Eine kleine Dorfbaustelle, erstaunlich viele Wendemanöver – und die große Frage, wie wir eigentlich die Welt retten wollen

Seit ein paar Tagen ist unsere kleine Ortschaft gesperrt. Es werden Kabel verlegt. Oder Leitungen. Oder irgendetwas anderes, wofür man eine Straße aufschneiden, einen Bagger bestellen und zahlreiche orangefarbene Rohre in der Landschaft verteilen muss.

Was genau dort geschieht, ist für diese Geschichte allerdings nebensächlich. Entscheidend ist: Die Straße ist zu.

Und zwar nicht auf jene zurückhaltende, typisch bayerische Art, bei der ein handgeschriebener Zettel am Gartenzaun vorsichtig darum bittet, vielleicht einen anderen Weg zu nehmen. Nein. Auf beiden Seiten stehen Absperrbalken und unübersehbare Verkehrszeichen. Sie verkünden das straßenverkehrsrechtliche Äquivalent eines in Großbuchstaben geschriebenen Wortes:

NEIN.

Hier geht es nicht weiter. Nicht vielleicht. Nicht „mal sehen“. Nicht „mein Navi sagt aber“. Einfach: Durchfahrt verboten.

Punkt.

Und dennoch.

Mein Fenster zeigt zur Straße. Ich beobachte das Geschehen also nicht absichtlich. Ich sitze nicht mit Fernglas, Notizblock und Strichliste hinter der Gardine. Das Geschehen kommt gewissermaßen zu mir.

Und es kommt erstaunlich zuverlässig.

Ein Fahrzeug nähert sich der Absperrung. Es wird langsamer. Für einen kurzen Moment keimt Hoffnung auf. Der Fahrer hat das Schild gesehen. Er wird anhalten. Er wird nachdenken. Er wird wenden.

Dann fährt er (ja, ER!) hinein.

Man kann den inneren Monolog beinahe hören:

„Das Schild gilt bestimmt nur für die anderen.“

Oder:

„Mein Navigationsgerät würde mich doch niemals anlügen.“

Oder der Klassiker:

„Ich muss ja nur ganz kurz durch.“

Wenige Augenblicke später steht das Fahrzeug vor dem Bagger, dem offenen Graben oder einem beeindruckenden Gebirge aus Baumaterial. Dahinter geht es definitiv nicht weiter. Nun folgt Phase zwei des Experiments: das Wendemanöver.

Auf einer Straßenfläche von ungefähr der Größe eines Frühstücksbretts wird rangiert, zurückgesetzt, vorgefahren, noch einmal zurückgesetzt und schließlich der Rückweg angetreten. Derselbe Weg, den man sich hätte sparen können, wenn man jenes große runde Schild am Anfang nicht als unverbindliche Dekoration betrachtet hätte.

Dieses Schauspiel wiederholt sich täglich. Mit Autos, Lieferwagen und gelegentlich Fahrzeugen, deren Fahrer offenbar überzeugt sind, Bodenfreiheit sei eine Form behördlicher Sondergenehmigung.

Doch die Sache beschränkt sich keineswegs auf Autofahrer. Auch Radfahrer, Rollerfahrer und Motorradfahrer nehmen die Herausforderung an. Manche scheinen ein Durchfahrtsverbot als persönliche Geschicklichkeitsprüfung zu verstehen: Schaffe ich es zwischen Absperrbake, Kabelrolle und Baggerschaufel hindurch, ohne abzusteigen?

Bonuspunkt, wenn gleichzeitig gearbeitet wird.

Dabei beginnt bei mir unweigerlich das Kopfkino zur Haftungsfrage. Was geschieht, wenn jemand in einen Aushub fährt, über Baumaterial stürzt oder plötzlich im Schwenkbereich eines Baggers auftaucht? Wer trägt dann die Verantwortung?

Vermutlich würde dieselbe Person, die zwei Absperrungen und mehrere Verkehrszeichen ignoriert hat, anschließend feststellen, die Baustelle sei nicht deutlich genug gesichert gewesen.

Vielleicht hätte man zusätzlich einen Burggraben anlegen sollen. Mit Zugbrücke. Und Wachpersonal.

Wobei vermutlich auch dann jemand davorstünde und fragte: „Kann ich da trotzdem kurz durch?“

Je länger ich das beobachte, desto mehr wird diese kleine Baustelle für mich zu einem gesellschaftlichen Großversuch. Denn wenn es schon im Kleinen nicht funktioniert – bei einer klar sichtbaren Sperrung in einer überschaubaren Ortschaft –, wie soll es dann bei den wirklich großen Dingen klappen?

Wie wollen wir gemeinsam das Klima schützen, Ressourcen schonen, Rücksicht nehmen oder irgendein komplexes Problem dieser Welt lösen, wenn bereits ein rot-weißes Hindernis die individuelle Entscheidungsfreiheit unzumutbar einschränkt?

Vielleicht liegt genau darin das Problem: Regeln werden nicht mehr als gemeinsame Orientierung verstanden, sondern als Beginn einer persönlichen Verhandlung.

„Ja, die Straße ist gesperrt. Aber gilt das auch für mich?“

Natürlich steckt dahinter vermutlich selten böse Absicht. Eher eine Mischung aus Gewohnheit, Eile, Neugier, blindem Vertrauen ins Navigationsgerät und jenem unerschütterlichen Optimismus, dass sich die Realität im entscheidenden Moment schon irgendwie den eigenen Plänen anpassen werde.

Manchmal tut sie das sogar.

Ein offener Kabelgraben allerdings eher nicht.

(Illustration: KI-generiert)

So spendet die Baustelle immerhin eine kleine Form von Gerechtigkeit: Wer die Sperrung ignoriert, bekommt keine Geldstrafe und keinen erhobenen Zeigefinger. Er muss lediglich unter den Augen der Anwohner umständlich wenden und exakt dorthin zurückfahren, wo er hergekommen ist.

Eine pädagogische Maßnahme, durchgeführt von der Wirklichkeit selbst.

Ob daraus etwas gelernt wird, weiß ich nicht.

Gerade nähert sich wieder ein Fahrzeug. Es wird langsamer. Sehr gut. Der Fahrer hat das Schild gesehen. Er bremst. Jetzt wird er gleich wenden.

Nein.

Er fährt hinein.

Ich hole mir noch einen Kaffee.

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