachung zum Einkaufen und versuchen, aus Blicken und halben Sätzen herauszulesen, wem man noch vertrauen kann.

Auch das Ende ist außergewöhnlich. Ein wissenschaftlicher Anhang versetzt uns weit in die Zukunft und betrachtet Desfreds Bericht als historisches Fundstück. Plötzlich wird das Leid einer Frau zum Gegenstand einer akademischen Konferenz. Die anwesenden Wissenschaftler analysieren Quellen, diskutieren Namen und machen sogar Scherze, während hinter diesen Quellen ein zerstörtes Leben steht.

Damit richtet Atwood eine letzte, bittere Frage an uns: Wie sprechen spätere Generationen über die Opfer eines Systems? Hören sie ihnen wirklich zu? Oder interessieren sie sich am Ende stärker für die Mächtigen, die Akten und die korrekten historischen Zuordnungen?

Der Film, der seiner Zeit voraus war

Bereits 1990 wurde Atwoods Roman verfilmt. Der deutsche Regisseur Volker Schlöndorff inszenierte Die Geschichte der Dienerin nach einem Drehbuch von Harold Pinter. Natasha Richardson spielte die Hauptrolle, Faye Dunaway verkörperte Serena Joy, Robert Duvall den Kommandanten. Die Musik stammte von Ryuichi Sakamoto.

Eigentlich waren das beste Voraussetzungen. Trotzdem blieb der Film in seiner Wirkung begrenzt. Er verdichtete den Roman auf knapp zwei Stunden und konnte deshalb viele innere Ebenen der Vorlage nur andeuten. Desfreds Gedanken, Erinnerungen und sprachliche Beobachtungen lassen sich auf der Leinwand eben schwerer darstellen als in einem Roman.

Der Film ist keineswegs bedeutungslos. Rückblickend wirkt er wie ein früher Versuch, Atwoods Welt sichtbar zu machen. Doch erst die Serie von 2017 holte The Handmaid’s Tale mit voller Wucht zurück ins kulturelle Bewusstsein.

Die Serie, die Gilead ein Gesicht gab

Am 26. April 2017 startete The Handmaid’s Tale beim US-Streamingdienst Hulu. Entwickelt wurde die Serie von Bruce Miller, die Hauptrolle übernahm Elisabeth Moss.

Die erste Staffel orientiert sich noch relativ eng am Roman. Danach wird dessen Welt erheblich erweitert. Die Serie zeigt nicht mehr nur Junes unmittelbares Erleben, sondern auch andere Ebenen Gileads, den Widerstand, das Leben Geflüchteter in Kanada und die Mechanismen hinter dem Regime.

Figuren, die im Buch nur am Rand auftauchen, erhalten eigene Geschichten. Moira, Emily, Luke, Nick, Tante Lydia und Serena Joy werden zu komplexen Charakteren. Besonders Serena ist interessant: Sie gehört zu den Frauen, die ideologisch an der Errichtung Gileads mitgewirkt haben. Erst später muss sie erkennen, dass ein patriarchales System auch seinen weiblichen Unterstützerinnen keine echte Macht zugesteht.

Die visuelle Gestaltung der Serie ist inzwischen ikonisch. Das Rot der Mägde signalisiert Fruchtbarkeit, Blut, Gefahr und Sichtbarkeit. Die weißen Hauben schränken das Blickfeld ein und trennen die Frauen voneinander. Gleichzeitig machen sie aus ihnen gesichtslose Symbole.

Die Kamera sucht immer wieder Junes Gesicht. Elisabeth Moss kann darin Wut, Angst, Trotz und Verachtung fast ohne Worte ausdrücken. Manchmal genügt ein Blick, um zu verstehen, dass sich hinter der scheinbaren Unterwerfung längst Widerstand formiert.

Hinzu kommt der gezielte Einsatz moderner Musik. Songs aus unserer Welt treffen auf Bilder eines Regimes, das diese Kultur vernichtet hat. Dadurch bleibt das frühere Amerika ständig anwesend. Gilead erscheint nicht wie ein fernes Mittelalter, sondern wie eine Gesellschaft, die aus unserer unmittelbaren Gegenwart hervorgegangen ist.

Die erste Staffel wurde 2017 mit mehreren Emmys ausgezeichnet, darunter als beste Dramaserie. Damit war The Handmaid’s Tale die erste Streamingserie, die diese wichtigste Dramakategorie gewinnen konnte. Die Television Academy dokumentiert die zahlreichen Auszeichnungen und Nominierungen.

Inzwischen ist die Geschichte mit sechs Staffeln abgeschlossen. Nicht jede davon besitzt die Dichte der ersten. Manche Entwicklungen wiederholen sich, gelegentlich wird das Leiden der Figuren sehr ausführlich ausgestellt. Trotzdem bleibt die Serie ein außergewöhnliches Werk. Sie zeigt nicht nur Unterdrückung, sondern auch deren psychische Folgen: Trauma, Schuld, Rache, Anpassung und die schwierige Frage, ob man nach Gilead überhaupt wieder zu dem Menschen werden kann, der man vorher war.

THE HANDMAIDS TALE Season 1 TRAILER (2017) Hulu Series

(Das Video wird von YouTube eingebettet und erst beim Klick auf den Play-Button von dort geladen und abgespielt. Ab dann gelten die Datenschutzerklärungen von Google.)

Warum mich die Serie heute stärker trifft

Als ich vor einigen Wochen wieder mit der Serie begann, war es nicht nur ein Wiedersehen mit June, Moira oder Tante Lydia. Es war auch eine Begegnung mit einer Geschichte, die sich verändert hat, obwohl ihre Bilder dieselben geblieben sind.

Verändert hat sich die Welt vor dem Bildschirm.

2022 hob der Oberste Gerichtshof der USA mit seinem Urteil im Fall Dobbs v. Jackson Women’s Health Organization den bis dahin verfassungsrechtlich geschützten Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen auf. Die Entscheidung über entsprechende Verbote wurde an die Bundesstaaten zurückgegeben. Das Urteil formulierte ausdrücklich, dass die US-Verfassung kein Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch garantiere.

Im Sommer 2026 gelten nach Angaben des Guttmacher Institute in 13 Bundesstaaten vollständige Verbote; zahlreiche weitere Staaten untersagen Abbrüche bereits nach wenigen Wochen oder setzen andere enge Fristen. Der aktuelle Überblick zeigt, wie unterschiedlich reproduktive Rechte inzwischen vom Wohnort abhängen.

Das bedeutet nicht, dass jedes Verbot automatisch nach Gilead führt. Es bedeutet aber, dass ein über Jahrzehnte bestehendes Recht tatsächlich wieder zurückgenommen werden konnte. Etwas, das viele für dauerhaft gesichert hielten, war plötzlich nicht mehr gesichert.

Hinzu kommt eine politische Sprache, die Menschen wieder stärker auf biologische, familiäre oder angeblich gottgegebene Rollen reduzieren will. Seit 2025 hat die US-Regierung mehrere Anordnungen erlassen, die Geschlecht auf zwei staatlich definierte Kategorien begrenzen und abweichende Identitäten ausdrücklich als „Gender-Ideologie“ bekämpfen. Unabhängig davon, wie man einzelne gesellschaftliche Debatten bewertet, ist diese amtliche Sprache auffällig: Der Staat beansprucht erneut, Identität verbindlich festzulegen.

Besonders bitter ist, dass auch Atwoods Roman selbst in amerikanischen Schulen und Bibliotheken immer wieder entfernt wurde. Im Schuljahr 2023/24 gehörte The Handmaid’s Tale mit 67 dokumentierten Verboten zu den am häufigsten betroffenen Titeln. Auch im folgenden Schuljahr stand das Buch erneut auf entsprechenden Listen. PEN America führt den Roman unter den meistverbotenen Büchern der Jahre 2024/25.

Eine Geschichte über eine Frau, der das Lesen verboten wird, wird aus Bibliotheken entfernt.

Mehr Symbolik ist beinahe nicht möglich.

Gilead ist kein Ort, sondern ein Prozess

Ich halte nichts davon, jede konservative Position mit Faschismus gleichzusetzen oder jeden religiösen Menschen zum potenziellen Handlanger einer Theokratie zu erklären. Eine demokratische Gesellschaft muss unterschiedliche moralische und politische Überzeugungen aushalten.

Aber sie muss ebenso erkennen, wann persönliche Überzeugungen in staatlichen Zwang verwandelt werden.

Die eigentliche Warnung von The Handmaid’s Tale besteht für mich nicht darin, dass morgen Frauen in roten Gewändern durch Washington marschieren könnten. Die Warnung liegt im Weg dorthin.

Gilead beginnt mit Angst. Mit dem Versprechen von Sicherheit. Mit einer Krise, die angeblich keine Zeit mehr für demokratische Rücksicht lässt. Mit der Behauptung, gewisse Rechte müssten nur vorübergehend eingeschränkt werden. Mit Politikern, die religiöse Moral für ihre Macht benutzen. Und mit Menschen, die sich beruhigen, weil zunächst noch jemand anderes betroffen ist.

Das Regime behauptet, Frauen zu beschützen, während es ihnen jede Entscheidung nimmt. Es spricht von Familie, während es Familien auseinanderreißt. Es beruft sich auf Kinder, während es Mütter ihrer Kinder beraubt. Es redet von Ordnung, während es Gewalt institutionalisiert.

Auch das ist kein ausschließlich amerikanisches Problem. Der Wunsch nach einfachen Antworten, starken Führern und klar zugewiesenen gesellschaftlichen Rollen ist längst in vielen Demokratien zurückgekehrt. Die USA sind nur deshalb von besonderer Bedeutung, weil politische Entwicklungen dort weit über die eigenen Grenzen hinauswirken.

Lesen. Schauen. Und nicht bequem werden.

Der Report der Magd ist kein angenehmes Buch. The Handmaid’s Tale ist keine Serie, die man zur Entspannung nebenbei laufen lässt. Beides kann wütend machen, erschöpfen und verstören.

Gerade deshalb empfehle ich beides.

Zuerst das Buch, weil Atwoods Sprache und die innere Perspektive der Erzählerin etwas leisten, das keine Kamera vollständig wiedergeben kann. Danach die Serie, weil sie Gilead erweitert, den Figuren Gesichter gibt und aus einer literarischen Warnung ein visuelles Erlebnis macht, das man nur schwer wieder vergisst.

Wer nur die Serie kennt, sollte den Roman lesen. Wer nur das Buch kennt, sollte zumindest der ersten Staffel eine Chance geben. Und wer beides vor Jahren bereits erlebt hat, könnte bei einer erneuten Begegnung feststellen, dass sich die Geschichte verändert hat.

Nicht weil Atwood etwas umgeschrieben hätte.

Sondern weil wir es sind, die inzwischen in einer anderen Welt leben.

(Buchcover, Quelle: Amazon.de)

Kein Recht verteidigt sich von allein

Vielleicht ist das der Gedanke, der mir nach dieser erneuten Begegnung mit The Handmaid’s Tale am stärksten bleibt: Freiheit verschwindet selten mit einem einzigen großen Knall.

Sie wird eingegrenzt, relativiert und neu definiert. Eine Ausnahme wird beschlossen, ein Verbot gerechtfertigt, eine Bevölkerungsgruppe zum Problem erklärt. Man gewöhnt sich an die Sprache, dann an die Maßnahmen und irgendwann an Zustände, die wenige Jahre zuvor noch undenkbar erschienen wären.

Margaret Atwood wollte keine Prophezeiung schreiben. Sie wollte eine Warnung formulieren.

Warnungen besitzen jedoch nur dann einen Wert, wenn wir bereit sind, sie ernst zu nehmen, bevor das Beschriebene Wirklichkeit geworden ist. Danach sind sie keine Warnungen mehr. Dann sind sie nur noch Chroniken unseres Versagens.

Gilead ist nicht die Gegenwart der Vereinigten Staaten. Aber Gilead erinnert uns daran, dass keine Demokratie unverwundbar ist, kein gesellschaftlicher Fortschritt unumkehrbar und kein Recht so selbstverständlich, dass es nicht wieder verloren gehen könnte.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen, ob Atwood damals die Zukunft vorhergesehen hat.

Die wichtigere Frage lautet: Was tun wir heute dafür, dass sie nicht recht behält?

Hinterlasse einen Kommentar