Jörg Kachelmann spricht über Hitze, Waldbrände, Klimawandel und unsere erstaunlich haltbaren Irrtümer – ausgerechnet im Podcast von Paul Ronzheimer
Es gibt Begegnungen, mit denen man nicht rechnet. Angela Merkel auf einem Heavy-Metal-Festival zum Beispiel. Der Papst im Swingerclub. Oder Jörg Kachelmann in einem Podcast aus dem Springer-Universum, wo er fast eine Stunde lang über Medienversagen, politische Bequemlichkeit, wissenschaftsfeindliches Denken und deutsche Klima-Irrtümer spricht.
Letzteres ist tatsächlich passiert.
Nun ist es nicht so, dass ich dem Springer-Verlag und insbesondere der BILD jemals auch nur ein kleines Häufchen Sympathie entgegengebracht hätte. Nicht einmal ein biologisch abbaubares. Auch Paul Ronzheimer und sein Podcast gehören normalerweise nicht zu den Formaten, bei denen mein Zeigefinger vor Vorfreude nervös über der Play-Taste kreist.
Doch der YouTube-Algorithmus, dieses rätselhafte Mischwesen aus Gedankenleser, Gebrauchtwagenhändler und digitalem Stalker, spielte mir eine Ausgabe mit Jörg Kachelmann als Gast ein.
Also klickte ich.
Nicht wegen Springer. Nicht wegen BILD. Und auch nicht, weil ich plötzlich den dringenden Wunsch verspürt hätte, mein Medienverhalten grundlegend zu überdenken. Ich klickte wegen Kachelmann.
Das fühlte sich ungefähr so an, als würde man an einer Autobahnraststätte anhalten, weil dort unerwartet ein Sternekoch Suppe ausschenkt. Man bleibt skeptisch, prüft sicherheitshalber noch einmal das Haltbarkeitsdatum – und stellt dann fest: Die Suppe ist nicht nur genießbar, sondern ausgesprochen scharf.
Kachelmann macht kein Wohlfühlwetter
Wenn es um Wetter, Hitze, Dürre, Klimawandel oder Waldbrände geht, ist Jörg Kachelmann für mich eine der ersten Adressen. Nicht, weil er immer freundlich formuliert. Nicht, weil er jeden Menschen dort abholt, wo dieser gerade steht. Und ganz sicher nicht, weil er einen am Ende beruhigt wieder nach Hause schickt.
Kachelmann holt niemanden ab. Er ruft einem eher zu, man möge gefälligst selbst laufen – und vorher noch einmal die Grundlagen der Physik nachlesen.
Das ist gelegentlich grob, manchmal polemisch und fast immer unterhaltsam. Vor allem aber steckt hinter seiner Schärfe eine Fähigkeit, die in öffentlichen Debatten zunehmend selten geworden ist: Er kann komplizierte Zusammenhänge in eine Sprache übersetzen, die man auch ohne abgeschlossenes naturwissenschaftliches Studium verstehen kann.
Kachelmann wurde 1958 in Lörrach geboren und wuchs in Schaffhausen auf. Schon als Kind beschäftigte er sich mit Wetterbeobachtungen. Er studierte später Geografie, Mathematik und Physik, arbeitete für verschiedene Wetterdienste und gründete Anfang der 1990er-Jahre Meteomedia. Einem Millionenpublikum wurde er durch seine Wettermoderationen bekannt – zunächst in der Schweiz, später auch in der ARD.
Dabei machte er aus dem Wetterbericht etwas, das zuvor kaum jemand für möglich gehalten hatte: eine Sendung, der Menschen freiwillig zuhörten, obwohl gerade kein Orkan das Gartenhaus des Nachbarn abtrug.

Das Schweizer Fernsehen beschreibt rückblickend, wie Kachelmann den Präsentationsstil im deutschsprachigen Raum veränderte. Er löste die Wettervorhersage aus ihrer sprachlichen Amtsstube, erklärte Wolken, Fronten und Niederschläge anschaulich und verband wissenschaftliche Information mit Unterhaltung. Eine Dokumentation des SRF bezeichnet diesen Stil als wegweisend. Einen biografischen Überblick bietet außerdem Munzinger. Heute ist Kachelmann unter anderem mit dem Portal Kachelmannwetter präsent.
Seine Sprache ist bis heute sein stärkstes Instrument. Sie ist bildhaft, direkt und vollkommen ungeeignet für Menschen, die nach einer Diskussion gerne von allen Beteiligten hören möchten, dass irgendwie jeder ein bisschen recht hat.
Bei physikalischen Tatsachen haben nämlich nicht alle ein bisschen recht.
Ein erstaunlich gutes Gespräch am erstaunlichsten Ort
Paul Ronzheimer lässt Kachelmann in diesem Gespräch weitgehend reden. Das ist eine gute Entscheidung. Denn Kachelmann braucht keine journalistische Animation. Man muss bei ihm keine künstlichen Gegensätze herstellen, keine dramatischen Musikbetten einspielen und auch keine Schlagzeile mit drei Ausrufezeichen hinterhertragen.
Man stellt eine Frage – und bekommt eine Antwort, die gelegentlich wie ein kontrollierter Gebäudeeinsturz wirkt.
Schon zu Beginn teilt Kachelmann gegen die Medien aus. Viele Redaktionen würden Hitze, Dürre, niedrige Flusspegel und Waldbrände in einen großen Katastrophentopf werfen, kräftig umrühren und anschließend „Klimawandel“ auf das Etikett schreiben. Das Ergebnis sieht dramatisch aus, erklärt aber wenig.
Seinen Rat an Ronzheimer, was dieser den Kollegen ausrichten solle, formuliert Kachelmann gewohnt diplomatiefrei:
„Ihr seid fast alle Deppen.“
Das ist keine wissenschaftliche Maßeinheit und vermutlich auch kein Satz, den man auf einem Medienkongress als Eröffnungsfolie wählen würde. Aber er beschreibt ziemlich präzise Kachelmanns Grundtemperatur während dieses Gesprächs.
Bemerkenswert ist die Situation trotzdem: Ein Mann sitzt in einem Format aus dem Springer-Umfeld und kritisiert über weite Strecken jene Mechanismen, von denen Boulevardmedien seit Jahrzehnten ausgezeichnet leben – Vereinfachung, Zuspitzung, emotionale Bilder und die Umwandlung komplexer Zusammenhänge in leicht konsumierbare Erzählungen.
Ronzheimer widerspricht gelegentlich, fragt nach und lässt Kachelmann ansonsten machen. Dafür kann man ihm Anerkennung zollen, ohne anschließend ein BILD-Abo abzuschließen oder sich „Volksklimaanlage“ auf den Unterarm tätowieren zu lassen.
Hitze ist keine Dürre
Einer der wichtigsten Punkte des Gesprächs ist die Unterscheidung zwischen Hitze und Dürre.
Beide können gleichzeitig auftreten. Beide können sich gegenseitig verschärfen. Sie sind aber nicht dasselbe.
Ein ausgetrocknetes Flussbett ist nicht deshalb leer, weil die Lufttemperatur an einem Nachmittag 36 Grad erreicht hat. Im Fluss fehlt Wasser, weil über einen längeren Zeitraum zu wenig Niederschlag gefallen ist. Wird es am nächsten Tag plötzlich zehn oder fünfzehn Grad kühler, füllt sich der Fluss nicht spontan wieder auf.
Auch ein gelber Rasen wird nicht über Nacht grün, weil der Wettermoderator eine Kaltfront angekündigt hat.
Das klingt banal. Es ist banal. Und dennoch werden niedrige Pegelstände und ausgetrocknete Landschaften in der medialen Bebilderung regelmäßig als unmittelbare Folgen einer aktuellen Hitzewelle präsentiert.
Die fehlende Unterscheidung ist keineswegs nur ein sprachliches Problem. Wer Ursachen falsch beschreibt, landet zwangsläufig bei falschen Lösungen.
Gegen akute Hitze helfen Schatten, Luftbewegung, Kühlung, geeignete Gebäude und ein funktionierender Hitzeschutz. Gegen Dürre helfen diese Maßnahmen nicht. Dafür braucht es einen verantwortungsvollen Umgang mit Wasser, Speicherlösungen, angepasste Landwirtschaft und langfristige Planung.
Ein Ventilator füllt keine Talsperre. Eine Zisterne kühlt kein Pflegezimmer. Beides kann sinnvoll sein, aber eben für unterschiedliche Probleme.
Eigentlich müsste man das nicht erklären.
Eigentlich.
Der Wald beginnt nicht aus Verzweiflung zu brennen
Besonders deutlich wird Kachelmann beim Thema Waldbrände.
Die öffentliche Erzählung lautet häufig ungefähr so: Es ist sehr heiß, irgendwo liegt eine Glasscherbe, die Natur seufzt noch einmal kurz – und dann brennt der Wald.
Das hat einen großen Vorteil: Niemand ist verantwortlich. Der Brand ist einfach „ausgebrochen“. Wie eine Krankheit. Oder wie schlechte Laune.
Doch ein trockener Wald entzündet sich nicht selbst, nur weil ihm das Thermometer nicht gefällt. Trockenheit schafft brennbares Material. Wind kann ein Feuer antreiben. Hohe Temperaturen können seine Ausbreitung begünstigen. Für die Entzündung braucht es aber eine konkrete Zündquelle – beispielsweise einen Blitz oder menschliches Handeln, absichtlich oder fahrlässig.
Kachelmann bringt diesen Unterschied mit der ihm eigenen Feinfühligkeit auf den Punkt:
„Die Lufttemperatur ist dem Waldbrand scheißegal.“
Gemeint ist die Entzündung. Die Luft kann 35 oder 40 Grad warm sein: Damit ist die für eine Zündung notwendige Temperatur noch lange nicht erreicht. Trockenes Holz wird dadurch leichter brennbar, aber es setzt sich nicht aus bloßer Sommerfrustration selbst in Brand.
Kachelmann erläutert zugleich, dass Temperatur, Trockenheit und Wind sehr wohl Einfluss darauf haben, wie erfolgreich eine Zündung ist und wie heftig sich ein Feuer anschließend ausbreitet. Genau diese Differenzierung fehlt oft.
Der Klimawandel kann Dürren wahrscheinlicher oder intensiver machen und damit die Voraussetzungen für große Brände verschärfen. Er läuft aber nicht mit einem Feuerzeug durch den Wald. Das übernehmen Menschen schon selbst.
Auch die Glasscherbe ist eine ausgesprochen beliebte Figur in diesem Theater. Sie erlaubt es, den Waldbrand einem weggeworfenen Gegenstand zuzuschieben, statt über Fahrlässigkeit, Brandstiftung, brennende Zigaretten, Maschinen, Funkenflug oder unvernünftige Freizeitaktivitäten zu sprechen.
Die Glasscherbe ist gewissermaßen der Butler unter den Waldbrandverdächtigen: In schlechten Geschichten war sie es immer.
Kachelmann fordert deshalb eine klare Aufklärungskampagne. Menschen müssen verstehen, dass Waldbrände verhindert werden können – nicht alle, aber sehr viele. Wer die Entstehung als geheimnisvollen Naturvorgang darstellt, macht die Gesellschaft zum passiven Zuschauer.
Dann „bricht“ ein Brand eben aus, und alle sind hinterher gleichermaßen überrascht.
Das ist bequem. Und brandgefährlich.
Es ist keine Debatte mehr darüber, ob sich das Klima verändert
Beim grundsätzlichen Zusammenhang zwischen der aktuellen Erwärmung und dem menschengemachten Klimawandel lässt Kachelmann keinen künstlichen Diskussionsraum offen.
Mehr Treibhausgase verändern die Strahlungsbilanz der Erde. Die Atmosphäre und die Meere erwärmen sich. Luftmassen, die früher auf ihrem Weg über kühlere Meeresflächen abgemildert wurden, können heute deutlich wärmer bei uns ankommen. Sehr hohe Temperaturen werden dadurch wahrscheinlicher, und mögliche Extreme verschieben sich weiter nach oben.
Darüber im Jahr 2026 jedes Mal eine Grundsatzdebatte zu führen, als sei der Treibhauseffekt eine überraschende These aus einem schlecht besuchten VHS-Kurs, ist kein Ausdruck von Offenheit.
Es ist institutionalisierte Zeitverschwendung.
Natürlich darf und muss über Klimamodelle, regionale Entwicklungen, Zeiträume, Unsicherheiten und geeignete Maßnahmen diskutiert werden. Wissenschaft besteht nicht darin, Ungewissheiten zu verschweigen. Sie besteht darin, das gesicherte Wissen von den offenen Fragen zu trennen.
Genau daran scheitert die öffentliche Diskussion regelmäßig.
Die einen behaupten, weil nicht jedes Detail der zukünftigen Entwicklung exakt feststeht, könne man gar nichts wissen. Die anderen schreiben jedes einzelne Unwetter unmittelbar dem Klimawandel zu. Beides ist intellektuell bequem. Man muss weder differenzieren noch genauer hinsehen.
Kachelmann macht deutlich: Wir führen ein gewaltiges Experiment mit der Erde durch. Wir kennen die grundlegende Richtung, aber nicht jede regionale Folge und schon gar nicht deren exakten Zeitpunkt. Gerade deshalb müsste Politik vorsorgen.
Nichtwissen ist kein Grund, nichts zu tun. Wer im Nebel auf eine Felswand zufährt, beschleunigt schließlich auch nicht mit der Begründung, man kenne den genauen Abstand noch nicht.
Klimaschutz allein kühlt heute kein Pflegeheim
Ein besonders wichtiger Teil des Gesprächs betrifft den Unterschied zwischen langfristigem Klimaschutz und kurzfristiger Anpassung.
Die Emissionen von Treibhausgasen müssen sinken. Daran führt kein vernünftiger Weg vorbei. Doch selbst eine weltweit ideale Klimapolitik würde nicht morgen früh sämtliche überhitzten Wohnungen, Krankenhäuser, Schulen und Pflegeeinrichtungen abkühlen.
Wir leben bereits mit den Folgen früherer Emissionen. Menschen leiden heute unter extremer Hitze. Deshalb reicht es nicht, für das Jahr 2045 ein Ziel auf eine PowerPoint-Folie zu schreiben und bis dahin gelegentlich betroffen aus dem Fenster zu schauen.
Kachelmann kritisiert besonders die Situation älterer und vulnerabler Menschen. Viele leben in kleinen Wohnungen, die sich während längerer Hitzeperioden massiv aufheizen. Der noch immer verbreitete Ratschlag, sämtliche Fenster morgens zu schließen und erst am späten Abend wieder zu öffnen, kann dabei zum Problem werden, wenn in der Wohnung kaum Luftbewegung herrscht und die Feuchtigkeit steigt.
Natürlich sollte während der heißesten Tageszeit nicht ununterbrochen warme Außenluft in die Räume strömen. Aber aus einem vernünftigen Hinweis ist vielerorts eine starre Glaubensregel geworden: Fenster zu, Rollläden herunter, Bewegung vermeiden und hoffen, dass der menschliche Körper bis Sonnenuntergang durchhält.
Ventilatoren gelten in Teilen Deutschlands noch immer als direkte Vorstufe zur Lungenentzündung. Durchzug verursacht angeblich zuverlässig einen steifen Nacken. Klimaanlagen wiederum werden behandelt, als hätte der Teufel persönlich sie erfunden, um deutsche Altbauten kulturell zu unterwandern.
Gleichzeitig plant und baut man weiterhin Schulen, Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser ohne ausreichende Kühlmöglichkeiten.
Das ist keine ökologische Tugend. Es ist unterlassene Anpassung.
Moderne Wärmepumpen können nicht nur heizen, sondern auch kühlen. Photovoltaikanlagen liefern gerade an sonnigen und heißen Tagen besonders viel Energie – also genau dann, wenn Kühlung benötigt wird. Das wäre eine beinahe verdächtig vernünftige Verbindung von Klimaschutz, technischer Anpassung und unmittelbarem Nutzen.
Doch Deutschland führt lieber Kulturkämpfe über Wärmepumpen, während Oma im Dachgeschoss langsam gart.
Man kann über den zusätzlichen Energieverbrauch von Klimaanlagen diskutieren. Man muss über Effizienz, Gebäudedämmung, Verschattung, Stadtplanung und erneuerbare Energie sprechen. Aber man sollte Kühlung nicht grundsätzlich als Luxus behandeln.
In vielen Situationen ist sie Gesundheitsschutz.
Der grüne Rasen als Weltanschauung
Beim Umgang mit Wasser wird das Interview unangenehm konkret.
Muss ein privater Rasen in einer langen Trockenperiode wirklich saftig grün bleiben? Muss das Auto regelmäßig gewaschen werden, während Grundwasserstände sinken? Muss jede vorübergehende Einschränkung als Angriff auf die persönliche Freiheit verstanden werden?
In südlichen Ländern, die seit Langem mit trockenen Sommern umgehen, wird ein grüner Rasen nicht zwingend als Ausdruck vorbildlicher Gartenpflege betrachtet. Er kann auch zeigen, dass jemand knappe Ressourcen verbraucht, damit sein Grundstück aussieht wie eine Mischung aus Golfplatz und Waschmittelwerbung.
In Deutschland hingegen wird der Rasensprenger schnell zum Symbol des selbstbestimmten Lebens. Heute nehmen sie uns die Bewässerung, morgen vermutlich das Schnitzel und übermorgen den Gartenzwerg.
Das eigentliche Problem ist nicht der einzelne Vorgarten. Es ist die fehlende Vorstellung davon, dass individuelles Verhalten und gemeinschaftliche Ressourcen miteinander verbunden sind.
Wer während einer Dürre Trinkwasser verschwendet, handelt nicht isoliert. Wer bei hoher Waldbrandgefahr mit Feuer hantiert, trifft keine rein private Entscheidung. Wer unnötig Energie verbraucht, bewegt sich ebenfalls nicht außerhalb gesellschaftlicher Zusammenhänge.
Freiheit ohne Verantwortung ist lediglich Egoismus mit besserer Öffentlichkeitsarbeit.
Kachelmann spricht außerdem über die Notwendigkeit, Wasser besser zu speichern. Niederschläge könnten sich zunehmend ungünstig über das Jahr verteilen: viel Wasser in kurzer Zeit oder in der falschen Jahreszeit, dafür lange trockene Phasen im Sommer.
Politik müsste deshalb längst fragen, wie Winter- und Starkniederschläge gespeichert und später genutzt werden können.
Andere Länder haben damit Erfahrung. Man müsste nur hinfahren, fragen und lernen.
Deutschland dagegen gründet vermutlich zunächst einen Arbeitskreis zur gendergerechten Benennung kommunaler Zisternen und stellt anschließend fest, dass für den Bau leider kein Formular existiert.
Politik zwischen Fernziel und nächster Wahl
Das Gespräch zeigt ein grundsätzliches Problem unserer Politik: Langfristige Ziele und kurzfristige Schutzmaßnahmen werden gegeneinander ausgespielt.
Die einen sprechen ausschließlich über Emissionsminderung und behandeln Anpassung beinahe als Kapitulation. Die anderen fordern nur Anpassung, weil sie den Klimaschutz ohnehin ablehnen.
Vernünftig wäre beides.
Wir müssen verhindern, dass die Erwärmung immer weiter eskaliert. Gleichzeitig müssen wir Städte, Gebäude, Gesundheitssysteme, Landwirtschaft und Wasserversorgung auf jene Veränderungen vorbereiten, die bereits stattfinden oder nicht mehr vollständig verhindert werden können.
Dafür bräuchte es politische Ehrlichkeit.
Man müsste den Menschen sagen, dass nicht jede Gewohnheit für alle Zeiten unverändert bleiben kann. Dass Wasser knapp werden kann. Dass Stadtbäume Platz und Geld brauchen. Dass Schulen gekühlt, Flächen entsiegelt und Krankenhäuser umgebaut werden müssen. Dass Klimaschutz Investitionen verlangt und Untätigkeit ebenfalls kostet – häufig sehr viel mehr.
Stattdessen verkauft Politik notwendige Maßnahmen entweder als schmerzlose Win-win-Zauberei oder als apokalyptischen Zwang. Beides weckt Misstrauen.
Die Wahrheit ist weniger bequem: Veränderungen werden Geld kosten, Gewohnheiten infrage stellen und Konflikte auslösen. Dafür können sie Leben schützen, Schäden begrenzen und unsere Gesellschaft widerstandsfähiger machen.
Das wäre eine politische Erzählung für Erwachsene.
Leider werden Erwachsene im Wahlkampf häufig behandelt wie Kleinkinder kurz vor der Supermarktkasse: bloß nichts verweigern, sonst gibt es Geschrei.
Wenn der Wald im Kamin plötzlich klimafreundlich brennt
An dieser Stelle wird das Gespräch besonders zynisch – und besonders treffend.
Kachelmann nennt Katrin Göring-Eckardt als Beispiel für eine Politikerin, die sich über die Zerstörung der Natur durch Waldbrände empört. Das ist zunächst weder überraschend noch kritikwürdig. Ein brennender Wald ist schließlich kein romantisches Lagerfeuer mit besonders großem Einzugsgebiet.
Er zerstört Lebensräume, setzt gespeicherten Kohlenstoff frei, gefährdet Menschen und hinterlässt verwundete Böden.
Kachelmann setzt jedoch sofort den politischen Widerspruch daneben: Auf der einen Seite beklagen führende Grüne brennende Wälder. Auf der anderen Seite wird Holz innerhalb der grünen und allgemeinen Energiepolitik noch immer gern als erneuerbarer, regionaler und vermeintlich klimafreundlicher Brennstoff behandelt.
Seine Abrechnung mit der Holzverbrennung lautet:
„Noch klimaschädlicher als Kohle, Öl und Gas.“
Das ist Kachelmanns bewusst maximal zugespitzte Bewertung. Sie trifft aber einen wunden Punkt: Die verbreitete Vorstellung, Holz verschwinde beim Verbrennen gewissermaßen CO₂-neutral im Kamin, ist viel zu einfach.
Ein Baum kann über Jahrzehnte Kohlenstoff aufnehmen. Im Ofen wird ein erheblicher Teil davon innerhalb weniger Stunden wieder freigesetzt. Theoretisch kann nachwachsender Wald dieses Kohlendioxid erneut binden. Praktisch braucht das Zeit – erheblich mehr Zeit, als ein gemütlicher Kaminabend dauert.
Hinzu kommen Emissionen aus Ernte, Verarbeitung und Transport sowie Methan, Lachgas, Ruß und gesundheitsschädlicher Feinstaub bei der Verbrennung.
Das Umweltbundesamt warnt deshalb ausdrücklich vor dem schönen Bild der automatisch umwelt- und klimafreundlichen Holzheizung. Mehr Holz in Öfen zu verfeuern, führe zu mehr CO₂ und Feinstaub in der Luft. Besonders Kamin- und Kachelöfen könnten erhebliche Mengen gesundheitsschädlicher Partikel ausstoßen.
Das Amt empfiehlt, Holz möglichst zuerst für langlebige Produkte zu verwenden, statt den darin gespeicherten Kohlenstoff unmittelbar durch den Schornstein zu schicken. Die Klima- und Gesundheitsprobleme erläutert das Umweltbundesamt ausführlich.
Ein Schrank speichert Kohlenstoff. Ein Dachstuhl speichert Kohlenstoff. Ein Holzbalken kann ihn über viele Jahrzehnte binden.
Ein brennender Holzscheit speichert vor allem die Illusion, dass eine Flamme automatisch nachhaltig werde, sobald man das Wort „Biomasse“ danebenstellt.
Kachelmanns Angriff gilt dem politischen Widerspruch
Dabei sollte man Kachelmanns Aussage korrekt wiedergeben: Er behauptet im Gespräch nicht, Katrin Göring-Eckardt persönlich sitze jeden Abend vor einem Pelletkessel und werfe zur Entspannung einen weiteren Baum hinein.
Sein Angriff richtet sich gegen den Widerspruch innerhalb einer Partei und einer politischen Denkwelt: Wie kann man die Freisetzung von Kohlenstoff und die Vernichtung von Wald bei einem Waldbrand beklagen, während die Verbrennung desselben Rohstoffs im heimischen Ofen lange als ökologisch wertvoll, erneuerbar oder sogar klimaneutral verkauft wurde?
Der Baum unterscheidet beim Verbrennen schließlich nicht, ob über ihm ein Waldbrandhubschrauber kreist oder ob neben ihm ein Designer-Sofa steht.
Aus dem Schornstein kommt auch dann kein Waldduft mit Umweltengel.
Die offizielle Position der bayerischen Grünen ist differenzierter als Kachelmanns polemische Kurzfassung. In ihrem Beschluss „Wald mit Zukunft“ setzen sie sich für eine sogenannte Kaskadennutzung ein: Holz soll zunächst als Bau- oder Werkstoff eingesetzt, möglichst lange genutzt und erst am Ende dieser Nutzungskette energetisch verwertet werden.
Die direkte Verbrennung von Waldholz soll demnach auf Sortimente begrenzt bleiben, die sich nicht sinnvoll stofflich nutzen lassen. So formulieren es die Grünen Bayern in ihrem Waldkonzept.
Das ist vernünftiger als die pauschale Gleichung: Holz wächst nach, also ist Holzverbrennung klimaneutral.
Doch Kachelmanns Stachel bleibt trotzdem stecken. Denn in der politischen Praxis, in Förderprogrammen und vor allem im öffentlichen Bewusstsein wurde aus einer komplizierten Nutzungskaskade sehr schnell die wesentlich bequemere Botschaft: Holz ist erneuerbar, regional und deshalb gut.
Der Kamin bekam einen grünen Heiligenschein.
Der Rauch blieb derselbe.
Bayern ist beim Holzverbrennen tatsächlich Spitzenreiter
Die Brücke nach Bayern ist keineswegs nur ein rhetorischer Ausflug ins Land der Kachelöfen, Jagdhütten und holzgetäfelten Gemütlichkeit.
Der Zensus 2022 zeigt, dass in Bayern bei rund 13 Prozent der Wohngebäude Holz oder Holzpellets der überwiegende Energieträger der Heizung waren. Damit lag der Freistaat an der Spitze aller Bundesländer – deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 5,9 Prozent und auch vor Baden-Württemberg mit 9,8 Prozent oder Thüringen mit 8,4 Prozent. Die vollständige Ländertabelle findet sich in einer Auswertung der statistischen Landesämter auf Basis des Zensus 2022.
Noch eindrucksvoller sind die bayerischen Kehrbuchdaten für das Berichtsjahr 2023. Danach gab es im Freistaat annähernd 6,5 Millionen aktive Feuerstätten. Rund 3,2 Millionen davon – fast jede zweite – wurden mit fester Biomasse wie Scheitholz, Hackschnitzeln oder Pellets betrieben. In Niederbayern lag der Anteil fester Biomasse an den Feuerstätten sogar bei 59,1 Prozent. Diese Zahlen stammen direkt vom Bayerischen Landesamt für Statistik.
Nicht jede dieser Feuerstätten ist die zentrale Heizung eines Hauses. Viele sind Kamin-, Kachel- oder Einzelraumöfen und werden nur zusätzlich betrieben.
Genau das macht die Zahl jedoch nicht automatisch beruhigender. Denn ein Ofen, der hauptsächlich für Behaglichkeit brennt, produziert seine Emissionen nicht weniger zuverlässig, nur weil die Zentralheizung ebenfalls vorhanden ist.
Bayern besitzt damit nicht nur besonders viele Wälder, sondern offenbar auch besonders viele private Möglichkeiten, Teile davon in Rauch umzuwandeln.
Der Freistaat ist gewissermaßen Weltmarktführer in der Veredelung von Wald zu Wohnzimmerwärme, Feinstaub und dem guten Gefühl, etwas Ursprüngliches zu tun.
Waldbrand draußen, Wohlfühlbrand drinnen
Gerade im Jahr 2026 erhält dieser Widerspruch eine besondere Schärfe.
Im Mai brannte es am Saurüsselkopf bei Ruhpolding auf rund 140 Hektar. Es war einer der größten Waldbrände Bayerns seit Jahrzehnten. Im Juni folgte ein Wald- und Moorbrand am Chiemsee.
Das bayerische Landwirtschafts- und Forstministerium weist inzwischen selbst darauf hin, dass die Waldbrandgefahr durch längere Trockenperioden steigen dürfte und dass unvernünftiger menschlicher Umgang mit offenem Feuer die häufigste Ursache für Waldbrände ist. Das Ministerium nennt die aktuellen Brände und Ursachen ausdrücklich.
Draußen kämpfen also Feuerwehren, Hubschrauber und Einsatzkräfte darum, dass der Wald nicht verbrennt.
Drinnen wird das Verbrennen von Wald weiterhin als Behaglichkeit verkauft.
Natürlich ist ein kontrollierter Holzofen kein Waldbrand. Niemand muss wegen eines Kaminabends mit Löschflugzeugen über Oberbayern kreisen. Aber für die klimapolitische Betrachtung darf man die Gemeinsamkeit nicht einfach wegerzählen: In beiden Fällen wird im Holz gespeicherter Kohlenstoff innerhalb kurzer Zeit freigesetzt. Beim privaten Ofen kommen außerdem lokale Schadstoffbelastungen hinzu.
Der eine Brand ist eine Katastrophe. Der andere heißt Wohnqualität.
Der eine erzeugt Sondersendungen. Der andere einen Prospekt mit einem glücklichen Paar, Rotweingläsern und wollenen Socken.
Physikalisch lässt sich Kohlendioxid von dieser unterschiedlichen Bildsprache nur mäßig beeindrucken.
Die romantische Lüge vom natürlichen Feuer
Holz genießt einen kulturellen Vorteil, den eine Gastherme niemals haben wird.
Ein Gasbrenner ist ein technisches Gerät. Ein Holzofen ist ein Lebensgefühl. Er knistert, leuchtet und riecht nach vermeintlicher Ursprünglichkeit. Menschen sitzen davor und fühlen sich für einen Moment wie Selbstversorger, obwohl das Scheitholz eingeschweißt von der Tankstelle kam.
Das Feuer erinnert an Waldhütten, Winterabende und Großmutters Küche. Niemand stellt sich mit einer Tasse Tee vor den Heizkörper und sagt: „Schau nur, wie romantisch das Wasser darin zirkuliert.“
Diese emotionale Sonderstellung erschwert eine nüchterne Debatte.
Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, aber kein unbegrenzt verfügbarer. Wälder sind nicht bloß Brennstofflager, die zufällig auch Tiere, Pflanzen und Bodenleben enthalten. Sie speichern Kohlenstoff, kühlen ihre Umgebung, halten Wasser zurück, schützen Böden und bilden Lebensräume.
Wer Holz verbrennt, muss deshalb mehr beantworten als die Frage, ob irgendwo wieder ein Baum gepflanzt wird.
Woher stammt das Holz? Wie lange braucht der Wald, um den entnommenen Kohlenstoff wieder zu binden? Wäre eine stoffliche Nutzung sinnvoller gewesen? Wie effizient ist die Anlage? Welche Feinstaub- und Rußemissionen entstehen? Wird mit dem Holz tatsächlich eine fossile Heizung ersetzt – oder brennt der Kamin zusätzlich, weil Flammen so schön aussehen?
Erst danach kann man beurteilen, ob eine konkrete Nutzung ökologisch vertretbar ist.
Das Etikett „erneuerbar“ ersetzt diese Fragen nicht.
Auch Unvernunft wächst schließlich nach.
Ein Widerspruch, der größer ist als die Grünen
So berechtigt Kachelmanns Spott über den grünen Widerspruch ist: Das Problem lässt sich nicht allein bei Bündnis 90/Die Grünen abladen.
Die politische Aufwertung von Holz als erneuerbare Energie wurde von verschiedenen Parteien, Regierungen, Verbänden und Förderinstitutionen getragen. Waldbesitzer, Ofenhersteller, Pelletproduzenten und regionale Wirtschaftskreisläufe haben daran nachvollziehbare ökonomische Interessen.
Gerade in einem waldreichen Flächenland wie Bayern ist Holz außerdem traditionell verfügbar und kulturell fest verankert.
Die CSU hat den Holzofen nicht erfunden, die Grünen haben ihn nicht allein grün angestrichen, und der private Kaminbesitzer ist nicht automatisch ein Umweltverbrecher.
Aber genau deshalb braucht es Ehrlichkeit.
Nicht jede Verbrennung von Rest- oder Schadholz ist ökologischer Wahnsinn. Moderne Pelletanlagen arbeiten sauberer als alte Scheitholzöfen. In bestimmten Gebäuden und Versorgungssituationen kann nachhaltig verfügbares Restholz eine begrenzte Rolle spielen.
Doch aus einer begrenzten Rolle darf keine massenhafte Strategie werden. Deutschland kann seinen gesamten Wärmebedarf nicht nachhaltig aus dem Wald decken. Und Bayern kann nicht gleichzeitig seine Wälder als Klimaschützer feiern und jeden zweiten Schornstein mit fester Biomasse versorgen, als hätte der Freistaat im Keller einen zweiten, heimlich nachwachsenden Bayerischen Wald.
Kachelmanns Zynismus richtet sich deshalb gegen mehr als eine einzelne Politikerin.
Er richtet sich gegen eine Politik, die beim Waldbrand betroffen auf die Flammen schaut, aber beim Kaminfeuer das Licht dimmt, Rotwein einschenkt und die Emissionen für erneuerbar erklärt.
Der Widerspruch passt hervorragend in unsere Zeit: Wir möchten den Wald schützen – aber auf das Feuer im Wohnzimmer ungern verzichten.
Am besten soll der Baum gleichzeitig stehen bleiben, Kohlenstoff speichern, Arten beherbergen, Wasser zurückhalten, als Baustoff dienen und abends im Ofen für Gemütlichkeit sorgen.
Selbst für einen nachwachsenden Rohstoff ist das eine bemerkenswerte Arbeitsbelastung.
Jeder Einzelne rettet nicht die Welt – aber das ist keine Ausrede
Im Gespräch kommt zwangsläufig die Frage auf, welchen Unterschied das Verhalten eines einzelnen Menschen überhaupt macht. Was bringt mein Beitrag, wenn andere Länder mehr Emissionen verursachen? Warum soll Deutschland handeln, wenn China ebenfalls handeln müsste?
Diese Frage ist berechtigt. Sie wird aber meistens nicht gestellt, um eine ehrliche Antwort zu erhalten. Sie dient als elegante Ausstiegstür.
Natürlich wird niemand durch einen gelben Rasen, eine Bahnreise oder eine ausgeschaltete Klimaanlage im leeren Hotelzimmer allein das Weltklima retten. Globale Probleme brauchen politische Regeln, technische Lösungen, internationale Zusammenarbeit und strukturelle Veränderungen.
Aber daraus folgt nicht, dass das eigene Verhalten bedeutungslos ist.
Der Einzelne beeinflusst Nachfrage, politische Mehrheiten und gesellschaftliche Normen. Vor allem aber entscheidet er jeden Tag, ob er die Situation wenigstens nicht weiter verschärft.
Niemand verlangt, dass ein Mensch persönlich die Erde rettet. Es wäre schon ein Fortschritt, wenn weniger Menschen aktiv dabei helfen würden, sie zu ruinieren und ihre Bequemlichkeit anschließend für naturgegeben zu erklären.
Man kann weniger Wasser verschwenden. Bei Trockenheit auf Feuer verzichten. Keine brennenden Zigaretten wegwerfen. Technische Lösungen nicht reflexartig verteufeln. Parteien danach beurteilen, ob sie konkrete Vorsorge betreiben. Medienberichte hinterfragen, die Hitze, Dürre und Waldbrand gedankenlos vermischen.
Und man kann akzeptieren, dass eine gelbe Wiese kein persönliches Scheitern ist.
Keine Hoffnung – aber trotzdem eine Aufgabe
Gegen Ende des Gesprächs fragt Ronzheimer Kachelmann, ob er noch Hoffnung habe. Die Antwort fällt nicht gerade aus wie das Schlusswort eines Motivationsseminars:
„Ich habe null Hoffnung.“
Kachelmann wiederholt diesen Gedanken. Er hat keine Hoffnung, dass die Welt beim langfristigen Klimaschutz rechtzeitig die Kurve bekommt. Und er hat kaum Hoffnung, dass Deutschland kurzfristig Krankenhäuser, Pflegeheime, Schulen und soziale Einrichtungen konsequent gegen Hitze schützt.
Hier treffen wir uns.
Auch ich bin nicht zuversichtlich, wenn ich auf den Menschen als Gattung blicke. Wir verfügen über mehr Wissen als jede Generation vor uns. Wir besitzen Messnetze, Satelliten, Klimamodelle, Supercomputer und einen nahezu unbegrenzten Zugang zu Informationen.
Gleichzeitig verbreitet sich Unsinn schneller als jede Kaltfront.
Wir können das Klima der kommenden Jahrzehnte modellieren, schaffen es aber nicht, einen Unterschied zwischen Hitze und Dürre im Kopf zu behalten. Wir können Raumsonden auf Asteroiden landen, behandeln aber einen Ventilator wie ein medizinisches Hochrisikogerät.
Wir wissen, dass Ressourcen begrenzt sind, und empfinden den Verzicht auf eine Autowäsche trotzdem als Vorstufe zur Diktatur.
Hinzu kommt ein politisches System, das häufig bis zur nächsten Wahl denkt, Probleme verwaltet und notwendige Zumutungen meidet. Bildung wird ausgedünnt, Naturwissenschaft abgewählt und die eigene Verantwortung an China, Amerika, die Regierung, die Industrie oder den Nachbarn delegiert.
Jeder ist für Veränderung, solange sie jemand anderen verändert.
Vielleicht bekommen wir die Kurve tatsächlich nicht.
Doch Hoffnungslosigkeit ist keine Erlaubnis zur Gleichgültigkeit. Man kann pessimistisch sein und trotzdem handeln. Vielleicht sogar gerade deshalb. Wer nicht an das große Happy End glaubt, kann wenigstens versuchen, den Schaden zu begrenzen.
Das ist weniger romantisch als „Wir retten gemeinsam die Welt“.
Aber möglicherweise ehrlicher.
Warum man dieses Gespräch sehen sollte
Meine grundlegende Haltung zu Springer, BILD und dem medialen Geschäftsmodell dahinter hat sich durch diese Podcast-Folge nicht verändert. Ein gutes Interview macht noch keinen publizistischen Frühling.
Trotzdem ist dieses Gespräch sehenswert.
Weil Kachelmann nicht nur Positionen verkündet, sondern Zusammenhänge erklärt. Weil er zwischen Klima und Wetter, Hitze und Dürre, Zündung und Brandausbreitung sowie Klimaschutz und Anpassung unterscheidet.
Weil er Widersprüche aufzeigt – auch dort, wo sie im eigenen politischen Lager unangenehm werden.
Und weil seine Härte etwas Befreiendes besitzt.
Nicht jede falsche Behauptung braucht Verständnis. Nicht jeder Aberglaube verdient einen respektvollen Platz am Diskussionstisch. Und nicht jede wissenschaftliche Tatsache muss so lange weichgespült werden, bis sich niemand mehr von ihr angesprochen fühlt.
Manchmal muss man Dinge deutlich sagen.
Vielleicht hilft dieses Interview dem einen oder anderen tatsächlich dabei, eine lange gepflegte Überzeugung zu überprüfen. Vielleicht stellt jemand fest, dass er Hitze und Dürre immer in einen Topf geworfen hat. Vielleicht verschwindet die Glasscherbe aus der persönlichen Waldbrandtheorie. Vielleicht wird eine Wärmepumpe nicht länger als Angriff auf die deutsche Seele betrachtet.
Vielleicht fragt jemand beim nächsten Kaminabend, ob sich die romantische Flamme tatsächlich so klimafreundlich verhält, wie der Verkaufsprospekt behauptet.
Und vielleicht verzichtet morgen jemand auf den Rasensprenger, die Zigarette im Wald oder die reflexhafte Weitergabe irgendeiner Geschichte, die zwar seit Jahrzehnten erzählt wird, dadurch aber nicht richtiger geworden ist.
Man muss nicht glauben, dass der eigene Beitrag die Welt rettet.
Es reicht fürs Erste, wenn er sie nicht noch ein kleines Stück dümmer macht.
Die vollständige Podcast-Folge „Wetter-Experte enthüllt Klima-Irrtümer. Mit Jörg Kachelmann“ vom 13. August 2026 dauert rund 51 Minuten und ist hier auf YouTube zu sehen.
Meine klare Empfehlung: anschauen, zuhören und anschließend kurz prüfen, welche vermeintlichen Gewissheiten man seit Jahren ungefragt mit sich herumträgt.
Es könnte heiß werden.
Vor allem im Kopf.



