Nach zwei Folgen ist meine Begeisterung zurück: HBO und DC erzählen Green Lantern nicht als lärmenden Blockbuster, sondern als düsteres, überraschend menschliches Ermittlungsdrama. Eine persönliche Liebeserklärung – und ein hoffnungsvoller Blick auf das, was eine Comic-Adaption noch sein kann.
Ich hatte mich eigentlich längst verabschiedet.
Nicht von Comics. Nicht von Superhelden. Und schon gar nicht von jenem Gefühl, das mich als kleinen Jungen erfasste, wenn ich endlich den neuesten Spider-Man-Comic in den Händen hielt. Verabschiedet hatte ich mich von dem, was Kino und Streaming in den vergangenen Jahren viel zu oft daraus gemacht haben: berechnete Markenpflege, endlose Neuauflagen, Merchandising mit Dialog und große Materialschlachten, bei denen die eigentlichen Figuren irgendwo zwischen Explosion Nummer sieben und dem nächsten Spin-off verloren gehen.
Wie oft kann man dieselbe Entstehungsgeschichte noch einmal erzählen? Wie oft braucht es eine neue Version von Spider-Man? Wie viele Hinweise auf das nächste „große Ereignis“ muss eine Geschichte enthalten, bevor sie einfach wieder eine Geschichte sein darf?
Und dann kommt „Lanterns“.

Endlich. Dieses Wort fällt mir kein zweites Mal ein, das besser passen würde.
Keine Weltenrettung im Minutentakt
„Lanterns“ macht schon in den ersten beiden Folgen etwas, das im Superheldengenre beinahe radikal wirkt: Die Serie nimmt sich Zeit. Sie lärmt nicht ununterbrochen. Sie wirft nicht alle paar Minuten einen computergenerierten Gegner auf die Leinwand, nur damit auch wirklich niemand zum Nachdenken kommt.
Stattdessen begegnen wir zwei Männern, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Kyle Chandler spielt Hal Jordan, den erfahrenen, abgeklärten und längst nicht mehr unverwundbar wirkenden Lantern-Veteranen. Aaron Pierre ist John Stewart, der kontrollierte, wachsame Rekrut, der nicht bereit ist, seinem Mentor einfach blind zu folgen. Gemeinsam untersuchen sie einen Mord im amerikanischen Hinterland – eine zunächst kleine, erdgebundene Geschichte mit kosmischen Verbindungen.
Das ist weniger „Avengers“ als „True Detective“, weniger Dauerfeuer als Charakterstudie. HBO selbst beschreibt Hal und John als zwei intergalaktische Polizisten, die in ein dunkles, auf der Erde verankertes Rätsel hineingezogen werden. Showrunner Chris Mundy, bekannt durch „Ozark“ und seine Arbeit an „True Detective: Night Country“, entwickelt die Serie zusammen mit Damon Lindelof („Lost“, „The Leftovers“, „Watchmen“) und dem vielfach ausgezeichneten Comic-Autor Tom King. Die ersten beiden Folgen inszenierte James Hawes. Diese Mischung aus Krimierfahrung, HBO-Erzähltradition und echter Comic-Kenntnis ist kein Zufall – man spürt sie in fast jeder Szene. Die offiziellen Produktionsangaben von HBO nennen außerdem James Gunn und Peter Safran als ausführende Produzenten.
Zwei Helden, die nicht so tun müssen, als wären sie makellos
Die eigentliche Superkraft der Serie liegt für mich bisher nicht in den Ringen. Sie liegt in der Reibung zwischen Hal Jordan und John Stewart.
Chandlers Hal besitzt Charme, Erfahrung und Autorität – aber auch Müdigkeit, Selbstüberschätzung und etwas tief Beschädigtes. Pierres John wirkt äußerlich beherrscht, trägt seine Wut und seine Zweifel jedoch ständig unter der Oberfläche. Der eine hat zu viel gesehen, der andere will erst noch herausfinden, worauf er sich eingelassen hat. Aus diesem Gegensatz entsteht eine Spannung, die kein Weltuntergangsszenario ersetzen kann.
Streng genommen sind Green Lanterns keine klassischen Antihelden. Aber „Lanterns“ interessiert sich genau für jene Risse, die mich an den dunkleren Figuren des DC-Universums immer stärker angezogen haben als an glatt polierten Lichtgestalten. Es geht um Schuld, Verantwortung, Angst, Macht und die Frage, ob ein Ring einen Menschen tatsächlich zum Helden macht – oder nur sichtbarer werden lässt, wer er schon vorher war.
Vielleicht liegt mir DC deshalb seit jeher näher als Marvel. Bei DC stand für mich hinter dem Kostüm oft ein Abgrund. Batman war nie bloß ein Mann mit technischen Spielzeugen, sondern ein Mensch, der aus einem Trauma eine Mission gemacht hat. Spätestens nach Christopher Nolans „The Dark Knight“-Trilogie war für mich im Kino kaum noch etwas zu sehen, das dieselbe Schwere und Konsequenz besaß. „Lanterns“ kopiert Nolan nicht. Aber die Serie nimmt ihre beschädigten Figuren ähnlich ernst.
Ein grünes Licht mit langer Geschichte
Dabei ist Green Lantern alles andere als eine neue Erfindung. Der erste Held mit diesem Namen, Alan Scott, erschien bereits 1940. Die heute bekannte kosmische Mythologie begann jedoch 1959: In „Showcase #22“ schufen Autor John Broome und Zeichner Gil Kane den Testpiloten Hal Jordan, der den Ring eines sterbenden außerirdischen Hüters erhält. Aus einem einzelnen Helden wurde ein Mitglied des Green Lantern Corps – einer Art intergalaktischer Ordnungsmacht, die das Universum in Sektoren bewacht. DC führt Hal Jordans Debüt offiziell auf 1959 zurück.
John Stewart folgte 1971 in „Green Lantern #87“, geschaffen von Denny O’Neil und Neal Adams. Zunächst war er als Ersatz für Hal Jordan vorgesehen; später wurde er selbst zu einem der bedeutendsten Anführer des Corps. In den Comics ist er nicht nur ehemaliger Marine, sondern auch Architekt – einer, der die Konstruktionen seines Rings gedanklich bis zur letzten Schraube durchbaut. DC beschreibt ihn heute als einen der herausragenden menschlichen Lanterns.
Gerade diese Geschichte macht die Besetzung mit Aaron Pierre so passend. Pierre, der unter anderem in „Rebel Ridge“ und als Malcolm X in „Genius: MLK/X“ überzeugte, verbindet enorme körperliche Präsenz mit bemerkenswerter Ruhe. Kyle Chandler wiederum bringt nach „Friday Night Lights“ und „Bloodline“ genau jene Mischung aus Wärme, Autorität und innerer Erschöpfung mit, die Hal Jordan hier benötigt. Ergänzt werden sie unter anderem von Kelly Macdonald als Sheriff Kerry, Garret Dillahunt, Poorna Jagannathan, Nathan Fillion, Ulrich Thomsen, Jason Ritter und Laura Linney.
Der lange Weg vom geplanten Spektakel zum HBO-Drama
Dass „Lanterns“ heute so aussieht, war keineswegs von Anfang an geplant. Bereits vor der Pandemie arbeitete Produzent Greg Berlanti an einer Green-Lantern-Serie für HBO Max. Diese frühere Fassung sollte stärker als große Space Opera funktionieren und verschiedene Lantern-Figuren in den Mittelpunkt stellen. Sie wurde jedoch nie realisiert.
Nach der Neuaufstellung von DC Studios unter James Gunn und Peter Safran entstand ein anderes Konzept. Anfang 2023 wurde „Lanterns“ als erdgebundene Detektivgeschichte über Hal Jordan und John Stewart vorgestellt – ausdrücklich näher an „True Detective“ als an einer klassischen Weltraumoper. TIME dokumentierte damals den kreativen Neustart. Der Autorenstreik von 2023 unterbrach anschließend die Arbeit. Im Juni 2024 bestellte HBO schließlich acht Folgen direkt zur Serie; im Februar 2025 begannen die Dreharbeiten auf dem Warner-Bros.-Gelände in Burbank.
Tom Kings persönliche Verbindung zum Schauplatz ist besonders schön: Seine Großmutter stammte aus Rushville, Nebraska, jener realen Kleinstadt, in der die Serie spielt. In einem ausführlichen Gespräch mit dem Magazin der Television Academy beschreibt King die Erinnerungen seiner Großmutter an einen scheinbar idyllischen Ort voller verschwiegener Geschichten. Genau dieses Gefühl prägt „Lanterns“: Unter der ruhigen Oberfläche stimmt etwas nicht.
Wie kommt „Lanterns“ an?
Erstaunlich gut – und zwar nicht nur bei alten Comic-Haudegen wie mir.
Am 28. August 2026, nach zwei ausgestrahlten Folgen, weist Rotten Tomatoes für die erste Staffel 94 Prozent positive Kritiken aus 98 Rezensionen aus; die Publikumswertung liegt bei 82 Prozent aus mehr als 1.000 Bewertungen. Metacritic kommt auf 71 von 100 Punkten aus 35 Kritiken – „generally favorable“, also überwiegend positiv.
Besonders häufig gelobt werden die Chemie zwischen Chandler und Pierre, die Figurenzeichnung und der Mut, das Spektakel zugunsten einer ernsthaften Geschichte zurückzufahren. Die Kritik ist allerdings nachvollziehbar: Einigen Rezensenten ist die Serie zu langsam, zu verschachtelt und für eine Green-Lantern-Adaption nicht kosmisch genug. Wer gewaltige Weltraumschlachten und im Sekundentakt erschaffene Ring-Konstruktionen erwartet, könnte enttäuscht werden. Der Überblick von Rotten Tomatoes über die ersten Kritiken bringt diesen Gegensatz gut auf den Punkt: starke Figuren und starke Hauptdarsteller auf der einen, bewusst gebremstes Superheldenspektakel auf der anderen Seite.
Auch das Publikum war vom Start weg groß. Nach von HBO beziehungsweise Warner Bros. Discovery veröffentlichten Zahlen erreichte die Premiere innerhalb der ersten drei Tage 9,3 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer weltweit. Damit war sie der bislang größte HBO-Max-Serienstart von DC Studios und gehörte zu den fünf größten Serienpremieren der Plattform überhaupt, wie TheWrap berichtet. Solche Streamingzahlen stammen vom Anbieter selbst und sind mit etwas Vorsicht zu lesen – ein starkes Signal sind sie trotzdem.
Warum mich diese Serie wieder hoffen lässt
Natürlich habe auch ich erst zwei Folgen gesehen. Vielleicht verliert sich „Lanterns“ noch in der eigenen Mythologie. Vielleicht hält das Geheimnis nicht, was der Auftakt verspricht. Eine endgültige Bewertung wäre jetzt vermessen.
Aber dieses seltene Gefühl ist wieder da: Vorfreude.
Ich kann es kaum erwarten, bis die nächste Folge erscheint. Nicht, weil mir am Ende der Episode schon der nächste Film, das nächste Spin-off oder die nächste Actionfigur verkauft wurde. Sondern weil ich wissen möchte, was mit diesen Menschen geschieht. Weil die Figuren widersprüchlich sind. Weil die Serie Geheimnisse zulässt. Weil sie mir nicht alle drei Minuten zuruft, wie groß und wichtig ihr Universum ist.
Die erste Staffel umfasst acht Folgen und läuft wöchentlich bis zum 4. Oktober 2026. Eine zweite Staffel ist noch nicht offiziell bestellt, obwohl bereits an möglichen weiteren Geschichten gearbeitet wird. Das ist vielleicht ganz gesund: Erst einmal diese Geschichte erzählen. Erst einmal zeigen, dass eine Comic-Adaption mehr sein kann als die nächste Position in einem Veröffentlichungsplan.
Ich wünsche mir mehr davon. Mehr Mut zur Eigenständigkeit. Mehr Vertrauen in Schauspieler und Autoren. Mehr Serien und Filme, die ihre Vorlagen nicht nur als Markenlager betrachten, sondern als Geschichten über Angst, Verantwortung, Verlust und Hoffnung.
„Lanterns“ bringt mich nach zwei Folgen näher an jenes Gefühl zurück, das ich als kleiner Bub kannte, wenn ein neuer Comic auf mich wartete: diese Mischung aus Staunen, Ungeduld und dem sicheren Wissen, dass sich gleich eine andere Welt öffnen wird.
Für mich ist die Serie deshalb schon jetzt eine absolute Empfehlung – ausgesprochen von einem alten Haudegen, der wahrhaftig schon vieles gesehen hat und trotzdem noch einmal überrascht werden wollte.
Endlich.
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