Orson Welles „Krieg der Welten“ und die wohl berühmteste Fake-News-Geschichte vor dem Internet

Am Abend des 30. Oktober 1938 saßen Millionen Amerikaner vor ihren Radios. Das Gerät stand gewöhnlich an einem Ehrenplatz im Wohnzimmer: ein stattlicher Holzkasten mit beleuchteter Skala, ein paar Drehknöpfen und einer Stimme, die direkt aus der großen weiten Welt zu kommen schien.

Es gab keine Smartphones, keine Push-Nachrichten und keine sozialen Netzwerke. Niemand konnte schnell auf einer Nachrichten-App nachsehen, ob New Jersey tatsächlich gerade von Marsmenschen überfallen wurde. Immerhin entfiel dadurch auch die Gefahr, dass ein Cousin zweiten Grades sofort ein verwackeltes Video mit dem Kommentar „DAS WOLLEN SIE UNS VERSCHWEIGEN!!!“ in die Familiengruppe stellte.

Dann wurde die Musik im Radio unterbrochen.

Ein Nachrichtensprecher meldete ungewöhnliche Explosionen auf dem Mars. Wenig später sei bei Grovers Mill im US-Bundesstaat New Jersey ein unbekanntes Flugobjekt niedergegangen. Reporter seien bereits unterwegs. Menschen versammelten sich am Einschlagsort. Aus einem metallischen Zylinder steige etwas hervor.

Dann begann der Angriff.

Was die Zuhörer hörten, war jedoch keine Nachrichtensendung. Es war Orson Welles’ Hörspieladaption von H. G. Wells’ Science-Fiction-Klassiker „The War of the Worlds“.

Ein Teil des Publikums wusste das. Ein anderer Teil war sich plötzlich nicht mehr ganz so sicher.

Eine Geschichte, die schon vierzig Jahre alt war

Der Ursprung der vermeintlichen Marsinvasion lag nicht in Amerika, sondern im viktorianischen England. Der britische Schriftsteller H. G. Wells veröffentlichte „The War of the Worlds“ 1898 zunächst als Fortsetzungsgeschichte und anschließend als Buch.

Im Roman landen außerirdische Kampfmaschinen im Süden Englands. Die technisch weit überlegenen Marsbewohner behandeln die Menschen ungefähr so rücksichtsvoll, wie das Britische Empire viele der von ihm kolonisierten Völker behandelt hatte. Hinter der spektakulären Handlung verbarg sich deshalb auch eine politische Spitze: Was geschieht, wenn sich der mächtigste Eroberer der Welt plötzlich selbst in der Rolle des hilflosen Eroberten wiederfindet?

Wells verband wissenschaftliche Spekulation, Katastrophengeschichte und Gesellschaftskritik. Damit schuf er einen der einflussreichsten Texte der modernen Science-Fiction und praktisch die Blaupause für zahllose spätere Alien-Invasionen. Die Smithsonian Institution beschreibt den Roman ausdrücklich auch als Satire auf den britischen Imperialismus.

Vierzig Jahre später bekam Orson Welles die Geschichte in die Hände.

Welles war 1938 erst 23 Jahre alt, aber bereits ein Wunderkind der amerikanischen Theater- und Radioszene. Gemeinsam mit Produzent John Houseman leitete er das Mercury Theatre. Dessen wöchentliche CBS-Radiosendung „The Mercury Theatre on the Air“ brachte literarische Stoffe als aufwendige Hörspiele ins Wohnzimmer.

Für die Sendung am Sonntag vor Halloween fiel die Wahl auf „The War of the Worlds“. Begeisterung löste das zunächst offenbar nicht bei allen Beteiligten aus. Der Stoff wirkte lang, bekannt und für eine einstündige Sendung schwer zu bändigen. Der Autor Howard Koch erhielt die Aufgabe, aus der englischen Romanhandlung ein modernes amerikanisches Radiodrama zu machen.

Seine entscheidende Idee: Die Geschichte sollte nicht wie ein gewöhnliches Hörspiel klingen, sondern wie eine laufende Sendung, die von immer dringlicheren Nachrichten unterbrochen wird.

Aus England wurde New Jersey. Aus dem Roman wurde scheinbar aktuelle Berichterstattung. Und aus Literatur wurde für einige Minuten ein akustischer Ausnahmezustand.

Wie man mit Tanzmusik eine Invasion beginnt

Die Sendung begann ordnungsgemäß mit der Ansage, dass nun Orson Welles und das Mercury Theatre „The War of the Worlds“ von H. G. Wells präsentierten. Wer von Anfang an zuhörte und aufmerksam blieb, wusste also, dass es sich um ein Hörspiel handelte.

Danach erklang harmlose Tanzmusik, angeblich live aus einem Hotel. Plötzlich unterbrach ein Sprecher das Programm: Astronomen hätten auf dem Mars rätselhafte Explosionen beobachtet.

Die Musik kehrte zurück.

Dann folgte die nächste Meldung. Ein ungewöhnlicher Gegenstand sei auf einem Feld bei Grovers Mill eingeschlagen. Ein Reporter berichtete vom Ort des Geschehens. Stimmen murmelten, Polizisten drängten Schaulustige zurück, das Metall des vermeintlichen Meteoriten begann sich zu bewegen.

Die Falltür öffnete sich.

Aus dem Zylinder kamen Wesen hervor. Ein Hitzestrahl traf die Menschenmenge. Der Reporter beschrieb das Chaos – bis seine Stimme verstummte.

Diese Stille war vielleicht der wirkungsvollste Spezialeffekt des Abends.

Welles und sein Ensemble verwendeten die vertraute Sprache des Nachrichtenradios: sachliche Sprecher, Experteninterviews, Außenreportagen, technische Störungen und eilige Lageberichte. Ein Regierungsvertreter sprach in einem Tonfall, der stark an Präsident Franklin D. Roosevelt erinnerte. Die Handlung sprang in rasendem Tempo von einer lokalen Merkwürdigkeit zum nationalen Notstand.

Martianische Kampfmaschinen rückten vor. Militärverbände wurden vernichtet. Giftgas zog Richtung New York.

Das Radio behauptete nicht einfach, dass etwas Schreckliches geschehen sei. Es ließ das Publikum scheinbar live dabei sein.

Warum das 1938 so glaubwürdig klang

Heute erscheint der Gedanke amüsant, eine außerirdische Invasion ausgerechnet über ein Unterhaltungsprogramm zu erfahren. Im Jahr 1938 war die Situation weniger eindeutig.

Das Radio war damals das schnellste Massenmedium. Fast 80 Prozent der amerikanischen Haushalte besaßen eines. Über das Radio kamen Musik, Unterhaltung, politische Reden – und zunehmend auch dringende Nachrichten ins Haus. Die Stimme aus dem Lautsprecher war unsichtbar, aber keineswegs unwichtig. Für viele Menschen war sie ein täglicher Begleiter und eine Autorität. (PBS American Experience)

Hinzu kam die politische Lage. Die Weltwirtschaftskrise war noch nicht überwunden. In Europa rüstete Hitlerdeutschland auf. Erst wenige Wochen vor der Sendung hatte die Sudetenkrise die Welt an den Rand eines neuen europäischen Krieges gebracht. Amerikanische Radiohörer kannten daher bereits das Muster plötzlich eingeschobener Sondermeldungen.

Orson Welles - War Of The Worlds - Radio Broadcast 1938 - Complete Broadcast.

(Das Video wird von YouTube eingebettet und erst beim Klick auf den Play-Button von dort geladen und abgespielt. Ab dann gelten die Datenschutzerklärungen von Google.)

Wenn damals die Musik abbrach und ein ernster Mann sagte, man unterbreche das Programm für eine wichtige Nachricht, war das kein Anlass, nach den Chips zu greifen. Es war ein Grund, still zu werden.

Besonders gefährdet waren jene Zuhörer, die verspätet von einer anderen Sendung zu CBS wechselten. Die populäre Konkurrenzsendung auf NBC präsentierte den Bauchredner Edgar Bergen und seine Puppe Charlie McCarthy. Wer erst nach der einleitenden Hörspielankündigung umschaltete, landete mitten in einer täuschend echt inszenierten Krise.

Natürlich enthielt die Sendung Hinweise auf ihren fiktionalen Charakter. Und wer lange genug zuhörte, bekam weitere Ansagen sowie am Schluss eine humorvolle Auflösung von Welles. Doch Angst ist bekanntlich kein besonders geduldiger Redakteur. Sie wartet selten bis zum Abspann.

Amerika in Panik – oder doch nicht?

Am nächsten Morgen war die Geschichte perfekt: Ein genialer junger Regisseur hatte mit einem Hörspiel eine ganze Nation in Angst und Schrecken versetzt. Menschen seien aus ihren Häusern geflohen, Straßen seien verstopft gewesen, Kirchen hätten sich gefüllt und Krankenhäuser hätten angeblich Verletzte behandelt. Zeitungen berichteten von Herzinfarkten, Selbstmordversuchen und Massenhysterie.

Ganz erfunden war die Aufregung nicht.

Polizeidienststellen, Zeitungsredaktionen und Radiosender erhielten zahlreiche Anrufe. Allein die Polizei in Trenton, New Jersey, soll innerhalb von weniger als zwei Stunden rund 2.000 Anrufe entgegengenommen haben. Manche Menschen versuchten Angehörige zu erreichen, andere erkundigten sich nach Fluchtwegen oder wollten wissen, ob sie sich zum Dienst melden müssten. (History)

Doch ein Anruf ist noch keine Panik. Wer bei einer Redaktion nachfragt, ob die Marsmenschen wirklich gelandet sind, zeigt immerhin einen gewissen Rest an Medienkompetenz.

Viele der spektakulärsten Berichte ließen sich später nicht bestätigen. Für angebliche Todesfälle durch die Sendung fehlen belastbare Nachweise. Die Vorstellung, Millionen Amerikaner seien gleichzeitig schreiend auf die Straße gerannt, gilt heute als starke Übertreibung.

Eine noch am selben Abend durchgeführte Telefonumfrage unter 5.000 Haushalten kam zu dem Ergebnis, dass nur etwa zwei Prozent der Befragten die Sendung hörten – und die meisten von ihnen verstanden, dass es sich um ein Hörspiel handelte. Darauf verweist unter anderem die Library of Congress.

Es gab also verängstigte Zuhörer, hektische Anrufe und einzelne überstürzte Reaktionen. Es gab aber sehr wahrscheinlich keine landesweite Massenflucht vor dreibeinigen Kampfmaschinen.

Die nüchterne Wahrheit liegt zwischen den beiden Extremen: Weder blieb ganz Amerika gelassen, noch verlor die gesamte Nation kollektiv den Verstand.

Die Nachricht über die Panik wurde selbst zur Legende

Warum wurde die Geschichte trotzdem so groß?

Die Zeitungen hatten 1938 ein geschäftliches Problem namens Radio. Das neue Medium zog Publikum und Werbegelder an sich. Es war schneller als die gedruckte Presse und konnte Ereignisse scheinbar unmittelbar übertragen.

Nun bot sich den Zeitungsverlagen eine ausgezeichnete Gelegenheit, den jungen Konkurrenten als gefährlich und verantwortungslos darzustellen. Die Botschaft vieler Kommentare lautete sinngemäß: Seht her, was passiert, wenn Menschen diesem neumodischen Kasten vertrauen.

Ob dahinter eine koordinierte Kampagne steckte, lässt sich nicht beweisen. Dass die Presse das Ereignis dramatisierte, ist jedoch kaum zu übersehen. Innerhalb von zwei Wochen erschienen laut PBS mehr als 12.000 Artikel über die Sendung.

Aus tatsächlichen Einzelfällen wurde so das Bild einer nationalen Hysterie. Dieses Bild war spannender, leichter zu erzählen und verkaufte mehr Zeitungen als die Überschrift:

„Einige Menschen missverstanden ein Hörspiel, während die meisten anderen etwas anderes hörten oder den Schwindel bemerkten.“

Korrekt, aber nicht gerade ein Kracher am Zeitungskiosk.

So entstand die vielleicht interessanteste Ironie des ganzen Abends: Eine Sendung im Stil erfundener Nachrichten führte zu übertriebenen echten Nachrichten über die Wirkung der erfundenen Nachrichten.

Die Geschichte über „Krieg der Welten“ wurde damit selbst zu einer Art Fake News.

Orson Welles vor der Presse

Am Tag nach der Ausstrahlung trat Welles vor die Journalisten. Mit ernster Miene erklärte er, man sei von den Reaktionen überrascht und bedaure die entstandene Angst.

Ob seine Bestürzung vollständig gespielt war, ist umstritten. Welles war schließlich Schauspieler – und zwar ein außerordentlich guter. Später räumte er ein, dass das Team durchaus mit einer gewissen Wirkung gerechnet habe. Nur das Ausmaß der öffentlichen Reaktion habe es überrascht.

Die US-Kommunikationsbehörde FCC untersuchte den Vorfall, verhängte aber keine Sanktionen. Auch die angedrohten Schadenersatzklagen führten zu keinen Zahlungen. Für Welles hatte der Skandal am Ende sogar einen höchst irdischen Nutzen: Seine Bekanntheit explodierte. Die Radiosendung bekam einen Sponsor, und wenige Jahre später drehte er „Citizen Kane“.

Die Marsmenschen hatten Amerika also nicht erobert. Für Orson Welles erledigten sie jedoch eine ziemlich wirkungsvolle Werbekampagne.

(mit KI generiert)

Waren das wirklich die ersten Fake News?

Nein.

Falsche Gerüchte, Propaganda, manipulierte Berichte und erfundene Sensationen sind wesentlich älter als das Radio. Die Menschheit brauchte weder WLAN noch einen verifizierten Account, um Unsinn zu verbreiten. Ein Marktplatz, ein Bote und ein aufgeregter Nachbar reichten meistens aus.

Auch „Krieg der Welten“ war im engeren Sinn keine gezielte Falschnachricht. Die Sendung wurde als Hörspiel angekündigt. Sie wollte unterhalten und erschrecken, nicht dauerhaft über ein reales Ereignis täuschen.

Treffender wäre deshalb: Es handelte sich um eine der berühmtesten Nachrichtensimulationen der frühen elektronischen Massenmedien – und um eines der ersten Ereignisse, an denen sich beobachten ließ, wie schnell Form, Vertrauen und Angst miteinander reagieren können.

Welles erfand die Lüge nicht. Er führte vor, wie überzeugend Wahrheit klingen kann, wenn man ihre Verpackung nachbaut.

Was uns die Marsmenschen heute noch lehren

Zwischen dem Radioabend von 1938 und unserer digitalen Gegenwart liegen Welten. Die psychologischen Mechanismen sind dagegen erstaunlich vertraut.

Wir glauben Informationen nicht allein wegen ihres Inhalts. Wir glauben ihnen auch, weil sie wie Nachrichten aussehen, weil sie von einer vertrauten Stimme kommen, weil andere Menschen nervös reagieren oder weil die Meldung zu einer bereits vorhandenen Angst passt.

Damals waren es Nachrichtensprecher, Außenreporter und das Knistern einer scheinbar gestörten Leitung. Heute sind es Eilmeldungsbanner, professionell geschnittene Videos, Screenshots ohne Quelle und Beiträge, die bereits tausendfach geteilt wurden.

Die Technik hat sich verändert. Unser Nervensystem arbeitet weiterhin mit einer bemerkenswert historischen Softwareversion.

Auch das Verhalten der Zuhörer von 1938 wirkt modern. Einige suchten nach einer unabhängigen Bestätigung und stellten fest, dass auf anderen Sendern das normale Programm lief. Andere riefen Freunde oder Nachbarn an, die womöglich dieselbe Sendung gehört hatten. Der Princeton-Psychologe Hadley Cantril untersuchte diese Reaktionen später. Nach seiner Beobachtung erkannten Menschen den fiktionalen Charakter eher, wenn sie die Meldung mit einer tatsächlich unabhängigen Quelle verglichen. (Princeton Alumni Weekly)

Das ist vielleicht die zeitloseste Lehre des Abends: Mehr Kommunikation bedeutet nicht automatisch mehr Gewissheit. Zehn Menschen, die einander dieselbe unbestätigte Geschichte weitererzählen, ergeben noch keine zehn Quellen.

Das eigentliche Monster saß nicht auf dem Mars

„Krieg der Welten“ war kein Beweis dafür, dass die Menschen des Jahres 1938 besonders leichtgläubig waren. Es war ein Experiment darüber, wie Vertrauen funktioniert – durchgeführt ohne Labor, ohne Einverständniserklärung und mit einem ziemlich großzügigen Einsatz außerirdischer Todesstrahlen.

Die Sendung traf auf ein angespanntes Publikum, benutzte die glaubwürdige Form aktueller Berichterstattung und wurde anschließend von einer Presse ausgeschlachtet, die ihre eigene Geschichte erzählen wollte.

Deshalb lohnt es sich, die Legende nicht einfach durch eine neue, ebenso einfache Behauptung zu ersetzen. „Ganz Amerika geriet in Panik“ ist falsch. „Niemand fiel darauf herein“ wäre ebenfalls falsch.

Manche Menschen hatten Angst. Viele blieben ruhig. Die Zeitungen machten die Sache größer. Und aus einem bemerkenswerten Radioabend wurde ein Mythos, der fast neun Jahrzehnte überdauerte.

Vielleicht ist das der nachdenklichste Teil der Geschichte: Die Marsmenschen verschwanden nach einer Stunde aus dem Radio. Die Erzählung über sie blieb.

Und sollte eines Tages wirklich eine außerirdische Streitmacht in New Jersey landen, werden vermutlich wieder einige Menschen sagen, es handle sich bloß um Unterhaltung.

Andere werden ein Video davon teilen, bevor sie nachsehen, ob es stimmt.

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