BR24 erklärt uns, woran man KI-generierte Texte angeblich erkennt. Wer Gedankenstriche verwendet, Dinge in Dreiergruppen aufzählt oder Formulierungen wie „Es ist nicht X, es ist Y“ benutzt, macht sich demnach verdächtig. Das Problem daran: Sprache ist kein Lügendetektor – und guter Journalismus sollte mehr bieten als eine Sammlung modischer Vermutungen.

Ich gestehe gleich zu Beginn: Ich benutze Gedankenstriche.

Sogar ausgesprochen gerne.

Manchmal verwende ich Aufzählungen. Gelegentlich bestehen diese aus drei Punkten. Ich greife zu Vergleichen, formuliere zugespitzt und schreibe mitunter Sätze nach dem Muster: „Es geht nicht um X, sondern um Y.“ Vermutlich sollte ich mich vorsorglich bei der nächsten Polizeidienststelle melden. Der Tatbestand: dringender Verdacht auf künstliche Intelligenz.

Ausgelöst wird dieser Verdacht durch einen Beitrag von BR24. Darin will uns die Autorin erklären, woran man KI-generierte Texte erkennen könne. Genannt werden unter anderem der lange Gedankenstrich, Aufzählungen – angeblich besonders gerne im Dreiklang –, positive und eher unspezifische Adjektive wie „ganzheitlich“, weit hergeholte Vergleiche und eben jene Konstruktion: „Es ist nicht X – es ist Y.“

Nun könnte man darüber schmunzeln. Das tue ich durchaus. Allerdings bleibt mir das Lachen ein wenig im Halse stecken, wenn solche Behauptungen von einem öffentlich-rechtlichen Nachrichtenangebot verbreitet werden. Denn hier geht es nicht bloss um einen unterhaltsamen Beitrag über sprachliche Marotten. Hier werden Kriterien in die Welt gesetzt, anhand derer Leserinnen und Leser künftig meinen könnten, den Ursprung eines Textes beurteilen zu können.

Und genau an diesem Punkt wird es heikel.

Seit wann ist ein Satzzeichen ein Geständnis?

Der Gedankenstrich existierte bekanntlich schon vor ChatGPT. Schriftstellerinnen, Journalisten, Essayisten und andere sprachlich Verdächtige haben ihn verwendet, lange bevor jemand einer Maschine einen Prompt schicken konnte.

Der Gedankenstrich schafft eine Pause. Er setzt einen Akzent. Er erlaubt einen Einschub, ohne einen Satz vollständig zum Erliegen zu bringen. Mit anderen Worten: Er ist ein ganz gewöhnliches Werkzeug der deutschen Sprache.

Wer aus seiner Verwendung einen KI-Verdacht ableitet, könnte ebenso behaupten, Menschen mit Regenschirm hätten vermutlich das Wetter erfunden.

Auch der Dreiklang ist keine Erfindung künstlicher Intelligenz. Er gehört seit der Antike zu den wirkungsvollsten rhetorischen Figuren. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ klingt nicht deshalb einprägsam, weil möglicherweise ein Sprachmodell daran beteiligt war. Drei Elemente erzeugen Rhythmus, Vollständigkeit und Spannung. Das wussten Redner und Autoren bereits, als „Cloud“ noch ausschliesslich „Wolke“ bedeutete.

Dass Sprachmodelle solche Muster ebenfalls verwenden, ist wenig überraschend. Sie wurden schliesslich mit menschlichen Texten trainiert. Wenn eine KI Gedankenstriche, Dreiklänge oder Kontraste benutzt, beweist das daher zunächst nur eines: Diese Stilmittel kommen in menschlicher Sprache häufig vor.

Die Maschine hat den Gedankenstrich nicht erfunden. Sie hat ihn bei uns gefunden.

Wo sind die Belege?

Ganz ohne externe Verweise kommt der BR24-Artikel nicht aus. Er verlinkt den kommerziellen KI-Detektor Pangram sowie eine Untersuchung des MIT zur kognitiven Aktivität beim Schreiben mit ChatGPT. Das sollte man fairerweise erwähnen.

Doch für jene Passage, in der die vermeintlich typischen Erkennungsmerkmale aufgezählt werden, fehlt genau das, was einen belastbaren journalistischen Beitrag von einer Beobachtung am digitalen Stammtisch unterscheiden würde: eine Untersuchung, eine sprachwissenschaftliche Analyse, eine Datengrundlage oder wenigstens eine nachvollziehbare Einordnung.

Wie häufig verwenden KI-Systeme tatsächlich Gedankenstriche – verglichen mit Menschen?

In welchen Sprachen?

Bei welchen Modellen?

Mit welchen Eingabeaufforderungen?

In welchen Textsorten?

Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, einen menschlichen Text fälschlicherweise als KI-Produkt zu bezeichnen?

Diese Fragen wären entscheidend. Der Beitrag beantwortet sie nicht. Stattdessen lesen wir sinngemäss: Wer häufig Chatbots benutze, kenne die typischen Schreibmuster.

Das ist keine Untersuchung. Es ist eine Alltagserfahrung, die als allgemeingültige Erkenntnis daherkommt. Man könnte auch sagen: Bauchgefühl mit Sendelizenz.

Das Problem mit den Detektoren

Der Artikel erwähnt zwar, dass KI-Detektoren ungenau sein können und sich austricksen lassen. Wie gross dieses Problem ist, bleibt jedoch eher eine Randbemerkung.

Dabei wäre genau das eine ausführliche Betrachtung wert.

OpenAI stellte seinen eigenen Klassifikator für KI-Texte 2023 wegen mangelnder Genauigkeit wieder ein. In den damaligen Tests erkannte das Werkzeug lediglich 26 Prozent der KI-generierten Texte korrekt und stufte gleichzeitig neun Prozent der menschlichen Texte fälschlicherweise als KI-generiert ein. OpenAI warnte ausdrücklich davor, einen solchen Klassifikator als primäre Entscheidungsgrundlage zu verwenden. Quelle: OpenAI

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen zudem, dass Detektoren durch Umschreiben und geschickte Eingabeaufforderungen umgangen werden können. Andere Arbeiten weisen darauf hin, dass bestimmte Gruppen – beispielsweise Menschen, die nicht in ihrer Muttersprache schreiben – überdurchschnittlich häufig falsch verdächtigt werden. Studie zur Zuverlässigkeit von Detektoren · Studie zu Benachteiligungen nichtmuttersprachlicher Autoren

Das ist nicht bloss ein technisches Detail. Ein falscher Verdacht kann für Schülerinnen, Studierende, Autoren oder Mitarbeitende reale Folgen haben. Wer einen Text aufgrund einiger statistischer Auffälligkeiten oder stilistischer Vorlieben als KI-Produkt abstempelt, fällt kein neutrales Urteil. Er erhebt einen Vorwurf.

Dafür sollte ein Gedankenstrich als Beweismittel nicht genügen.

Mein Stil gehört weiterhin mir

Ich bin leidenschaftlicher Schreiberling. Das war ich schon immer.

Man kann meinen Schreibstil mögen oder nicht. Man kann meine Texte fesselnd, eigenwillig, umständlich, pointiert oder gelegentlich etwas ausschweifend finden. All das ist legitim. Schreiben ist persönlich – und Persönlichkeit ist nicht verpflichtet, jedem zu gefallen.

Ja, ich verwende ChatGPT.

Manchmal lasse ich einen Text auf Rechtschreibung prüfen. Manchmal suche ich nach einer treffenderen Formulierung oder einer Redewendung. Manchmal möchte ich wissen, ob ein Absatz verständlich ist. Und ja: Gelegentlich lasse ich auch einen vollständigen Entwurf erstellen.

Why not?

Entscheidend ist doch nicht allein, ob ein Werkzeug beteiligt war. Entscheidend ist, wer die Gedanken liefert, wer die Richtung bestimmt, wer Aussagen überprüft und wer am Ende die Verantwortung übernimmt.

Ein Textverarbeitungsprogramm macht mich nicht zum Computer. Eine Rechtschreibprüfung nimmt mir nicht die Urheberschaft. Ein Lektor wird nicht automatisch zum Autor meines Buches, nur weil er einen holprigen Satz verbessert. Und ein Navigationsgerät ist nicht der Fahrer, nur weil es die nächste Ausfahrt empfiehlt.

Bei künstlicher Intelligenz soll plötzlich jede Unterstützung den gesamten schöpferischen Prozess verdächtig machen. Das wirkt auf mich weniger wie eine differenzierte Auseinandersetzung und mehr wie eine moralische Panik mit WLAN-Anschluss.

KI-Texte entstehen nicht im luftleeren Raum

Wer regelmässig mit ChatGPT arbeitet, weiss ausserdem, dass die Qualität und der Charakter eines Ergebnisses stark von den Eingaben abhängen.

Ich kann eine KI anweisen, sachlich, kühl und knapp zu schreiben. Ich kann ihr Beispiele meiner eigenen Texte geben. Ich kann bestimmte Wörter ausschliessen, einen Rhythmus vorgeben, persönliche Erfahrungen einbauen und Formulierungen so lange verändern lassen, bis sie zu mir passen. Innerhalb einer Unterhaltung – und je nach aktivierten Funktionen auch darüber hinaus – kann sich das System an Vorlieben und Vorgaben orientieren.

(Obacht! Mit KI generiert!)

Die Vorstellung eines einzigen, unveränderlichen „KI-Stils“ ist deshalb reichlich naiv.

Es gibt nicht den KI-Text, so wie es nicht den menschlichen Text gibt. Ein Liebesbrief klingt anders als eine Steuererklärung. Ein Kommentar anders als eine Todesanzeige. Eine Bedienungsanleitung anders als ein Roman. Und ein Sprachmodell schreibt anders, wenn es mit drei oberflächlichen Stichworten gefüttert wird, als wenn ein Mensch ihm Gedanken, Haltung, Beispiele und präzise stilistische Vorgaben liefert.

Die Übergänge sind längst fliessend:

Ein Mensch entwickelt die Idee und schreibt selbst.

Ein Mensch schreibt und lässt korrigieren.

Ein Mensch liefert Gliederung, Argumente und Tonalität, während die KI einen Entwurf formuliert.

Eine KI liefert Rohmaterial, das anschliessend vollständig überarbeitet wird.

Oder ein Mensch übernimmt einen generierten Text ungelesen – was tatsächlich eine ziemlich schlechte Idee sein kann.

All diese Fälle unter „KI-generiert“ zusammenzufassen, mag bequem sein. Erkenntnisgewinn bringt es kaum.

Auch die MIT-Studie braucht Kontext

Der BR24-Beitrag greift zudem eine MIT-Untersuchung über das Schreiben mit ChatGPT auf. Darin zeigten Teilnehmende, die für Aufsätze ein Sprachmodell verwendeten, eine geringere gemessene Gehirnvernetzung, erinnerten sich schlechter an ihre Formulierungen und empfanden weniger Besitzgefühl gegenüber ihren Texten.

Das ist interessant und sollte ernst genommen werden.

Es ist aber kein Beweis dafür, dass Textgenerierung generell „dumm macht“. Untersucht wurde eine kleine Gruppe in einer konkreten Aufgabensituation: 54 Personen nahmen an den ersten drei Durchgängen teil, 18 am vierten. Die Studie zeigt vor allem, dass vollständiges Auslagern einer Denk- und Schreibaufgabe etwas anderes mit uns macht, als wenn wir selbst nachdenken und formulieren.

Überraschend ist das nicht.

Wer einen Taschenrechner lediglich das Endergebnis ausspucken lässt, trainiert weniger Kopfrechnen. Daraus folgt jedoch nicht, dass Taschenrechner grundsätzlich verdummen. Es kommt darauf an, wie, wann und wofür man sie benutzt.

Genauso verhält es sich mit ChatGPT. Wer das Denken delegiert, denkt weniger. Wer die KI nutzt, um das eigene Denken zu hinterfragen, Alternativen zu prüfen oder einen Text weiterzuentwickeln, kann dagegen ausgesprochen intensiv arbeiten.

Das Werkzeug entscheidet nicht allein über die geistige Leistung. Der Umgang damit tut es.

Mein eigentliches Problem mit dem BR24-Beitrag

Ich bestreite nicht, dass KI-Texte wiederkehrende Muster aufweisen können. Natürlich gibt es formelhafte Antworten, sterile Übergänge, übertriebene Freundlichkeit, falsche Gewissheit und jene ganz besondere Art von sprachlicher Watte, in der viele Worte ausgesprochen wenig sagen.

Nur: Auch menschliche Texte können banal, austauschbar und seelenlos sein. Wer regelmässig Pressemitteilungen, Geschäftsberichte oder politische Stellungnahmen liest, weiss, dass wir dafür keine künstliche Intelligenz benötigt haben.

Mein Problem ist deshalb nicht, dass BR24 über mögliche Hinweise berichtet. Mein Problem ist die Gewissheit, mit der lose Beobachtungen als Erkennungsmerkmale präsentiert werden.

Ein Hinweis ist kein Beweis.

Eine sprachliche Marotte ist kein digitaler Fingerabdruck.

Und ein Gedankenstrich ist noch lange kein Geständnis.

Von einem öffentlich-rechtlichen Medium erwarte ich mehr als eine Checkliste, die Leserinnen und Leser mit trügerischer Sicherheit zurücklässt. Ich erwarte Quellen, Einordnung und eine erkennbare Trennung zwischen persönlicher Beobachtung und wissenschaftlich belastbarer Aussage.

Gerade bei einem Thema, bei dem es um Wahrheit, Täuschung und Vertrauen geht, sollte journalistische Sorgfalt nicht optional sein.

Meine Schwierigkeiten mit verschiedenen Beiträgen von BR24 sind nicht neu. Subjektiv betrachtet zeigt die Qualitätskurve für mich seit einiger Zeit eher nach unten. Dieser Artikel wird diesen Eindruck leider nicht korrigieren. Er behandelt ein komplexes Thema, reduziert es auf vermeintlich leicht erkennbare Muster und liefert ausgerechnet für diese Muster kaum Belege.

Oder, um es in verdächtig KI-typischer Form auszudrücken:

Es geht nicht darum, ob BR24 über künstliche Intelligenz berichtet – es geht darum, wie sorgfältig BR24 darüber berichtet.

Da ist er wieder, der Gedankenstrich. Er konnte einfach nicht anders.

Und nun zur Quizfrage

Wurde dieser Text von einem Menschen geschrieben?

Wurde er von ChatGPT geschrieben?

Hat ein Mensch die Gedanken geliefert und eine KI beim Formulieren geholfen? Hat die KI nur die Rechtschreibung geprüft? Wurde jeder zweite Satz nachträglich verändert? Oder sitzt hier vielleicht ein Mensch, der schon Gedankenstriche, Dreiklänge und pointierte Kontraste verwendet hat, bevor ChatGPT überhaupt existierte?

Wer die Antwort allein anhand der Tipps aus dem BR24-Artikel herausfinden möchte, darf jetzt zählen:

Gedankenstriche: vorhanden.

Dreiergruppen: vorhanden.

„Es ist nicht X, es ist Y“: ebenfalls vorhanden.

Damit scheint der Fall gelöst. Oder etwa nicht?

Die ehrliche Auflösung lautet: Ja, dieser Beitrag ist unter Mitwirkung von ChatGPT entstanden. Die Haltung, die Kritik, die persönlichen Erfahrungen und die Richtung stammen von mir. Die KI half dabei, daraus einen strukturierten Entwurf zu formulieren. Ich habe entschieden, was gesagt wird, welche Argumente überzeugen und welchen Text ich veröffentlichen möchte.

Und falls ich diesen Entwurf nun überarbeite, Absätze umstelle, eigene Formulierungen ergänze und Passagen streiche: Ab welchem Wort gehört der Text wieder mir?

Vielleicht ist das die wesentlich interessantere Frage.

Nicht: „Hat hier eine KI mitgeschrieben?“

Sondern: „Ist der Text wahr, nachvollziehbar, sorgfältig geprüft und verantwortungsvoll veröffentlicht worden?“

Wer darauf eine überzeugende Antwort findet, darf seine Gedankenstriche behalten.

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