Wie viele Österreicher braucht es, um eine Glühbirne einzuschrauben?

Keine Ahnung. Und ehrlich gesagt ist die Frage inzwischen interessanter als die Pointe: Warum waren es ausgerechnet die Österreicher, über die wir Schweizer in den Achtziger- und Neunzigerjahren so gerne Witze machten?

Wer damals zur Schule ging, in einer Fußballkabine saß, am Stammtisch zuhörte oder gelegentlich eines jener Witzbücher in die Hände bekam, begegnete ihnen zwangsläufig: den Österreicherwitzen. Sie gehörten beinahe zum festen Bestand der volkstümlichen Unterhaltung. Manche waren harmlos, andere ziemlich einfältig – und sehr viele waren austauschbar. Man hätte „Österreicher“ problemlos durch „Deutscher“, „Appenzeller“, „Ostfriese“, „Burgenländer“ oder irgendeinen anderen vermeintlich sonderbaren Menschenschlag ersetzen können.

Wahrscheinlich war dies bereits die erste Pointe: Der Witz sagte oft weniger über die Verspotteten aus als über diejenigen, die ihn erzählten.

Aber weshalb traf es aus Schweizer Sicht so häufig Österreich? Warum nicht Luxemburg? Warum nicht Portugal? Weshalb nicht Kanada?

Vielleicht, weil Österreich nahe genug liegt, um vertraut zu sein, und doch weit genug entfernt, um Unterschiede zu entdecken. Weil man sich versteht – sprachlich meistens jedenfalls –, ohne sich vollkommen gleich zu fühlen. Und weil die beiden Länder in mancher Hinsicht tatsächlich auf Augenhöhe stehen.

Fast gleich groß – sofern man die Landkarte zusammenfaltet

Die Schweiz und Österreich haben heute nahezu gleich viele Einwohnerinnen und Einwohner. Ende 2025 lebten in der Schweiz rund 9,12 Millionen Menschen; Österreich zählte Anfang 2026 rund 9,22 Millionen. Flächenmäßig sieht es anders aus: Österreich ist mit ungefähr 84.000 Quadratkilometern etwa doppelt so groß wie die Schweiz. Bevölkerungsmäßig begegnen wir uns also fast auf Augenhöhe, geografisch besitzt Österreich einfach etwas mehr Platz, um seine Berge abzustellen. (Bundesamt für Statistik, österreichisches Migrationsportal)

Beide Länder sind wohlhabende, föderal organisierte Alpenrepubliken. Beide betrachten ihre Landschaft gerne als außergewöhnlich, ihre Lebensart als vernünftig und ihre Neutralität als historisch gewachsen. Beide verfügen über genügend Berge, Kühe, Trachten, Blasmusik und regionale Eigenheiten, um sich gegenseitig sehr ähnlich zu sein – und diese Ähnlichkeit anschließend energisch zu bestreiten.

Die Schweiz sagt: „Wir sind nicht Österreich.“

Österreich antwortet: „Das hätten wir auch nicht behauptet.“

Und schon ist die nachbarschaftliche Ordnung wiederhergestellt.

Gerade diese Nähe macht den Witz möglich. Über einen völlig fremden Menschen kann man sich nicht auf dieselbe Weise lustig machen. Dazu fehlt das gemeinsame Bezugssystem. Nachbarschaftshumor braucht Wiedererkennung: ähnliche Wörter, ähnliche Gewohnheiten, ähnliche Ängste – und ein paar Unterschiede, die sich herrlich übertreiben lassen.

Der Witz über den Nachbarn ist deshalb oft ein Selbstporträt mit vertauschtem Namensschild.

Was der Österreicherwitz über uns Schweizer verrät

Der traditionelle Österreicherwitz stellte den Österreicher gerne als etwas begriffsstutzig, umständlich oder weltfremd dar. Das war natürlich keine sachliche Beschreibung eines Landes, das Mozart, Freud, Wittgenstein, Schrödinger, Zweig und zahllose weitere kluge Köpfe hervorgebracht hat. Es war eine bequeme Folie, vor der man sich selbst für besonders vernünftig halten konnte.

Wenn wir Schweizer über den angeblich unorganisierten Österreicher lachten, lobten wir insgeheim unsere eigene Ordnungsliebe. Wenn wir ihm sprachliche Missverständnisse unterstellten, feierten wir unseren vermeintlich nüchternen Verstand. Und wenn der österreichische Nachbar im Witz wieder einmal nicht merkte, was offensichtlich war, konnten wir uns für einen Moment einbilden, wir Schweizer hätten die Welt vollständig begriffen.

Was spätestens bei der nächsten Steuererklärung widerlegt wurde.

Umgekehrt existieren selbstverständlich auch österreichische Vorstellungen über die Schweiz: Wir seien langsam, übervorsichtig, verschlossen, humorarm, geldverliebt und so neutral, dass wir uns selbst bei der Wahl des Mittagessens enthielten.

Der Schweizer plant den Witz sorgfältig, prüft seine finanziellen Auswirkungen und lässt anschließend darüber abstimmen. Der Österreicher erzählt ihn währenddessen bereits im Kaffeehaus – und vermutlich besser.

Solche Bilder sind ungerecht. Aber sie funktionieren, weil sie einen winzigen erkennbaren Kern besitzen, der dann bis zur Unkenntlichkeit aufgeblasen wird. Genau davon lebt der Nationalitätenwitz.

In den Achtziger- und Neunzigerjahren verbreiteten sich solche Witze über Schulhöfe, Stammtische, Vereinslokale, Radio, Fernsehen und Witzbücher. Es gab noch keine sozialen Medien, in denen täglich neue Pointen um die Welt rasten. Dafür wurde derselbe Witz über Jahre weitergetragen, leicht verändert und dem jeweils passenden Nachbarn angepasst. Viele dieser Pointen waren Wanderwitze: Sie wechselten Landesgrenzen und Opfer schneller als ein Skitourist die Piste.

Die Habsburger: ein früher Schweizer Exportartikel

Die besondere Beziehung zwischen der Schweiz und Österreich besitzt auch einen geschichtlichen Untergrund.

Die Habsburger, deren Name später untrennbar mit Österreich und einem gewaltigen europäischen Reich verbunden war, stammten ursprünglich aus dem Gebiet des heutigen Kantons Aargau. Die Habsburg, die Stammburg des Geschlechts, steht noch immer dort.

Man könnte also augenzwinkernd behaupten: Die Habsburger waren einer der erfolgreichsten Schweizer Exportartikel der Geschichte. Wir lieferten Österreich eine Dynastie – und verbrachten danach mehrere Jahrhunderte damit, uns gegen sie zu wehren.

Ganz so einfach ist es selbstverständlich nicht. Die Auseinandersetzungen des Mittelalters waren keine Fußballspiele zwischen den heutigen Nationalstaaten Schweiz und Österreich. Es ging um Herrschaftsrechte, Territorien, Verkehrswege und dynastische Macht. Die moderne Schweiz und das heutige Österreich existierten in dieser Form noch nicht. Dennoch spielte der Widerstand gegen habsburgische Ansprüche in der Entstehungsgeschichte der Alten Eidgenossenschaft eine wichtige Rolle. Die traditionelle schweizerische Erzählung beginnt 1291 mit dem Bündnis dreier Talschaften gegen fremde Herrschaft und führt über Konflikte wie Morgarten und Sempach weiter. (Geschichte der Schweiz, EDA)

Schon damals zeigten sich unterschiedliche Entwicklungen. Aus dem österreichischen Raum entstand im Laufe der Jahrhunderte das Zentrum eines großen, vielsprachigen Reiches. Die Schweiz entwickelte sich zu einem lockeren Bündnis kleiner Gebiete, später zu einem föderalen Bundesstaat.

Österreich hatte Wien, den Kaiserhof und die große europäische Bühne. Die Schweiz hatte Kantone, Tagsatzungen und Menschen, die bereits damals fanden, Bern solle sich nicht überall einmischen.

Diese unterschiedlichen historischen Erfahrungen wirken bis heute nach. Österreich besitzt eine starke kulturelle Erinnerung an die einstige Großmacht, selbst wenn man darüber längst ebenso ironisch wie nostalgisch spricht. Die Schweiz pflegt dagegen das Bild des kleinen, eigensinnigen Gemeinwesens, das sich aus den Angelegenheiten der Großen möglichst heraushält – wirtschaftliche Vorteile ausgenommen.

Zwei Arten von Neutralität

Auch politisch sehen sich beide Länder ähnlich, ohne dass sie identisch wären.

Die Schweiz beruft sich auf eine international anerkannte, dauernde Neutralität, deren Grundlagen auf das Jahr 1815 zurückgehen. Sie ist kein Mitglied der Europäischen Union und regelt ihr Verhältnis zur EU hauptsächlich über bilaterale Abkommen. Der UNO trat sie erst 2002 bei – nach einer Volksabstimmung, versteht sich. (Neutralität der Schweiz)

Österreich erklärte 1955 seine immerwährende Neutralität, orientierte sich dabei teilweise am schweizerischen Vorbild und trat 1995 der Europäischen Union bei. Als EU-Mitglied beteiligt sich Österreich an der gemeinsamen europäischen Außen- und Sicherheitspolitik. Seine Neutralität wird daher in einem anderen politischen Umfeld gelebt und diskutiert als jene der Schweiz. (Österreichisches Parlament)

Beide Länder nennen sich neutral, aber sie meinen damit nicht in jeder Situation dasselbe. Das ist ungefähr wie beim Wort „Rahm“: Man versteht, worum es geht, bis ein Österreicher „Obers“ sagt und plötzlich eine Grundsatzdiskussion beginnt.

Die politischen Systeme unterscheiden sich ebenfalls deutlich. Die Schweiz kennt den siebenköpfigen Bundesrat, die Konkordanz, häufige Volksabstimmungen und 26 Kantone, die sich ihre Eigenständigkeit nicht nur auf die Fahnen schreiben, sondern gelegentlich auch auf Verkehrsschilder.

Österreich ist eine parlamentarische Republik mit Bundespräsident, Bundeskanzler und neun Bundesländern. Auch dort ist Föderalismus wichtig, doch die politische Dramaturgie wirkt oft personenzentrierter und temperamentvoller. Während eine österreichische Regierungskrise durchaus abendfüllendes Fernsehen hervorbringen kann, sieht eine schweizerische Regierungskrise manchmal aus wie eine etwas angespanntere Sitzung der Geschäftsprüfungskommission.

Der Skizirkus: Wo Freundschaft für zwei Minuten aufhört

Nirgendwo wird die nachbarschaftliche Konkurrenz sichtbarer als im alpinen Skisport.

Die Berge verbinden uns, die Rangliste trennt uns.

Wenn ein Schweizer einen Österreicher um drei Hundertstelsekunden schlägt, handelt es sich selbstverständlich um das Ergebnis hervorragender Ausbildung, technischer Präzision und mentaler Stärke. Gewinnt der Österreicher, hatte er vermutlich bessere Sicht, die günstigere Startnummer oder einen besonders hilfreichen Windstoß.

Österreich sieht es vermutlich genau umgekehrt.

Der alpine Skisport ist für beide Länder mehr als eine Freizeitbeschäftigung. Er gehört zur nationalen Selbstdarstellung. Skirennen schaffen Helden, Dramen, Tragödien und jene eigenartige Situation, in der Millionen Menschen auf dem Sofa darüber urteilen, ob ein Athlet bei Tempo 120 die Innenkante etwas früher hätte belasten sollen.

(Wenn Schweizer Präzision auf österreichischen Genuss trifft, endet selbst ein Skirennen mit einem freundschaftlichen Handschlag – KI-generiert)

Historisch war Österreich im alpinen Rennsport überaus erfolgreich; die Schweiz erlebte ihrerseits große Epochen, Krisen und Wiederaufstiege. Eine kulturhistorische Untersuchung des Internationalen Zentrums für Sportwissenschaft beschreibt Skifahren denn auch als wesentlichen Teil der gesellschaftlichen Identität beider Länder. (CIES: Shared Tracks – Skiing in Austria and Switzerland)

Vielleicht eignete sich Österreich auch deshalb so gut als Zielscheibe schweizerischer Witze: Es war sportlich kein unbedeutender Gegner, sondern ein ernst zu nehmender Rivale. Über jemanden, der ständig verliert, macht man sich irgendwann nicht mehr lustig. Interessant bleibt derjenige, der morgen gewinnen könnte.

Der Sport gab dem Nachbarschaftswitz eine Rangliste, Zwischenzeiten und ein jährliches Wiederholungsritual. Man stritt sich über Abfahrten, Trainer, Material und Kommentatoren – und traf sich anschließend beim Après-Ski, wo nationale Grenzen ohnehin spätestens nach dem zweiten Lied verschwammen.

Und dann wäre da noch der Fußball

Im Fußball ist die Rivalität weniger dauerhaft aufgeladen als im Skisport. Die Schweiz misst sich emotional oft an Deutschland, Italien oder Frankreich; Österreich blickt seinerseits besonders intensiv nach Deutschland und in den mittel- und südosteuropäischen Raum.

Trotzdem bietet gerade der Fußball genügend Stoff. Ein legendäres Kapitel war die Weltmeisterschaft 1954, als Österreich die Schweiz im Viertelfinale von Lausanne mit 7:5 besiegte. Zwölf Tore, große Hitze und zwei Mannschaften, die offenbar gemeinsam beschlossen hatten, die Verteidigung für einen Nachmittag als unverbindliche Empfehlung zu betrachten.

2008 veranstalteten Österreich und die Schweiz gemeinsam die Europameisterschaft. Das war gelebte Nachbarschaft: Wir teilten Stadien, Organisation, Euphorie – und schieden beide nach der Vorrunde aus. Gleichberechtigung kann sehr konsequent sein.

Im Fußball wie im Skisport geht es jedoch um mehr als Ergebnisse. Kleine Länder lieben den Sport auch deshalb, weil er ihnen eine Bühne bietet, auf der Fläche, Bevölkerungszahl und politische Macht für neunzig Minuten keine Rolle spielen. Plötzlich kann ein Alpenland eine Großmacht schlagen – und am nächsten Morgen mit leicht heiserer Stimme behaupten, man habe es schon immer gewusst.

Was uns tatsächlich verbindet

Unterhalb aller Witze und Rivalitäten sind die Verbindungen eng.

Die Schweiz und Österreich teilen einen bedeutenden Kultur- und Sprachraum, eine gemeinsame Grenze, alpine Lebenswelten, wirtschaftliche Interessen und zahllose persönliche Beziehungen. Besonders im Rheintal, in Vorarlberg sowie rund um den Bodensee ist die Staatsgrenze im Alltag oft weniger wichtig, als Hauptstädte vermuten lassen.

Ein Vorarlberger Dialekt kann einem Ostschweizer sprachlich näher sein als manches Deutsch aus Wien. Die Menschen pendeln zur Arbeit, kaufen jenseits der Grenze ein, besuchen Konzerte, Verwandte und Sportveranstaltungen. Nach Angaben des österreichischen Außenministeriums überqueren allein rund 9.000 Berufspendlerinnen und Berufspendler regelmäßig die Grenze in Richtung Schweiz. (BMEIA)

Auch wirtschaftlich ist die Beziehung bedeutend. 2024 betrug das Handelsvolumen laut dem Schweizer Außendepartement rund 17,2 Milliarden Franken. Ende 2024 lebten über 48.000 österreichische Staatsangehörige in der Schweiz und rund 18.700 Schweizerinnen und Schweizer in Österreich. Seit 2021 besteht zudem eine strategische Partnerschaft, die unter anderem Außenpolitik, Wirtschaft, Forschung, Innovation, Bildung und Kultur umfasst. (EDA: Bilaterale Beziehungen Schweiz–Österreich)

Die Beziehungen sind heute eng, freundschaftlich und weitgehend konfliktfrei. Es gibt unterschiedliche Interessen bei europäischen Fragen, beim Verkehr durch den Alpenraum, bei Energie, Migration, Steuern oder grenzüberschreitender Infrastruktur. Doch das sind Auseinandersetzungen innerhalb einer belastbaren Nachbarschaft, keine grundlegenden Gegensätze.

Dass ein Schweizer Bundespräsident oder eine Bundespräsidentin die erste Auslandsreise traditionell nach Österreich unternimmt, besitzt deshalb mehr als symbolische Bedeutung: Man kennt sich, man braucht sich, und man weiß, dass gute Nachbarschaft nicht von selbst entsteht.

Wo wir uns finden

Wir finden uns in der Liebe zu den Bergen – auch wenn wir uns über deren richtige Nutzung nicht immer einig sind.

Wir finden uns in der Überzeugung, dass ein Tunnel durch einen Berg vernünftiger ist, als dem Berg das letzte Wort zu überlassen.

Wir finden uns im Vereinsleben, in der Blasmusik, im Wintersport, in regionalen Festen, in der Wertschätzung handwerklicher Qualität und in einer gewissen Skepsis gegenüber allzu großen weltpolitischen Gesten.

Wir finden uns in der Fähigkeit, auf engem Raum erstaunlich viele Dialekte, Bräuche und Befindlichkeiten zu pflegen.

Wir finden uns bei Käse, Wurst, Brot, Wein und Bier – wobei bereits die Reihenfolge dieser Aufzählung politische Diskussionen auslösen kann.

Wir finden uns auch in unserer Kleinheit. Beide Länder wissen, wie es ist, neben einem sehr viel größeren Deutschland zu leben und dennoch darauf hinzuweisen, dass eine gemeinsame Sprache keineswegs eine gemeinsame Identität bedeutet.

Österreich ist nicht das kleinere Deutschland.

Die Schweiz ist nicht Österreich mit höheren Preisen.

Und Liechtenstein ist nicht bloß der Zwischenraum, in dem beide kurz Luft holen.

Und wo sagen wir: STOPP – ganz bestimmt nicht?

Beim Essen beginnen die roten Linien.

Ein paniertes Schnitzel mit schwerer Soße kann in Österreich diplomatische Verwicklungen auslösen. Wer in der Schweiz beim Fondue die Brotrinde verliert, muss je nach Tischgesellschaft mit Sanktionen rechnen. Die Käsekrainer ist kein Cervelat, der Kaiserschmarrn kein missglücktes Omelett und eine Wiener Melange nicht einfach Kaffee mit Milch.

Auch sprachlich sollte man vorsichtig sein. Das schweizerische „Velo“ wird in Österreich zum „Fahrrad“, das „Poulet“ zum „Hendl“, der „Rahm“ zum „Obers“ und das „Rüebli“ zur Karotte. Wir verstehen einander hervorragend – solange niemand behauptet, nur seine eigene Bezeichnung sei richtig.

Beim Skifahren hört die Freundschaft spätestens an der Startnummer auf. Man kann gemeinsam trainieren, gemeinsam feiern und gemeinsam über das Wetter klagen. Aber die Goldmedaille wird nicht geteilt.

Und schließlich wehren sich beide Länder gegen Vereinfachungen. Nicht jeder Österreicher tanzt Walzer, nicht jeder Schweizer besitzt ein Nummernkonto. Nicht ganz Österreich besteht aus Wien, und die Schweiz endet nicht an der Zürcher Stadtgrenze. Wer Vorarlberg, das Burgenland, Tirol und Wien in einen kulturellen Topf wirft, begeht ungefähr denselben Fehler, als würde man Genf, Appenzell, Basel und das Tessin für austauschbar halten.

Die Vielfalt beginnt nicht erst auf einem anderen Kontinent. Sie beginnt bereits ein paar Bahnstationen hinter der Grenze.

Wann ein Witz kein Nachbarschaftswitz mehr ist

Humor kann verbinden. Er kann Spannungen lösen, Unterschiede sichtbar machen und uns daran erinnern, dass niemand seine nationale Würde ununterbrochen mit ernster Miene verteidigen muss.

Aber Humor kann auch verletzen.

Ein guter Nachbarschaftswitz funktioniert nur, wenn der andere grundsätzlich mitlachen kann. Er übertreibt eine Eigenheit, ohne dem Menschen seine Würde abzusprechen. Er ist ein spielerischer Seitenhieb, kein Ausdruck von Verachtung. Und er enthält idealerweise immer auch ein Körnchen Selbstironie.

Die einfachste Regel lautet: Wer über den Nachbarn lacht, sollte einen ebenso guten Witz über sich selbst ertragen können.

Der Unterschied zwischen liebevoller Neckerei und Überheblichkeit liegt nicht allein in den verwendeten Worten. Er liegt in der Haltung. Sage ich: „Wir kennen uns gut genug, um miteinander zu lachen“? Oder sage ich: „Ich bin dir überlegen“?

Im ersten Fall entsteht Nähe. Im zweiten Fall nur Lärm.

Vielleicht haben viele alte Österreicherwitze deshalb an Wirkung verloren. Nicht, weil Humor verboten worden wäre, sondern weil die behauptete Überlegenheit schal geworden ist. Die Welt ist komplizierter, als es die alten Schubladen erlaubten. Und vermutlich waren die Österreicher nie so dumm, wie unsere Witze behaupteten.

Was natürlich auch für uns Schweizer gilt. Jedenfalls meistens.

Der Nachbar als Spiegel

Philosophisch betrachtet ist der Nachbar eine besondere Figur. Er ist weder ganz fremd noch ganz Teil der eigenen Gemeinschaft. Er lebt nahe genug, dass sein Verhalten uns betrifft. Gleichzeitig bleibt er eigenständig.

Gerade deshalb eignet sich der Nachbar als Spiegel. An ihm entdecken wir, was wir für selbstverständlich halten.

Erst in Österreich bemerkt der Schweizer vielleicht, wie schweizerisch seine Zurückhaltung ist. Erst in der Schweiz stellt der Österreicher möglicherweise fest, wie österreichisch seine Art des Erzählens, Diskutierens oder Improvisierens wirkt.

Man reist nicht nur, um andere Menschen kennenzulernen. Man reist auch, um die eigene Normalität als etwas Besonderes zu erkennen.

Das ist möglicherweise die tiefere Bedeutung guter Nachbarschaft: Sie zwingt uns, Differenzen auszuhalten, ohne daraus Feindschaft zu machen. Sie zeigt, dass Nähe nicht Gleichheit verlangt. Und sie lehrt, dass man jemanden kritisieren, verspotten, bewundern und trotzdem mögen kann.

Manchmal sogar alles am selben Skitag.

Erst über die Grenze, dann in die große Welt

Wir sprechen heute sehr schnell über ferne Länder, fremde Kulturen und weltpolitische Zusammenhänge. Wir erklären Amerika, China, Afrika, den Nahen Osten und Asien – oft nach einigen Dokumentarfilmen, Schlagzeilen und Urlaubsfotos.

Dabei kennen manche Menschen das Nachbarland kaum.

Vielleicht sind sie einmal auf der Autobahn hindurchgefahren. Vielleicht verbrachten sie zwei Wochen in einer abgeschlossenen Ferienanlage irgendwo auf der Welt und kamen mit der Überzeugung zurück, nun Land und Leute verstanden zu haben. Doch ein All-inclusive-Armband beweist zunächst nur, dass man das Büfett gefunden hat.

Ein Land lernt man nicht kennen, indem man es konsumiert. Man muss sich ihm aussetzen.

Man sollte Regionalzüge benutzen, in gewöhnlichen Vierteln spazieren, ein Gasthaus besuchen, einen Wochenmarkt erleben, Lokalzeitungen lesen, Museen anschauen und mit Menschen sprechen, deren Alltag nicht für Gäste inszeniert wurde. Man sollte nach Feldkirch, Bregenz, Innsbruck, Graz, Salzburg oder Wien reisen – und ebenso in kleinere Orte, deren Namen nicht auf jeder touristischen Wunschliste stehen.

Man sollte zuhören, wenn jemand erklärt, weshalb eine bestimmte Frage dort anders gesehen wird. Und man sollte die Möglichkeit aushalten, dass die eigene Lösung nicht automatisch die einzig vernünftige ist.

Die Beschäftigung mit unseren Nachbarn ist keine geistige Provinzialität. Sie ist eine Schule des Weltverständnisses. Wer bereits an den feinen Unterschieden zwischen Schweizern und Österreichern scheitert, sollte mit großen Urteilen über weit entfernte Kulturen vorsichtig sein.

Die Welt beginnt nicht erst hinter dem Ozean. Sie beginnt hinter der nächsten Grenze.

Schluss: Lachen wir miteinander

Vielleicht werden auch künftig Witze über Österreich erzählt. Und hoffentlich erzählen die Österreicher weiterhin Witze über uns Schweizer. Eine vollkommen humorfreie Nachbarschaft wäre schließlich verdächtig.

Aber der beste Witz ist nicht jener, der den anderen kleinmacht. Es ist derjenige, der eine gemeinsame Erfahrung sichtbar werden lässt. Einer, bei dem der Schweizer über seine Pedanterie und der Österreicher über seine eigene Inszenierung lachen kann. Einer, nach dem man sich nicht beleidigt abwendet, sondern einander noch etwas zu trinken anbietet.

Die Schweiz und Österreich sind sich ähnlich genug, um sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen, und verschieden genug, um voneinander lernen zu können.

Uns verbinden die Alpen und trennen gelegentlich dieselben. Wir teilen Geschichte, Sprache, wirtschaftliche Interessen, kulturelle Erfahrungen und sportliche Leidenschaften. Wir streiten über Wörter, Skirennen, Schnitzel und die richtige Form der Neutralität. Doch hinter all dem steht eine außerordentlich enge und friedliche Beziehung.

Vielleicht ist das die schönste Form von Nachbarschaft: Man darf einander necken, ohne einander abzuwerten. Man kann verschieden bleiben, ohne sich fremd zu werden.

Und wenn wir die Welt verstehen wollen, könnten wir tatsächlich damit beginnen, beim Nachbarn vorbeizuschauen.

Nicht nur für zwei Wochen.

Nicht nur bis zum Hotelbüfett.

Sondern lange genug, um festzustellen, dass der vermeintlich seltsame Mensch jenseits der Grenze uns überraschend ähnlich ist.

Und lange genug, damit er uns einen Witz erzählen kann, in dem diesmal wir Schweizer die Hauptrolle spielen.

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