Kaum war die Schule vorbei, lief MTV.
Nicht irgendwann am Abend. Nicht erst, nachdem alles andere erledigt war. MTV wurde eingeschaltet, sobald ich zu Hause war – und blieb es meistens auch. Stundenlang. Rauf und runter.
Auch bei uns in der Schweiz war MTV Europe über das Kabel zu empfangen. Englisch, international und herrlich unbekümmert. Man verstand vielleicht nicht jedes Wort der Moderatorinnen und Moderatoren, aber das spielte keine Rolle. Entscheidend war, was aus den Lautsprechern kam und über den Bildschirm flimmerte.
Rock, Pop, Hip-Hop, Grunge, Metal, Dance und Alternative: Alles konnte direkt hintereinander laufen. Es gab keinen Algorithmus, der einem immer mehr von dem vorsetzte, was man ohnehin schon kannte. MTV war eine musikalische Wundertüte. Man wartete auf seinen Lieblingsclip und entdeckte dabei fünf andere Songs.
Dazwischen: VJs, schräge Animationen, legendäre Sender-IDs und natürlich Beavis and Butt-Head auf ihrem durchgesessenen Sofa, wo sie Musikvideos auf ihre ganz eigene, selten besonders intelligente Art kommentierten.
MTV war nicht einfach ein Fernsehsender. MTV hatte eine Sprache, ein Tempo und eine Haltung.

Als das «M» noch für Musik stand
MTV ging am 1. August 1981 in den USA auf Sendung. Das erste gezeigte Video war ausgerechnet «Video Killed the Radio Star» von The Buggles. Treffender hätte man den Beginn einer neuen Epoche kaum inszenieren können.
Am 1. August 1987 folgte MTV Europe. Damit gelangten Musikvideos, internationale VJs und die eigenwillige MTV-Ästhetik auch in die europäischen Wohnzimmer – einschliesslich der Schweiz. SRF beschreibt MTV rückblickend als das Schaufenster einer internationalen Popkultur, das jahrzehntelang prägte, wie Popmusik im Fernsehen aussah.
Ein gutes Musikvideo war nun nicht mehr bloss Werbung für eine Single. Es konnte einen Song vergrössern, verändern oder überhaupt erst unsterblich machen. Regisseure drehten kleine Filme, Musiker erfanden neue Kunstfiguren und ganze Jugendkulturen gelangten innerhalb weniger Minuten um die Welt.
Welche Top Ten ist das eigentlich?
2022 feierte MTV Germany sein 25-jähriges Bestehen. Für ein grosses Wochenend-Special wählten die Zuschauerinnen und Zuschauer ihre 500 Lieblingsvideos. Parallel dazu stellte auch die deutsche Rolling-Stone-Redaktion eine eigene Rangliste zusammen.
Die folgende Top Ten stammt aus dieser Rolling-Stone-Auswahl zum MTV-Jubiläum. Sie verbindet Klassiker des ursprünglichen Musikfernsehens mit einigen späteren Clips – und eignet sich hervorragend für eine Reise zurück in die Zeit, als ein Musikvideo noch ein Ereignis sein konnte.
Platz 10: John Lennon – «Woman»
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«Woman» erschien im Januar 1981 als erste Single nach John Lennons Ermordung. Das Video wurde kurz danach von Yoko Ono geschnitten – zu einer Zeit, in der ihre Trauer noch vollkommen frisch war.
Zu sehen sind Lennon und Ono bei einem Spaziergang durch den Central Park. Die Aufnahmen entstanden am 26. November 1980, weniger als zwei Wochen vor Lennons Tod. Dazu kommen Bilder von Yoko allein sowie Fotos und Schlagzeilen aus den Tagen nach dem Mord.
Dadurch wurde aus einem Liebeslied ein Abschied. Das Video ist ruhig, persönlich und gerade deshalb so bewegend. Keine Effekte, keine Choreografie und keine künstliche Geschichte – nur zwei Menschen, von denen wir wissen, dass ihre gemeinsame Zeit wenige Tage später gewaltsam enden wird.
Platz 9: Eminem feat. Dido – «Stan»
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«Stan» ist kein gewöhnliches Musikvideo, sondern ein düsterer Kurzfilm.
Devon Sawa spielt einen zunehmend besessenen Eminem-Fan, der seinem Idol immer verzweifeltere Briefe schreibt. Dido, deren Song «Thank You» für den Refrain gesampelt wurde, spielt seine schwangere Freundin.
Unter der Regie von Dr. Dre und Philip Atwell wird aus den Strophen eine tragische Geschichte über Fanatismus, Einsamkeit und eine Kommunikation, die zu spät kommt. Die mehr als achtminütige Langversion lässt sich bewusst Zeit. Man wird nicht bloss von Bild zu Bild gejagt, sondern in Stans Welt hineingezogen.
Die Wirkung war so gross, dass «Stan» später zum allgemeinen Begriff für einen extrem ergebenen oder obsessiven Fan wurde.
Platz 8: U2 – «I Still Haven’t Found What I’m Looking For»
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Manchmal braucht ein grosses Musikvideo keine grosse Geschichte.
U2 spazieren durch die nächtlichen Strassen von Las Vegas, schütteln Hände, scherzen mit Passanten und bleiben immer wieder stehen, um ihren Song zu spielen. Barry Devlin filmte den Clip im April 1987 nach dem ersten Konzert der Band in Las Vegas.
Das Video wirkt spontan und beinahe dokumentarisch. Keine abgeschottete Bühne, keine perfekte Lichtshow: Die Band befindet sich mitten unter den Menschen.
Gerade das machte MTV damals ebenfalls aus. Neben aufwendigen Produktionen konnte ein Clip laufen, der sich anfühlte, als sei man zufällig dabei gewesen.
Platz 7: R.E.M. – «Everybody Hurts»
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Autos stehen bewegungslos im Stau. Die Menschen darin schweigen. Am unteren Bildrand erscheinen ihre Gedanken wie Untertitel.
Regisseur Jake Scott zeigt eine Ansammlung von Personen, die einander körperlich nahe und emotional trotzdem vollkommen voneinander getrennt sind. Niemand weiss, was im Kopf des Menschen im nächsten Auto vor sich geht. Niemand sieht dessen Angst, Einsamkeit oder Verzweiflung.
Erst als Michael Stipe sein Auto verlässt, folgen ihm die anderen. Der Verkehr bleibt zurück, die Menschen gehen gemeinsam weiter.
Ein schlichtes, aber enorm wirkungsvolles Bild für einen Song, dessen Botschaft bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren hat: Halte durch. Du bist nicht allein.
Platz 6: Cyndi Lauper – «Girls Just Want to Have Fun»
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Farben, Chaos, grosse Gesten und eine junge Frau, die sich nicht vorschreiben lässt, wie sie zu leben hat: Cyndi Laupers Video war wie für MTV gemacht.
«Girls Just Want to Have Fun» war ursprünglich von Robert Hazard geschrieben worden. Lauper veränderte die Perspektive und machte daraus eine Hymne auf weibliche Selbstbestimmung und Lebensfreude.
Im Video spielt Wrestling-Star Captain Lou Albano ihren konservativen Vater. Laupers wirkliche Mutter Catrine übernimmt die Rolle der Mutter. Am Ende drängt sich eine ganze Gruppe tanzender Frauen ins Haus – als hätten sämtliche Regeln des geordneten Familienlebens endgültig kapituliert.
So sahen die Achtziger aus, wenn sie Spass hatten.
Platz 5: a-ha – «Take On Me»
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Eine junge Frau sitzt in einem Café und liest einen Comic. Plötzlich reicht ihr die gezeichnete Hauptfigur eine Hand und zieht sie in eine Welt aus Bleistiftlinien.
Unter der Regie von Steve Barron wurden Realfilm und Rotoskopie miteinander verbunden. Dafür wurden zuvor gefilmte Bewegungen Bild für Bild nachgezeichnet. Der Wechsel zwischen der realen und der gezeichneten Welt funktioniert auch Jahrzehnte später noch erstaunlich gut.
Ohne dieses Video wäre «Take On Me» vermutlich ein grosser Popsong geblieben. Mit diesem Video wurde der Song Teil des kollektiven Gedächtnisses.
Das ist vielleicht die wichtigste Leistung des klassischen Musikvideos: Es gab einem Lied ein Gesicht, eine Geschichte und eine Welt, die man nie wieder vergass.
Platz 4: Guns N’ Roses – «November Rain»
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Eine Hochzeit, ein Sinfonieorchester, Slash vor einer kleinen Kirche in der Wüste, ein plötzliches Unwetter und schliesslich eine Beerdigung: «November Rain» fährt alles auf, was ein Musikvideo Anfang der Neunzigerjahre auffahren konnte.
Der mehr als neunminütige Clip wurde von Andy Morahan inszeniert und ist Teil einer lose verbundenen Videotrilogie mit «Don’t Cry» und «Estranged». Die Geschichte basiert teilweise auf «Without You», einer Kurzgeschichte von Del James über einen Rockstar und eine zerstörerische Beziehung.
Nicht alles in «November Rain» ergibt vollkommen Sinn. Aber jedes Bild fühlt sich bedeutend an. Genau darin liegt sein Reiz.
MTV spielte damals tatsächlich neunminütige Rockopern. Heute würde vermutlich nach zwölf Sekunden jemand fragen, ob man das Ganze nicht etwas kürzer für Social Media schneiden könne.
Platz 3: Billie Eilish – «when the party’s over»
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Billie Eilish ist die grosse Ausnahme in dieser überwiegend nostalgischen Rangliste. Ihr Video erschien 2018 – lange nach der klassischen MTV-Ära.
Die Inszenierung ist extrem reduziert. Eilish sitzt allein vor einem weissen Hintergrund. Sie trinkt eine schwarze Flüssigkeit. Kurz darauf laufen ihr schwarze Tränen über das Gesicht und beflecken ihre Kleidung.
Mehr passiert beinahe nicht.
Doch genau diese Reduktion macht den Clip so stark. Das Video zeigt, dass die Kunstform auch nach MTV weiterlebte. Musikvideos verschwanden nicht – sie wanderten ins Internet. Aus dem gemeinsamen Fernseherlebnis wurde ein Clip, den Millionen Menschen individuell und jederzeit abrufen konnten.
Die Kunst blieb. Nur das Ritual veränderte sich.
Platz 2: Nirvana – «Smells Like Teen Spirit»
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Eine dunkle Turnhalle. Tätowierte Cheerleader. Ein gelangweilter Hauswart. Jugendliche, die langsam die Kontrolle verlieren.
Regisseur Samuel Bayer und Nirvana machten aus einem Schulkonzert einen Aufstand. Kurt Cobain liess sich für die Atmosphäre unter anderem vom Film «Rock ’n’ Roll High School» mit den Ramones inspirieren.
Am Ende wird die Bühne zerlegt – und eine ganze Jugendkultur hatte ihr Bild gefunden.
«Smells Like Teen Spirit» brachte Grunge in den Mainstream. Plötzlich sah Pop nicht mehr sauber, bunt und perfekt aus. Er war verschwitzt, kaputt und wütend.
Wer diesen Clip damals zum ersten Mal auf MTV sah, wusste vielleicht noch nicht genau, was sich verändert hatte. Aber man spürte, dass etwas passiert war.
Platz 1: Queen – «Bohemian Rhapsody»
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Vier Gesichter erscheinen aus der Dunkelheit. Freddie Mercury beginnt zu singen. Dann setzen die anderen Stimmen ein.
Das Video zu «Bohemian Rhapsody» entstand bereits 1975, Jahre vor der Gründung von MTV. Es war nicht das erste Musikvideo der Geschichte. Aber es trug entscheidend dazu bei, den eigenständigen Promotionclip als Alternative zu einem Auftritt im Fernsehstudio zu etablieren.
Queen konnten nicht für jede Fernsehsendung persönlich auftreten. Also liessen sie unter der Regie von Bruce Gowers einen Film produzieren, der beliebig oft ausgestrahlt werden konnte.
Die Lichtkegel, Überblendungen und vervielfachten Gesichter wirken heute technisch einfach. Damals waren sie spektakulär – und vor allem perfekt mit der Musik verbunden.
Ohne Videos wie «Bohemian Rhapsody» hätte MTV einige Jahre später vielleicht gar nicht gewusst, was es rund um die Uhr senden sollte.
Und dann kam der Quark
Der Untergang des alten MTV geschah nicht an einem einzigen Tag.
1992 startete «The Real World». Die Serie war neuartig und wurde zur Blaupause des modernen Reality-TV. Sie zeigte dem Sender aber auch, dass sich ein junges Publikum mit eigenen Unterhaltungsformaten länger vor dem Fernseher halten liess als mit Musikvideos.
Es folgten «Road Rules», «Cribs», «Pimp My Ride», «My Super Sweet 16», Dating-Shows und immer neue Reality-Formate. Die Musik verschwand nicht sofort. Aber sie wurde schrittweise an den Rand gedrängt.
Dann kamen das Internet, YouTube und später die Streamingdienste. Nun konnte jeder Clip jederzeit aufgerufen werden. Das Warten auf das Lieblingsvideo war vorbei – und damit auch ein Teil der Magie.
Heute ist alles verfügbar. Aber Verfügbarkeit ist nicht dasselbe wie Entdeckung.
Das alte MTV zwang uns, durch verschiedene Genres zu reisen. Zwischen zwei Lieblingsbands konnten ein Hip-Hop-Track, ein verstörender Industrial-Clip, eine Dance-Nummer und irgendein vollkommen unbekannter Song laufen. Manchmal fand man das furchtbar. Manchmal veränderte es den eigenen Musikgeschmack.
Vielleicht verkläre ich diese Zeit ein wenig. Auch das damalige MTV war kommerziell, keineswegs immer vielfältig und nicht frei von fragwürdigen Entscheidungen.
Aber es war Musikfernsehen.
Es hatte Ecken, Tempo, Überraschungen und einen unverwechselbaren Charakter. Nach der Schule schaltete man ein und wusste nicht, was als Nächstes kam.
Und genau das war das Geile daran.



