Wie Guns N‘ Roses im September 1991 meine Erwartungen sprengten – und zwei Alben schufen, deren Größe bis heute fasziniert, während hinter den Kulissen schon vieles zerbrach.
Ein Kopfhörer, zwei CDs und eine ziemlich große Enttäuschung
Ich kann ja nicht anders. Manche Jahrestage lassen mich einfach nicht los. Am 17. September 2026 wurden „Use Your Illusion I“ und „Use Your Illusion II“ von Guns N’ Roses tatsächlich 35 Jahre alt.
Fünfunddreißig Jahre. Und ich weiß noch immer ziemlich genau, wie sich das damals angefühlt hat.
Bei uns vor Ort, in einem großen Einkaufszentrum, stand ich in der Musikabteilung Schlange. Ich wollte einen dieser Kopfhörer ergattern, mit denen man in neue Alben reinhören konnte. Ja, das war wirklich so. Man ging in einen Laden, wartete, setzte sich einen Kopfhörer auf und hörte Musik, auf die man sich schon lange gefreut hatte.
Und dann stand ich da. Hörte rein. War geflasht. Wollte diese beiden CDs unbedingt haben.

Die Antwort des Verkäufers habe ich sinngemäß noch heute im Ohr: Sorry, für heute alles verkauft. Schau doch in zwei oder drei Tagen noch einmal vorbei.
Ausverkauft. Ich hatte gerade genug gehört, um zu wissen, dass ich mehr hören wollte. Und sollte jetzt wieder gehen.
Irgendwann war es dann endlich so weit. Beide CDs waren meine. Und damit begann etwas, das weit über diesen ersten Moment in der Musikabteilung hinausging. Denn so unmittelbar mich die Musik gepackt hatte: Diese beiden Alben musste ich erst kennenlernen. Immer wieder hören. Mich auf sie einlassen.
Nach „Appetite for Destruction“ hatte ich eine Vorstellung davon, wie Guns N’ Roses klingen. „Use Your Illusion“ machte diese Vorstellung erheblich größer.
Zwei Alben auf einmal – und plötzlich war alles größer
Streng genommen erschien damals übrigens kein klassisches Doppelalbum in einer gemeinsamen Verpackung. Es waren zwei eigenständige, separat verkaufte Alben, die am selben Tag veröffentlicht wurden. Für mich gehörten sie trotzdem von Anfang an zusammen. Zwei CDs, zwei Farben, ein riesiges musikalisches Ereignis. Insgesamt 30 Tracks und rund zweieinhalb Stunden Musik.
Dass dieser Eindruck weit über meine eigene Begeisterung hinausging, zeigen die amerikanischen Charts: „Use Your Illusion II“ stieg auf Platz eins ein, „Use Your Illusion I“ direkt dahinter auf Platz zwei. In der ersten Verkaufswoche gingen in den USA ungefähr 770.000 beziehungsweise 685.000 Exemplare über die Ladentheken. Mein Verkäufer war mit seinem leeren Regal also offenbar in guter Gesellschaft. Die Veröffentlichungsdaten und Zahlen dokumentiert auch Universal Music im Rückblick auf die beiden Alben.
Was mich bis heute an dieser Veröffentlichung fasziniert, ist ihr Selbstbewusstsein. Natürlich hatten andere Bands längst Doppelalben gemacht. Aber diese Band, nach diesen Vorgängern, mit dieser Erwartungshaltung: Das fühlte sich für mich damals nach etwas an, das es so noch nicht gegeben hatte.
Guns N’ Roses hätten ein weiteres dreckiges, kompaktes Rockalbum aufnehmen können. Es hätte vermutlich niemanden überrascht. Stattdessen kamen Klavierballaden, lange Instrumentalpassagen, Blues, akustische Stücke, harte Rocknummern und Songs, die sich jeder Vorstellung von einer handlichen Radiosingle entzogen.
Man konnte daran vieles finden. Großartig. Überladen. Mutig. Größenwahnsinnig. Manchmal alles innerhalb derselben Viertelstunde.
Gerade deshalb wurden diese Alben für mich mit jedem Durchlauf besser.
Wie aus jahrelangen Ideen „Use Your Illusion“ wurde
Hinter dieser musikalischen Fülle steckte allerdings kein sauber geplanter Neustart. „Use Your Illusion“ war auch ein gewaltiger Vorrat an Ideen, die über Jahre gewachsen waren. Manche Stücke reichten bis in die Frühzeit der Band zurück. „November Rain“ hatte eine lange Vorgeschichte, ebenso „Back Off Bitch“. Auch „Dead Horse“ war keine spontane Eingebung kurz vor dem Veröffentlichungstermin.
Andere Songs nahmen während der schwierigen Vorbereitungsphase Gestalt an. 1989 versuchte die Band in Chicago, gemeinsam voranzukommen. Das funktionierte nur bedingt. Die Musiker waren längst nicht mehr selbstverständlich zur gleichen Zeit am gleichen Ort – körperlich wie gedanklich.
Slash beschrieb später außerdem unterschiedliche Vorstellungen vom neuen Material. Ihm wäre ein kürzeres, geradlinigeres Album durchaus recht gewesen. Axl wollte musikalisch weiter hinaus. Bemerkenswert finde ich, dass Slash trotz dieser Differenzen gerade die Arbeit an seinen Gitarrenparts als ausgesprochen erfüllend schilderte. Nachzulesen ist das in einem ausführlichen Interview über die Entstehung von „Use Your Illusion“ bei MusicRadar.
Für mich hört man diese Spannung auf den Platten. Da ist der Wille, alles größer zu machen. Gleichzeitig spielt diese Band noch immer mit einem Instinkt, der sich nicht vollständig kontrollieren lässt. Selbst in den aufwendigsten Arrangements gibt es Stellen, an denen eine Gitarre, eine Stimme oder ein Schlagzeug plötzlich alles an sich reißt.
Produziert wurde wieder mit Mike Clink, der bereits an „Appetite for Destruction“ gearbeitet hatte. Doch die Dimensionen waren inzwischen andere. Besonders anschaulich wird das in den Erinnerungen von Bill Price, der schließlich den Mix übernahm.
Zunächst hatte Bob Clearmountain an Mischungen gearbeitet, während Axl noch Gesang und Slash Gitarren in anderen Studios aufnahmen. Nach Prices Darstellung fehlte dabei die gemeinsame Abstimmung. Was einem gefiel, passte dem anderen nicht.
Bei „November Rain“ musste Price schließlich zahlreiche Aufnahmebänder und unterschiedliche Ideen zusammenführen. Er holte die Musiker gemeinsam ins Studio, um Entscheidungen zu treffen. Die schöne Überraschung seiner Erzählung: Als sie endlich beieinandersaßen, gingen sie ausgesprochen höflich und konstruktiv miteinander um. Man konnte also noch zusammenarbeiten. Es war nur offenbar schon ziemlich schwierig geworden, überhaupt dorthin zu kommen. Sein Interview mit dem Fachmagazin Mix erzählt diese Entstehungsgeschichte aus einer seltenen Perspektive.
Wenn ich heute „November Rain“, „Estranged“ oder „Coma“ höre, denke ich auch daran. Wie viele Entscheidungen in diesen Stücken stecken. Wie viel Geduld. Und wie erstaunlich es ist, dass aus einer derart komplizierten Zusammenarbeit Musik entstehen konnte, die sich stellenweise so selbstverständlich anfühlt.
Zwischen „Perfect Crime“ und „Estranged“
Dabei wäre es unfair, die beiden Alben nur auf ihre großen Epen zu reduzieren.
„Right Next Door to Hell“ macht unmissverständlich klar, dass hier noch immer ordentlich Druck vorhanden ist. „Perfect Crime“ braucht keine lange Anlaufstrecke. „Dust N’ Bones“ hat diesen lässigen, angeschlagenen Rock-’n’-Roll-Charakter, der für mich genauso zu Guns N’ Roses gehört wie die große Geste. Und „You Ain’t the First“ schafft auf einmal einen ganz anderen Raum.
Auf „Use Your Illusion II“ stehen mit „Civil War“, „Locomotive“ und „Estranged“ wiederum Stücke, in denen sich die Band Zeit nimmt, Spannung aufzubauen und mehrfach die Richtung zu wechseln. „You Could Be Mine“ bringt dagegen diese unmittelbare, aggressive Energie mit, bei der man nicht lange überlegen muss, weshalb diese Band so groß geworden war.
Eine eindeutige Trennung nach dem Muster „hier die harten Songs, dort die Balladen“ funktioniert bei diesen Alben nicht. Dafür sind beide zu widersprüchlich. Genau das macht sie für mich interessant.
Auch die Stimmen neben Axl verdienen Aufmerksamkeit. Izzy Stradlin tritt etwa bei „Dust N’ Bones“, „You Ain’t the First“ und „14 Years“ als Sänger hervor. Shannon Hoon, der Sänger von Blind Melon, ist unter anderem auf „Don’t Cry“ zu hören. Und in „The Garden“ begegnet einem tatsächlich Alice Cooper. Diese Gäste und wechselnden Stimmen erweitern die musikalische Welt der Platten noch einmal. Die Besetzungsangaben zu „Use Your Illusion I“ zeigen, wie viele Beiträge darin zusammenkommen.
Von Raffael zu Guns N’ Roses: die Geschichte der Cover
Und dann sind da natürlich diese beiden Cover.
Das eine gelb und rot, das andere blau und violett. Dasselbe Motiv, zwei völlig unterschiedliche Wirkungen. Für mich gehören diese Hüllen zu den Bildern, bei denen der Kopf sofort Musik abspielt.
Die Vorlage führt überraschend weit weg von Los Angeles: zu Raffael und seinem Fresko „Die Schule von Athen“ im Vatikan. Aus einem Detail dieser Renaissance-Darstellung entwickelte der Künstler Mark Kostabi das Bild, das schließlich auf beiden Alben landete. Wer das große Original einmal genauer ansehen möchte, findet es auf der Website der Vatikanischen Museen.
Die Geschichte dahinter hat Kostabi selbst erzählt: Sein Gemälde existierte bereits, und sein Bruder Paul hatte ihm den Titel „Use Your Illusion“ gegeben. 1990 wurde es in einer Galerie in Beverly Hills gezeigt. Axl kaufte das Bild und fragte anschließend, ob die Band sowohl das Motiv als auch den Titel verwenden dürfe. Nach Kostabis Erinnerung beschäftigte Axl sich damals beim Schreiben mit Illusionen. Albumtitel und Bild fanden auf diesem Weg zusammen. Die Geschichte steht in einem Interview mit Mark Kostabi.
Ich finde das im Nachhinein ausgesprochen passend. Diese nachdenkliche Figur, der kunsthistorische Hintergrund, die kräftigen Farben: Das hat etwas Rätselhaftes. Man bekommt keine einfache Erklärung geliefert, wie diese Musik zu verstehen ist.
Meine persönliche Lesart ist, dass die beiden Hüllen zusammen genau die Gegensätze ausdrücken, die ich auf den Alben höre. Hitze und Distanz. Angriff und Rückzug. Eine Band, die nach außen riesig erscheint und sich nach innen immer schwerer zusammenhalten kann. Eine verbindliche Erklärung der Farbwahl ist das natürlich nicht. Es ist das, was diese Bilder bei mir auslösen.
Zwei fremde Songs, unverkennbar Guns N’ Roses
Zum Thema Cover gehören aber auch zwei Songs, die Guns N’ Roses sich auf ihre Weise angeeignet haben: „Live and Let Die“ auf dem ersten und „Knockin’ on Heaven’s Door“ auf dem zweiten Album.
„Live and Let Die“, geschrieben von Paul und Linda McCartney und ursprünglich mit Wings veröffentlicht, passt mit seinen abrupten Wechseln zwischen Ruhe und Explosion erstaunlich gut in diese Phase der Band. Slash erzählte bereits 1991, dass Axl und er den Song seit Langem mochten. Die Idee, ihn aufzunehmen, entstand demnach aus einem Gespräch über mögliche Coverversionen. LOS40 fasst diese damaligen Aussagen und McCartneys spätere Reaktion zusammen.
Bob Dylans „Knockin’ on Heaven’s Door“ gehörte dagegen schon vor den „Illusion“-Alben zum Liverepertoire. Die Band hatte sich den Song über die Bühne erschlossen; eine Studiofassung erschien bereits 1990 auf dem Soundtrack zu „Days of Thunder“, bevor eine veränderte Version auf „Use Your Illusion II“ landete. Die Veröffentlichungsgeschichte der Aufnahme erklärt diesen Weg.
Beide Stücke wirken auf mich deshalb nicht wie Verlegenheitslösungen. An eigenem Material fehlte es offensichtlich nicht. Sie zeigen vielmehr, wie Guns N’ Roses Musik anderer in ihre eigene Sprache übersetzen konnten. Man erkennt die Vorlagen sofort – und hört trotzdem vom ersten Moment an diese Band.
„Dead Horse“ – mein absoluter Lieblingssong
Bei all den berühmten Songs, den großen Balladen und den riesigen Gitarrenmomenten gibt es für mich allerdings einen persönlichen Favoriten.
„Dead Horse“. Mein absoluter Lieblingssong.
Ich mag diesen zunächst fast unscheinbaren Einstieg. Die akustische Gitarre, die Stimme, dieses Gefühl, dass jemand einfach anfängt zu erzählen. Und dann geht der Song auf. Plötzlich ist der ganze Druck da.
Was mich daran bis heute packt, ist die Verbindung aus Erschöpfung und Energie. Ich höre darin jemanden, der genug hat und trotzdem noch einmal alles herauslässt. Der Song wirkt auf mich direkt, unruhig und lebendig. Er braucht nicht die Ausmaße eines „Coma“, um mich vollständig mitzunehmen.
Vielleicht ist das auch das Schöne an solchen persönlichen Lieblingssongs: Sie müssen keine Abstimmung gewinnen. Ich muss niemandem beweisen, dass „Dead Horse“ der wichtigste Titel dieser beiden Alben ist. Er ist derjenige, zu dem ich immer wieder zurückkehre.
Hier gehört er deshalb hin. Laut machen.
(Das Video wird von YouTube eingebettet und erst beim Klick auf den Play-Button von dort geladen und abgespielt. Ab dann gelten die Datenschutzerklärungen von Google.)
Die ersten Risse: Steven Adler war schon nicht mehr dabei
Wenn ich mich heute mit der Geschichte dieser Alben beschäftige, bleibt neben der Begeisterung allerdings ein bitterer Gedanke: Während wir diese Band gerade noch einmal neu kennenlernten, war in ihr bereits vieles kaputt.
Steven Adler war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schon kein Mitglied mehr. Er wurde 1990 im Zusammenhang mit seinen schweren Suchtproblemen entlassen. Matt Sorum übernahm das Schlagzeug. Auf „Civil War“ ist Adler noch zu hören – innerhalb dieses großen neuen Projekts also auch ein letztes Stück der alten Besetzung. Mit Dizzy Reed war außerdem ein Keyboarder hinzugekommen. Die personellen Veränderungen sind in der Dokumentation zu „Use Your Illusion I“ zusammengefasst.
Die Berichte der Beteiligten über Adlers Abschied sind schmerzhaft. Duff und Slash beschrieben später, dass er aus ihrer Sicht nicht mehr zuverlässig spielen konnte. Adler wiederum betonte, dass er keineswegs der Einzige mit massiven Drogenproblemen gewesen sei. In diesen Erinnerungen steckt viel Verletzung. Der ausführliche Rückblick von Classic Rock bei Louder lässt mehrere Beteiligte zu Wort kommen.
Für mich verändert ein solcher Wechsel mehr als den Klang des Schlagzeugs. Eine Band entsteht auch daraus, wie Menschen aufeinander reagieren. Wer beschleunigt, wer bremst, wer eine Lücke lässt. Matt Sorum gab den neuen Songs eine enorme Wucht. Trotzdem war mit Steven bereits jemand verschwunden, der zu diesem ursprünglichen Zusammenspiel gehört hatte.
Izzy geht – mitten auf dem Höhepunkt
Noch deutlicher wird das für mich bei Izzy Stradlin.
Wer vor allem Axl und Slash im Kopf hat, unterschätzt leicht, wie viel Izzy zum Charakter von Guns N’ Roses beitrug. Seine Songs, seine Rhythmusgitarre, seine unaufgeregte Art zu singen: Auf „Use Your Illusion“ lässt sich das besonders gut hören.
Im November 1991 verließ er die Band. Die Alben waren gerade erst erschienen.
Izzy hatte sich inzwischen von Drogen und Alkohol gelöst und erlebte das Umfeld zunehmend als Belastung. In einem späteren Interview schilderte er, wie schwierig es gewesen sei, nüchtern in diese Situation zurückzukehren. Dazu kamen unberechenbare Konzerte und Axls Verhalten auf Tour. Seine Darstellung ist in einer französischen Archivübersetzung des Classic-Rock-Interviews von 2001 nachzulesen.
Aus dieser Perspektive wirkt sein Abschied auf mich sehr nachvollziehbar. Von außen sah man eine Band auf dem Höhepunkt. Von innen konnte genau dieser Höhepunkt ein Zustand sein, aus dem man dringend herausmusste.
Gilby Clarke übernahm seinen Platz. Die Tour ging weiter.
Eine Welttournee, auf der man sich verlor
Und diese Tour ist für mich ein entscheidender Teil der Geschichte. Die große Tournee lief bereits ab Mai 1991, Monate vor der Veröffentlichung, und endete erst im Juli 1993. Neue Musik, deren endgültige Fassung das Publikum noch gar nicht kannte, traf auf eine riesige Erwartungshaltung. Der Überblick zur „Use Your Illusion Tour“ macht deutlich, über welchen Zeitraum sich dieses Unternehmen erstreckte.
Die berühmten Eskalationen gehören ebenfalls dazu. Im Juli 1991 kam es beim Konzert in der Nähe von St. Louis nach Axls Sprung ins Publikum wegen einer Kamera und dem anschließenden Abbruch zu Ausschreitungen. Im August 1992 folgte das Desaster von Montreal: Zunächst wurde James Hetfield bei Metallicas Auftritt durch einen Pyrotechnikunfall verletzt. Später brachen auch Guns N’ Roses ihren Auftritt vorzeitig ab; danach eskalierte die Situation im Publikum. Ein zeitgenössischer UPI-Bericht dokumentiert die Ereignisse.
Solche Geschichten gehören inzwischen zur Rockfolklore. Für die Menschen vor Ort waren sie allerdings sehr konkret: Warten, Enttäuschung, Verletzungen, Angst. Und für eine Band, in der ohnehin Spannungen herrschten, bedeutete jeder solche Abend zusätzlichen Druck.
Ich glaube nicht, dass diese Tour allein Guns N’ Roses auseinandergebracht hat. Dafür waren die Probleme schon vorher zu groß. Aber ich sehe in ihr einen Verstärker. Man konnte weiterreisen, weiter auftreten und weiter funktionieren, während man sich persönlich immer weniger zu sagen hatte.
Slash beschrieb später genau diesen Widerspruch: Solange die Tour lief, ging es weiter. Danach wurde ihm bewusst, wie weit Axl und er sich voneinander entfernt hatten und wie sehr Steven und Izzy fehlten. Auch diese Rückschau findet sich im Classic-Rock-Beitrag über die „Illusion“-Jahre.
Dabei will ich die Geschichte nicht auf einen einzigen Schuldigen reduzieren. Zu viele starke Persönlichkeiten, unterschiedliche musikalische Wünsche, Suchtprobleme, Erschöpfung und verletzte Beziehungen kamen zusammen. Matt Sorum beschrieb das spätere Auseinanderbrechen rückblickend ebenfalls als ein kompliziertes Zusammenspiel von Persönlichkeiten und Umständen. Blabbermouth dokumentiert seine Aussagen.
Der Abschied zog sich über Jahre hin
Und noch etwas gehört zur Genauigkeit: Guns N’ Roses lösten sich nach der Tour nicht offiziell auf. Der Zerfall dieser Besetzung zog sich über Jahre hin. Slashs Ausstieg wurde 1996 öffentlich, Matt Sorum und Duff McKagan folgten 1997. Axl führte die Band mit anderen Musikern weiter. Dass Slash und Duff 2016 zurückkehrten, gehört zu einem späteren Kapitel dieser Geschichte.
Wenn ich sage, dass damals schon vieles in Brüche ging, meine ich deshalb vor allem das ursprüngliche Gefüge. Das Gefühl einer Band, deren Mitglieder bei allen Unterschieden noch gemeinsam in dieselbe Richtung ziehen.
Vielleicht berühren mich „Use Your Illusion I“ und „II“ heute auch deshalb so sehr. Ich höre fantastische Musik und weiß inzwischen, wie fragil die Zusammenarbeit dahinter bereits war. Diese Alben halten einen Moment fest, in dem noch unglaublich viel möglich war. Gleichzeitig lässt sich im Rückblick erkennen, wie schwer es werden würde, daran gemeinsam anzuknüpfen.
35 Jahre später – und der Kopfhörer ist wieder da
Natürlich könnte man aus den 30 Tracks ein kürzeres Album zusammenstellen. Darüber lässt sich wunderbar diskutieren. Jeder würde andere Songs streichen. Spätestens bei „Dead Horse“ wären wir dann vermutlich nicht mehr einer Meinung.
Aber ich möchte diese beiden Alben gar nicht nachträglich zurechtschneiden. Ihre Länge, ihre Sprünge und ihre gelegentliche Maßlosigkeit gehören für mich dazu. Ich habe sie genau so kennengelernt. Und ich habe erlebt, wie sich zwischen den offensichtlichen Höhepunkten mit der Zeit immer mehr Lieblingsstellen auftaten.
Am Anfang wollte ich einfach diese zwei CDs haben.
Heute hängen daran 35 Jahre Erinnerung.
An eine Musikabteilung. An eine Warteschlange. An einen Kopfhörer. An einen Verkäufer, der mich noch einmal nach Hause schickte. Und an das Gefühl, sie irgendwann endlich in den Händen zu halten.
Wenn jetzt „Dead Horse“ anfängt, ist das alles wieder erstaunlich nah.



